Kommentar: Weltfrauentag: Diversität ist auch aus ökonomischer Perspektive ein Muss
Es gilt jetzt, die Chancen der Diversität in den Blick zu nehmen.
Foto: Stone/Getty ImagesWeltfrauentag 2023 – und wir hören Männer klagen, die sich angesichts von Gleichstellungspolitik und Diversity-Strategien ungerecht behandelt fühlen. Ernsthaft? Hier werden Ursachen und Folgen der Ereignisse verdreht: Es geht nicht darum, Frauen oder andere gesellschaftliche Gruppen zu privilegieren. Sondern darum, Ungerechtigkeiten zu beseitigen, unwirtschaftliche Missstände zu beheben.
Der Weg zur Gleichberechtigung ist keine Erholungsreise. Und die Anzahl der Plätze in der ersten Klasse, um im Bild zu bleiben, ist begrenzt: Wenn es selbstverständlich ist, dass Frauen, Menschen mit Behinderung, Personen mit türkischen Nachnamen oder Menschen mit LGBTIQ-Hintergrund auf Vorstandssesseln oder an einem Kabinettstisch Platz nehmen, weil sie die besten sind, dann gibt es dort weniger Sitzmöglichkeiten für Vertreter jener Gruppe, die bislang Entscheidungen dominierte. Und das sind in Deutschland nach wie vor Männer mit heller Hautfarbe, ähnlichem soziologischen Hintergrund und typisch deutschen Namen.
Chancengleichheit und gelebte Vielfalt sind moralisch geboten und in unserem Grundgesetz verankert. Längst weiß auch die Wirtschaft, dass sie sich lohnen. Deshalb geht es auch nicht nur um die Unternehmensführung. Lösungsansätze aus allen Ecken der Belegschaft sollen einfließen in Geschäftsmodelle. Diskriminierende Muster auf allen Ebenen sollen sich auflösen. Verkrustete Firmenkulturen sollen aufbrechen. Solche Veränderungen sind anstrengend, für jeden und jede. Aber sie sind explizit das Ziel.
Das heißt zwangsläufig auch: Angehörige der bisher mit Machtfülle ausgestatteten Gruppe werden weniger Einfluss haben. Sie werden weniger oft Entscheidungen treffen, seltener auf begehrten Posten landen. Es ist unmöglich, das eine zu fördern, ohne das andere einzuschränken.
Das mag sich im Einzelfall ungerecht anfühlen: Man(n) selbst hat ja nichts falsch gemacht, arbeitet genauso hart wie zuvor. Doch es gilt jetzt, die Chancen der Diversität in den Blick zu nehmen. Wenn das Konzept Vielfalt gelebt wird, profitiert das Ganze. Kein Ideenpapier landet mehr im Papierkorb, nur weil es jemand verfasst hat, dem die dominierende Personengruppe nichts zutraut. Risiken werden rechtzeitig anerkannt, weil gemischte Teams einer Jasager-Kultur entgegenwirken. Viele Kolleginnen und Kollegen können endlich ihr ganzes Potenzial einbringen, weil sie nicht mehr kraftraubend einen Teil ihrer Identität verstecken.
Gelebte Vielfalt für Lösungen in unsicheren Zeiten
Wir brauchen gelebte Vielfalt, um Lösungen zu finden in dieser unsicheren Zeit – wo in Europa wieder Krieg herrscht, die Klimakrise unsere existenzielle Grundlage gefährdet, gleichzeitig digitale Revolutionen und Künstliche Intelligenz neue Geschäftsmodelle ermöglichen und andere zerstören.
Wer bereit ist für Veränderungen, Perspektivwechsel und Innovationen, auch in Bezug auf die eigene Person, findet in einer Welt mit echter Chancengleichheit einen guten Platz – vielleicht sogar auf einem Vorstandssessel. Wer diese Entwicklung zum Schutz der eigenen Privilegien ablehnt, disqualifiziert sich selbst.
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