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GastkommentarEntlassungen der Tech-Riesen treiben die Innovation im Silicon Valley voran

Die Stärke des Valley ist, Krisen in Chancen zu wandeln. Die Entlassungswelle wird dafür sorgen, dass viele endlich ihr eigenes Start-up gründen, prophezeit Kati Schmidt. 17.05.2023 - 09:00 Uhr
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Kati Schmidt ist im neunten Monat schwanger und wurde vor acht Wochen von ihrem Arbeitgeber entlassen. Inzwischen sieht sie auch Chancen in dieser neuen Lage.

Foto: Handelsblatt

Große und mittlere Tech-Firmen haben in den vergangenen Monaten Zehntausende von Mitarbeitenden entlassen: Meta hat im April 10.000 Beschäftigten gekündigt, nachdem im November 2022 bereits 11.000 gehen mussten. Auch bei Amazon gab es im März eine zweite Kündigungswelle für 9000 Angestellte.

Bei kleineren Tech-Firmen wie Spotify, Groupon oder Pinterest sieht es kaum anders aus – wenn auch auf geringerem Niveau: Sie haben zu Jahresbeginn mehrere Hundert Mitarbeitende entlassen.

Bei der schieren Zahl der Entlassungen sind individuelle Gespräche mit den Betroffenen kaum möglich: Kleinere Unternehmen haben sie meist via Video-Call informiert, um die schlechte Nachricht möglichst abzumildern und zu vermeiden, dass Betroffene sich an einen Anwalt wenden oder ihren Frust über den ehemaligen Arbeitgeber in den sozialen Netzwerken rauslassen. Bei Meta hatten alle Angestellten am 19. April eine E-Mail im Postfach, aus der hervorging, ob sie bleiben durften oder nicht.

Das Netzwerk des Valley läuft gerade auf Hochtouren

In den Arbeitsverträgen behalten sich die Tech-Firmen vor, dass das Arbeitsverhältnis von beiden Parteien ohne Vorwarnung von einer Minute auf die andere beendet werden kann. In Deutschland wäre das undenkbar, in den USA ist es üblich.

Dennoch fallen die Betroffenen im Silicon Valley in der Regel weich: Abfindungen decken oft das Gehalt für mehrere Monate ab, die Krankenversicherung wird für eine Zeit vom ehemaligen Arbeitgeber weitergezahlt. Unternehmensanteile können typischerweise mindestens 90 Tage lang weiterhin erworben werden und den Arbeitscomputer bekommen Ehemalige oftmals geschenkt.

Wer es sich finanziell erlauben kann, nimmt sich eine wohlverdiente Auszeit und überlegt sich genau, wo künftig die eigene Energie und manchmal auch das gesparte Startkapital investiert werden soll. Der Exodus könnte deshalb sogar just für eine Welle an neuen Start-ups und Innovationen sorgen: Wer nicht mehr im goldenen Käfig sitzt, gründet endlich das eigene Unternehmen oder steigt bei kleinen Start-ups mit enormem Potenzial ein.

Auf LinkedIn häufen sich Posts, in denen die frisch Entlassenen ihre Dankbarkeit für das gelernte Wissen bekunden.

Das viel gerühmte Netzwerk des Valley läuft auch in der Krise auf Hochtouren: Auf LinkedIn häufen sich Posts, in denen die frisch Entlassenen ihre Dankbarkeit für das gelernte Wissen bekunden – und mit der Bitte verbinden, das Netzwerk solle die Augen offen halten für passende Jobangebote.

Die im Silicon Valley gelebte Pay-Forward-Kultur – bei der man anderen etwas Gutes tut und die wiederum ebenfalls anderen helfen – führt dazu, dass viele Türen sich öffnen, sobald eine zufällt. Der Freundeskreis und das berufliche Netzwerk verurteilen eine Entlassung nicht, sondern gratulieren zur gewonnenen Freiheit und bieten Hilfe in Form von Coaching und Kontakten an.

Viele erfolgreiche Tech-Firmen sind in Krisenzeiten entstanden

Als Gründe für die Massenentlassungen werden der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierende Inflation genannt. Statt Wachstum um jeden Preis setzen die Unternehmen momentan auf Profitabilität und schrumpfen sich gesund, um für Anleger attraktiver zu werden. Wer jetzt einen Teil seiner Belegschaft entlässt, muss außerdem nicht fürchten, angeprangert zu werden, sondern geht in der Masse unter.

Ende 2022 sind nach Angaben des Jobportals LinkedIn für jeden, der die San Francisco Bay Area verlassen hat, zwei Neue hinzugekommen.

Experten erwarten dennoch, dass der Gründungs-Trend weitergeht: 2022 wurden in den USA nach Zahlen der US-amerikanischen Statistikbehörde 44 Prozent mehr Unternehmen gegründet als vor der Coronapandemie im Jahr 2019.

Auch ein Blick auf die großen Investitionen 2023 zeigt, dass das Geld weiterhin durchs Valley fließt: Microsoft hat zehn Milliarden US-Dollar in den Vorreiter der Künstlichen Intelligenz OpenAI investiert; der Online-Zahlungsanbieter Stripe hat eine Finanzspritze von 600 Millionen US-Dollar bekommen und die Humankapitalplattform Rippling hat 500 Millionen US-Dollar eingesammelt. Dem Geld folgen neue Arbeitsplätze in diesen Bereichen.

Diese Dynamik ist ansteckend und zieht wie ein Magnet weiterhin Talente aus aller Welt ins Valley. Ende 2022 sind nach Angaben des Jobportals LinkedIn für jeden, der die San Francisco Bay Area verlassen hat, zwei Neue hinzugekommen.

Und auch der Silicon-Valley-Tourismus aus aller Welt in Form von Delegationsreisen zur Inspiration hat wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht. Auch wenn jetzt hybrid oder vom Homeoffice gearbeitet wird – das Netzwerken findet bei Angestellten wie Entlassenen in Person auf Events oder beim Spaziergang statt.

Erfolgreiche Technologieunternehmen wie Electronic Arts, WhatsApp, Square und Uber sind in Krisenzeiten entstanden. Wie sehen die Gewinner aus, die sich in diesen unsicheren Zeiten bilden? Es bleibt spannend!

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Die Autorin:
Kati Schmidt war eine der ersten Mitarbeitenden bei Airbnb und hat zuletzt beim Bildungstechnologieanbieter Course Hero die Internationale Expansion geleitet. Sie ist im neunten Monat schwanger und wurde vor acht Wochen von ihrem Arbeitgeber entlassen. Zunächst war es ein Schock, aber inzwischen sieht sie durchaus auch Chancen in dieser neuen Lage.

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