Bundesbank-Chef Nagel: Kerninflation dürfte sich vor der Sommerpause abschwächen
Der Bundesbank-Chef erwartet, dass weitere Zinserhöhungen nötig sein werden.
Foto: BloombergDüsseldorf. Bundesbank-Chef Joachim Nagel geht davon aus, dass sich die Kerninflation noch vor den Sommerferien abschwächen wird. Dennoch sei die Inflation zu hoch und man müsse „mehr bei den Zinsen tun“, sagte der Notenbanker am Montag in dem Podcast „Pioneer Briefing“.
Bei der Kerninflation werden besonders schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel ausgeklammert. Im März war der Wert im Euro-Raum auf einen Rekordwert von 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen – die Gesamtinflationsrate war derweil deutlich auf 6,9 Prozent gesunken. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht bei einem mittelfristigen Wert von etwa zwei Prozent Preisstabilität.
Die Entwicklung der Kerninflation ist von großer Bedeutung, denn sie gilt als guter Indikator für diese mittelfristige Preisentwicklung. Der inzwischen vierte Anstieg in Folge könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Preisschub im Euro-Raum noch länger anhalten könnte. Die Direktorin der Europäischen Zentralbank, Isabel Schnabel, sagte, dass die Kerninflation inzwischen hartnäckiger sei als die Gesamtinflation, bereite Notenbankern „auch einige Kopfschmerzen“.
Christine Lagarde geht von weiterhin hoher Kerninflation aus
EZB-Präsidentin Christine Lagarde erwartet, dass ein historisch kräftiges Wachstum der Löhne die Kerninflation für einige Zeit weiter hoch halten wird. Auch der spanische Notenbankchef Pablo Hernandez de Cos geht davon aus, dass die Kerninflation im weiteren Jahresverlauf hoch bleiben wird. Daher müsse man die Entwicklung genau beobachten, sagte der Notenbanker in der vergangenen Woche.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostizierte kürzlich, dass die Kerninflation auch Ende 2024 noch über den Zielen der Notenbanken liegen wird. Die Zentralbanken sollten daher ihren Zinserhöhungskurs fortsetzen, auch die EZB für die Euro-Zone. Dies müsse so lange geschehen, bis die Kerninflation wieder unter Kontrolle sei, so der IWF.
Auch Bundesbank-Chef Nagel erwartet, dass weitere Zinserhöhungen nötig sein werden. Er gehe nicht davon aus, „dass unsere Arbeit bereits – oder auch nur größtenteils – getan ist“, sagte er.
Am 4. Mai findet die nächste EZB-Zinssitzung statt. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge, die vom 5. bis 13. April durchgeführt wurde, werden die Notenbanker die Leitzinsen im Mai, Juni und Juli um jeweils 25 Basispunkte anheben. Der Einlagensatz würde damit bei 3,75 Prozent liegen. Dieses Niveau werden die Ökonomen der Umfrage zufolge bis Anfang 2024 beibehalten.
Im Kampf gegen die Inflation: Uneinigkeit über die nächsten Zinserhöhungen
Österreichs Nationalbankchef Robert Holzmann brachte kürzlich mit Blick auf die Kerninflation auch eine Zinsanhebung um einen halben Prozentpunkt im Mai ins Spiel. Der Notenbanker gilt als Falke, also als Anhänger einer restriktiven Geldpolitik.
Portugals Notenbankchef Mario Centeno dagegen sprach sich für eine Entscheidung zwischen einem Zinsschritt um 25 Basispunkte und einer Pause aus. Er sehe „überhaupt keinen Grund, mehr zu tun“, sagte er im Interview mit Bloomberg. Man ziele auf die Gesamtinflation ab, nicht auf die Kerninflation.
Erstpublikation: 17.04.2023, 10:07 Uhr (zuletzt aktualisiert am 17.04.2023, 12:57 Uhr).