Kommentar: Mythos Zeitenwende – Warum das wichtigste Kanzlerwort zum Ukraine-Krieg ein Irrtum ist

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Fast genau ein Jahr ist es her, dass Moskau einen menschenverachtenden Angriffskrieg gegen die Ukrainer begann. Russische Panzer überrollten im Morgengrauen die Grenze, und als Deutschland wenige Stunden später erwachte, machte sich das Gefühl einer neuen Welt breit. Als habe sich über Nacht der Lauf der Zeit gewendet.
Wir waren durstig nach Einordnungen, nach Erklärungen für das, was sich zutrug. Und wir bekamen diese Erklärung nur drei Tage später, als unser Kanzler im Bundestag eine Rede hielt, die Geschichte schrieb. „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents“, sagte Olaf Scholz. „Zeitenwende“. Ein Wort, das scheinbar alles erklärte.
Es wundert nicht, dass dieser Ausdruck seitdem eine beeindruckende Karriere hingelegt hat, zum Wort des Jahres gewählt wurde. Eine rhetorische Meisterleistung, des sonst eher wortkargen Bundeskanzlers. Denn die „Zeitenwende“ lieferte in nur wenigen Silben eine Erklärung für das neue deutsche Unbehagen.
Scholz rhetorische Meisterleistung hatte nur einen Nachteil: Sie stimmte nicht.