Geldpolitik: Britische Notenbank erhöht Leitzins auf 4,5 Prozent
Der Chef der britischen Notenbank schließt auch einen weiteren Zinsschritt nicht aus.
Foto: ReutersLondon. Die Bank von England (BoE) bietet der hartnäckig hohen Inflation mit einer weiteren Zinserhöhung Paroli. Sie erhöhte den geldpolitischen Schlüsselsatz am Donnerstag um einen Viertelpunkt auf 4,5 Prozent.
Großbritannien kämpft als einziges Land in Westeuropa mit Inflationsraten im zweistelligen Bereich. Die bisherige Geldpolitik der Zentralbank hatte keinen durchschlagenden Erfolg.
Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten daher mit einem Zinsschritt in dieser Höhe gerechnet. Es war bereits die zwölfte Anhebung in Folge.
Davor hatte der Zins noch knapp über der Nulllinie gelegen. Aktuell rangiert der Leitzins auf einem 15-jährigen Höchststand.
Die BoE wandelt mit der Zinserhöhung auf den Spuren der Federal Reserve in den USA, die angesichts weiter eingedämmter Inflationsgefahren jedoch auf eine Pause zusteuern dürfte. Ob die Notenbank in London in puncto geldpolitischer Straffung nun bereits das Ende der Fahnenstange erreicht hat, bleibt hingegen ungewiss.
>> Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Gefahr der Inflation ist noch nicht gebannt
In der BoE war die aktuelle Erhöhung umstritten. Mit Swati Dhingra and Silvana Tenreyro votierten zwei Mitglieder des geldpolitischen Ausschusses für gleichbleibende Zinsen.
Weitere Straffung vielleicht erforderlich
Die Experten der US-Investmentbank Goldman Sachs gehen davon aus, dass die Zinsen noch weiter steigen werden – auf bis zu 5,0 Prozent im August. Der weiterhin hohe Inflationsdruck spreche ebenso dafür wie die relativ robuste Wirtschaft, die nicht in die von vielen Ökonomen befürchtete Rezession abgerutscht sei.
Auch die Notenbank rechnet nun nicht mehr mit einer solchen Talfahrt der Wirtschaft. Zugleich erwartet sie, dass die Inflation langsamer sinken wird als erhofft.
„Sollte es Anzeichen für einen anhaltenden Druck geben, wäre eine weitere Straffung der Geldpolitik erforderlich“, erklärte die BoE. Sie behielt damit die geldpolitische Orientierungslinie für die Finanzmärkte bei, die sie bereits im Februar und März ausgegeben hatte.
Ein Teil des Inflationsschubs geht auf die starke Abhängigkeit des Landes von importiertem Erdgas zur Energiegewinnung zurück, das sich infolge des Ukrainekriegs stark verteuert hat. Dieser statistische Effekt dürfte in den Teuerungszahlen der kommenden Monate eine weniger große Rolle spielen.
„Die Inflation dürfte in den nächsten Monaten zwar deutlich fallen, jedoch bleibe das Risiko bestehen, dass die Zweitrundeneffekte des Energiepreisschocks auf Löhne und heimisch produzierte Güter langsamer zurückgehen“, sagt Dirk Chlench, Analyst bei der LBBW.
Zudem lassen die jüngsten Tarifrunden in der Notenbank die Sorge aufkommen, dass sich erhöhter Lohndruck aufbaut. Dann dürfte sich die Inflation in der Wirtschaft auf breiter Basis festsetzen. „Alles in allem kann wohl ein zusätzlicher Schritt im Juni nicht ausgeschlossen werden“, meint Helaba-Ökonom Ulrich Wortberg.