Interview: Heinrich August Winkler: „Es geht auch um unsere Freiheit“
Für den Historiker ist es zwingend notwendig, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf wirksam zu unterstützen — nicht trotz, sondern wegen der deutschen Geschichte.
Foto: Imago, APSelten hat ein Ereignis die Glaubenssätze des Westens so erschüttert wie der offene Angriffskrieg gegen die Ukraine, den Russland vor einem Jahr begonnen hat. Wenn es darum geht, Ereignisse einzuordnen, möglichen Analogien nachzuspüren oder wiederkehrende Handlungsmuster zu erkennen, sind vor allem Historiker gefragt.
Heinrich August Winkler, einer der renommiertesten Historiker Deutschlands, erklärt im Gespräch mit dem Handelsblatt, warum militärische Zurückhaltung zwar eine vernünftige Maxime sei, diese aber nicht zum „Alibi für Verantwortungsscheu“ werden dürfe.
Herr Winkler, ein Jahr dauert der Krieg in der Ukraine, von dem es zunächst hieß, Russland würde wenige Wochen oder Monate brauchen, um die Kontrolle zu erlangen. Hat Sie das überrascht?
Dass die Ukrainer derart geschlossen und ausdauernd Widerstand leisten würden, habe ich nicht erwartet. Ich bin von ihrem Durchhaltevermögen und ihrer Tapferkeit tief beeindruckt.
Noch so große Tapferkeit hilft aber nicht weiter, wenn die notwendigen Waffen fehlen. Vor allem der Bundeskanzler stand hier wegen seiner zögerlichen Haltung lange in der Kritik. Haben Sie Verständnis für die Haltung des Kanzlers?
Ja. Er versucht, die möglichen Folgen seiner Entscheidungen umfassend zu bedenken, handelt also verantwortungsethisch. Die praktischen Konsequenzen aus seiner Rede zur „Zeitenwende“ vom 27. Februar letzten Jahres hätten, was den Verteidigungsbereich angeht, aber sehr viel früher gezogen werden müssen.