Wall Street: Fed-Stresstest spielt Krisenszenario durch: US-Banken könnten bis zu 541 Milliarden Dollar verlieren
Die Bankenregulierer diskutieren weitere Reformen.
Foto: dpaNew York. Die US-amerikanischen Großbanken sind für eine schwere Wirtschaftskrise gerüstet, wie die Ergebnisse der Banken-Stresstests zeigen. Das Finanzsystem sei „stark und widerstandsfähig“, betonte Michael Barr, Vizechef der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), der für das Thema Regulierung zuständig ist.
In dem Negativszenario der US-Notenbank (Fed), das einen schweren Konjunktureinbruch annahm, konnten die 23 getesteten Institute im Schnitt eine Kapitalquote von 10,1 Prozent behalten, wie die Fed am Mittwoch nach US-Börsenschluss mitteilte. Damit liegen die Institute deutlich über der Mindestquote von 4,5 Prozent und könnten Unternehmen und Haushalte im Ernstfall weiter mit Krediten versorgen.
Die Fed ging davon aus, dass die Banken bei einer hypothetischen Krise insgesamt 541 Milliarden Dollar verlieren würden, darunter 100 Milliarden Dollar an Verlusten aus Gewerbeimmobilien und Wohnhypotheken. Die Arbeitslosigkeit schnellte in dem Szenario auf zehn Prozent.
Mit Blick auf die voraussichtlichen Kreditausfälle schnitten die Deutsche Bank und Charles Schwab mit am besten ab. Mit den größten Verlusten müssten dagegen Amerikas größte Bank JP Morgan Chase und Wells Fargo rechnen. Allerdings würde die harte Kernkapitalquote bei der US-Tochter der Deutschen Bank am stärksten sinken. Das liege Branchenkennern zufolge daran, dass das Frankfurter Institut kein Privatkundengeschäft in den USA hat.
Die Modelle der Fed wurden in diesem Jahr geändert, was die Berechnung zusätzlich beeinflusst habe. Auch bei den US-Töchtern der UBS und der Credit Suisse würde die harte Eigenkapitalquote im Krisenszenario vergleichsweise stark sinken.
Alternativen zum Stresstest
Früher waren die Stresstests der Fed gefürchtet. Institute, die bei den Tests durchfielen, mussten Aktienrückkaufpläne und Dividenden auf Eis legen, bis ihre Kapitalreserven in den Augen der Regulierer wieder ausreichend stark waren. Stellte die Fed Schwächen bei der Compliance fest, also dem Handel im Einklang mit geltendem Recht, musste eilig nachgebessert werden. Das war in der Vergangenheit etwa bei der Deutschen Bank der Fall.
Nun jedoch sind die Stresstests aufgeweicht worden. Banken können nicht mehr durchfallen, und kleinere Institute werden nur noch alle zwei Jahre getestet. Auch die Parameter des diesjährigen Tests stehen in der Kritik. So mussten die Banken zeigen, dass sie auch in einer schweren Krise noch ausreichend Kapital haben.
Die Frage, was passiert, wenn die Zinsen im Rekordtempo steigen, war indes kein Bestandteil des offiziellen Tests. Nur in einem sogenannten „explorativen Test“ wurden die Folgen steigender Zinsen abgeklopft. Das floss jedoch nicht in das Endergebnis ein, wie die Fed mitteilte.
Auch Fed-Vize Barr räumte ein: „Dieser Stresstest ist nur eine Möglichkeit, diese Stärke der Banken zu messen.“ Regulierer sollten „bescheiden bleiben“ und sicherstellen, dass die Institute „bei einer Reihe von wirtschaftlichen Szenarien, Marktschocks und anderen Belastungen widerstandsfähig sind“.
Nach der Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) und der Krise bei US-Regionalbanken im März steht die Fed gleich doppelt in der Kritik. Die Notenbanker haben im vergangenen März die Zinswende ausgerufen und seitdem den Leitzins im Rekordtempo auf die Marke von 5,0 bis 5,25 Prozent angehoben.
Die Folgen dieser Zinserhöhung wurden in ihren Stresstests indes nicht berücksichtigt. Gleichzeitig musste die Fed, die auch ein wichtiger Bankenregulierer ist, Fehler einräumen. Man habe von verschiedenen Mängeln bei der SVB gewusst, aber habe nicht entschlossen genug gehandelt, hieß es in einem Bericht der Notenbank im Mai.
Reformen stehen an
Nun, da sich die Lage bei den Regionalbanken wieder stabilisiert hat, diskutieren Regulierer über eine Reihe von regulatorischen Reformen, um weitere Bankenpleiten zu vermeiden. Derzeit spielen die Fed und der Einlagensicherungsfonds FDIC, ebenfalls ein wichtiger Bankenregulierer, eine Reihe von Ideen durch. Barr brachte vergangene Woche eine Art „umgekehrten Stresstest“ ins Spiel.
Die derzeitigen Stresstests messen, wie sich Institute in bestimmten Krisenszenarien schlagen. Doch die Methode hat Schwächen, wie die Bankenpleiten im März deutlich machten. Stattdessen sollten sich Regulierer eher fragen: „Welche Möglichkeiten gibt es, dass ein bestimmtes Institut nicht überlebt?“, so Barr auf einer Konferenz. Der Ansatz sei vergleichbar mit dem sogenannten „White Hat Hacking“, bei dem Unternehmen bewusst Hacker anheuern, die Schwachstellen in ihren Systemen finden sollen.
Fed-Chef Powell brachte vergangene Woche in einer Kongressanhörung ins Spiel, dass die Kapitalanforderungen der acht größten US-Banken um rund 20 Prozent angehoben werden könnten. Und FDIC-Chef Gruenberg erwägt, auch von kleineren Banken ab einer Bilanzsumme von 100 Milliarden Dollar dickere Kapitalpolster zu fordern. Somit könnten sie, ähnlich wie größere Institute, auch den internationalen Standards unterstellt werden, die unter dem Stichwort Basel III bekannt sind.
Die damit verbundene Verunsicherung ist auch der Grund dafür, warum sich viele Banken in diesem Jahr erst einmal zurückhalten, was Aktienrückkäufe und Dividenden angeht. So stehen Anforderungen zu Basel III aus, die die Kapitalvorschriften für Banken neu gestalten werden. Die Fed hat außerdem angekündigt, dass sie nach dem Zusammenbruch von vier regionalen Banken zu Beginn dieses Jahres Änderungen an der Bankenaufsicht vornehmen will.
Ab Freitag können Banken ihre Rückkauf- oder Dividendenpläne bekannt geben. Bankmanager haben in den vergangenen Wochen schon einmal Erwartungsmanagement betrieben, das gilt für große wie für kleinere Institute. So geht Amerikas größte Bank, JP Morgan Chase, davon aus, dass ihre Kapitalanforderungen steigen werden.
Gleiches gilt für US Bancorp und Huntington Bancshares. Beide Institute kündeten an, ihr Kapitalmanagement sehr defensiv anzugehen, um für strengere Anforderungen gerüstet zu sein. Analysten von Barclays erwarten, dass die größten US-Banken gut acht Prozent weniger an die Aktionäre ausschütten werden als im vergangenen Jahr.
Die Bankaktien reagierten nachbörslich weitgehend positiv auf die Stresstest-Ergebnisse. Das Papier von JP Morgan legte gut 1,7 Prozent zu. Die Aktie von Goldman Sachs stieg um 1,2 Prozent.