Versicherungskonzern: Allianz-Chef Oliver Bäte darf wohl weitermachen
Vor allem im Ausland, so urteilen Großinvestoren, kann der Konzernchef durch perfekte Auftritte punkten.
Foto: BloombergMünchen. In der Frage, ob der Vertrag von Allianz-Chef Oliver Bäte verlängert oder ob er nicht verlängert wird, ist eine wichtige Vorentscheidung gefallen. Der Aufsichtsrat um den Vorsitzenden Michael Diekmann hat Bäte für seine Leistung im vergangenen Jahr die Bestnote unter allen Allianz-Vorständen erteilt.
Widerstand gegen einen neuen Kontrakt ist aus diesem Gremium somit nicht mehr zu erwarten. Das geht aus dem Geschäftsbericht zum vergangenen Jahr hervor, den die Allianz am Freitag veröffentlicht hat. Bätes bisheriger Vertrag läuft im September 2024 aus.
Beim sogenannten individuellen Beitragsfaktor (IBF), einer Bewertung der persönlichen Leistung, basierend auf finanziellen und nicht finanziellen Zielen, den die Aufseher des Konzerns jedes Jahr in einer Spanne zwischen 80 und 120 Prozent verteilen, erhielt Bäte diesmal 116 Prozent.
Damit summiert sich sein Gehalt für das Jahr 2022 auf insgesamt 6,78 Millionen Euro. Das sind 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr, was vor allem an der durchwachsenen Entwicklung des Aktienkurses lag.
Der Allianz-Chef hatte im vergangenen Jahr wegen fehlgeschlagener Hedgefonds-Spekulationen der Tochter AGI in den USA massiv unter Druck gestanden. Unter dem Namen Structured Alpha hatten Großinvestoren zu Beginn der Coronapandemie hohe Summen verloren.
„Zügiges“ und „Umsichtiges“ Vorgehen im Structured-Alpha-Skandal
Im Mai des vergangenen Jahres bekannte sich der Versicherer dafür schuldig und einigte sich mit den US-Behörden auf eine Gesamtzahlung von 5,8 Milliarden Dollar an Strafen und Entschädigungen. Der größte Teil davon floss an geschädigte Kunden.
Dieses Vorgehen führte dazu, dass die Aufsichtsratsmitglieder nicht nur das erneute operative Rekordergebnis sowie die Bestleistungen bei Markenstärke, Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit lobten, sondern auch Bätes Rolle bei der Bewältigung des Structured-Alpha-Skandals hervorhoben: „Die zügige Bewältigung der Structured-Alpha-Verfahren in den USA und die Etablierung der Partnerschaft mit Voya Investment Management zur Stärkung des US-Geschäfts der Allianz Global Investors sind nicht zuletzt seinem umsichtigen Handeln zu verdanken“, heißt es im Vergütungsbericht wörtlich.
In den kommenden Monaten dürfte es für den Allianz-Chef nun darum gehen, die Aufseher von seiner Vision zu überzeugen, wie er den Konzern mit seinen knapp 160.000 Mitarbeitern weltweit über die Mitte des Jahrzehnts hinaus in die Zukunft führen kann. Diese Frage soll in den kommenden Monaten besprochen werden, heißt es aus dem Haus.
Spätestens zum Jahreswechsel werde dann entschieden, wie die weitere Zusammenarbeit aussehen könnte. „Bäte sollte bei einer neuen Amtszeit die Fokussierung der Geschäftsfelder und die Profitabilität weiter steigern“, fordert Andreas Thomae vom Fondsanbieter Deka, einem der Großaktionäre der Allianz. Eine große Herausforderung für Bäte sieht er in der hohen Inflation.
„Bei der Digitalisierung wollte Bäte vielleicht zu viel“
Andere Investoren erkennen Nachholbedarf bei der Ende 2021 vorgestellten Dreijahresstrategie mit dem Titel „Simplicity at Scale“. In der geht es vor allem um die technologische Fortentwicklung, mehr Kapitaleffizienz und einfachere Abläufe. Noch greift hier manches nicht.
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„Bei der Digitalisierung wollte Bäte vielleicht zu viel und zu schnell Ergebnisse“, wertet Steffen Weyl, Fondsmanager bei der genossenschaftlichen Union Investment, das bisher Erreichte. „Der große Wurf ist ihm dabei noch nicht gelungen.“ Die Großinvestoren sind neben dem Aufsichtsrat wichtige Wortführer, wenn es um bedeutende Personalien geht.
Derzeit deutet vieles darauf hin, dass der Vertrag von Bäte verlängert wird – fraglich ist jedoch die Dauer. Denn Bäte wäre bei Ende seines bisherigen Arbeitsvertrags 59 Jahre alt und würde drei Jahre später die Altersgrenze für Allianz-Vorstände von 62 Jahren erreichen. So kommt eigentlich nur ein neuer Dreijahresvertrag infrage. Mit einer weiteren Amtszeit wäre der jetzige Allianz-Chef dann genauso lange im Amt wie seine Vorgänger Michael Diekmann und Henning Schulte-Noelle.
Was dann nach dem Erreichen des 62. Lebensjahres noch möglich wäre, ist eine weitere Verlängerung der Vorstandstätigkeit um jeweils ein Jahr – sofern sich beide Seiten einig sind. Bei Sergio Balbinot, der zum Jahreswechsel im Alter von 64 Jahren aus dem Allianz-Vorstand ausgeschieden ist, war dies der Fall. Der Italiener war wegen seiner großen Expertise der Märkte in Asien geschätzt und bekam zum Abschied vom Aufsichtsrat eine Bewertung von 115 Prozent für seine Leistung im vergangenen Jahr zugebilligt.
Im Fall von Vorstandschef Bäte halten Beobachter indes eine jährliche Verlängerung ab dem 62. Lebensjahr, die theoretisch bis zum 67. Lebensjahr fortsetzbar wäre, für unrealistisch. Denn, so heißt es, die Besetzung der Position des Vorstandschefs verlange langfristige Planungssicherheit.
Kaum Konkurrenz im eigenen Haus
Möglich wäre aber auch, dass der Versicherer bei der Frage der Vertragsverlängerung von Bäte seine Altersregelung hinterfragen würde. Dazu rät etwa Deka-Fondsmanager Thomae. „Die Altersgrenze von 62 Jahren ist kein Hinderungsgrund, warum man den Vertrag mit Bäte nicht auch um fünf Jahre verlängern sollte“, sagt er.
Sowohl Deka als auch Union Invest beurteilen eine Vertragsverlängerung um drei wie auch um fünf Jahre positiv. Im Gegensatz zur Situation vor einem Jahr, als die Auswirkungen der Structured-Alpha-Investitionen ungeklärt waren, kommt vonseiten der Investoren inzwischen kaum noch Widerstand gegen eine Vertragsverlängerung.
„Er hat das Problem um Structured Alpha solide gelöst, seine operative Performance ist gut“, zieht Union-Fondsmanager Weyl eine positive Bilanz.
Die Allianz-Personalchefin gilt als ambitioniert und schnitt ebenfalls in der Beurteilung durch den Aufsichtsrat sehr gut ab.
Foto: AllianzBleibt schlussendlich noch die Frage zu klären, ob es für die Besetzung des Chefpostens Konkurrenz aus dem eigenen Haus gibt. Doch innerhalb des zuletzt auf neun Köpfe verkleinerten Vorstands findet sich niemand, der offen gegen Bäte interveniert und selbst seine Ambitionen zeigt.
So gelten Vorstände wie Renate Wagner oder Andreas Wimmer zwar als ambitioniert, halten sich jedoch angesichts eines nach wie vor äußerst agilen Oliver Bäte bedeckt. Das jedenfalls berichten Mitarbeiter.
Wagner erhielt vom Aufsichtsrat für ihre Leistung im vergangenen Jahr 114 Prozent zugebilligt. Bei ihr lobten die Aufseher weitere Verbesserungen bei der strategische Personalplanung und der Unterstützung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Flexibilisierung und Modernisierung der Arbeitswelten. Auch hoben sie die konsequente Verbesserung der Konzern-Governance und erfolgreiche Begleitung komplizierter Transaktionen hervor, zum Beispiel die strategische Partnerschaft mit Voya Investment Management.
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Wimmer wurde für seine Leistung mit 112 Prozent bewertet. Damit erhielt er nicht nur eine niedrigere Note als Wagner, sondern auch im Vergleich zu seinem Vorstandskollegen Klaus-Peter Röhler (114 Prozent) sowie Giulio Terzariol, Christopher Townsend und Günther Thallinger, die es jeweils auf 113 Prozentpunkte brachten. Bisher schon galt Wimmer eher als Außenseiter, wenn es um eine mögliche Bäte-Nachfolge ging. Daran hat sich mit dieser Bewertung nichts geändert.
„Die Wahrnehmung von Oliver Bäte ist im Ausland besser als in Deutschland“
Offen bleibt bislang auch, was Bäte selbst nach Ablauf seines bisherigen Kontrakts will. „Wir haben alle Spaß an der Arbeit“, sagte er auf die Frage nach seiner persönlichen Zukunft bei der Präsentation der Bilanz im Februar. Man möge doch bitte abwarten. Spielraum für Interpretationen bleibt so nach allen Seiten offen.
Die große wirtschaftspolitische Bühne wie zuletzt beim Weltwirtschaftsforum in Davos genieße Bäte sehr, berichten Mitarbeitende. Auch Auftritte in amerikanischen und englischen Börsensendern geraten dem im perfekten Englisch parlierenden Vorstandschef stets zum Heimspiel. Durchaus denkbar wäre es deshalb, dass er auf internationaler Ebene noch einmal einen Neustart versucht.
„Die Wahrnehmung von Bäte ist im Ausland besser als in Deutschland, für einen deutschen CEO wirkt er dort überdurchschnittlich und durch seine internationale Art weit vor der Kurve“, sagt Union-Fondsmanager Weyl. Die Aussage lässt auch anklingen, dass Bätes Wahrnehmung in Deutschland oft eine andere ist. Nicht eben selten nehmen ihn Außenstehende wegen seiner direkten und manchmal schroffen Art durchaus auch „als überheblich“ wahr.
Vom Tisch sein dürfte indes die Idee, wonach Bäte im kommenden Jahr als Allianz-Chef ausscheidet, um nach der gesetzlich vorgeschriebenen zweijährigen Abkühlungszeit als Chef des Aufsichtsrats zurückzukehren. Zu groß ist inzwischen der Widerstand vor allem von US-Investoren, die dem skeptisch gegenüberstehen, heißt es aus dem Haus.
Inzwischen äußern auch deutsche Großinvestoren Bedenken. „Ein Wechsel in den Aufsichtsrat nach zweijähriger Abkühlung ist nicht ideal, wir würden das auch im Fall von Bäte nicht begrüßen“, so Thomae von der Deka.
Aufsichtsratschef Diekmann war in den vergangenen Wochen bei Investoren unterwegs und lotete deren Meinung aus. Vor allem der heftige Widerstand angelsächsischer Großanleger gegen eine solche Lösung habe ihn überrascht, berichten Vertraute.