Märkte Insight: Noch mehr Streit über die Geldpolitik steht bevor

Der Streit um inflationssenkende Maßnahmen ist noch nicht vorbei.
Foto: HandelsblattWir erleben eine dramatische Zeit mit Seuche und Krieg, wenn auch Letzteren nur aus der Entfernung, aber dennoch bedrohlich nah genug. Dazu kommt der Konflikt zwischen den USA und China, den viele als die weltgeschichtlich wichtigste Auseinandersetzung ansehen.
Die akute Inflation, die Löcher in die Sparbuchguthaben und ins Haushaltsgeld reißt, dürfte dagegen später im historischen Rückblick verblassen, als kaum zu verhindernde Folge von Covid-19 und der russischen Attacke auf die Ukraine gelten, die aber überraschend schnell unter Kontrolle gebracht wurde.
Der nähere Blick, die Perspektive der Gegenwart, sieht naturgemäß anders aus. Die Ursachen der Inflation im Detail, ihre Bekämpfung und vor allem das richtige Timing erhitzen die Gemüter. Und das wird in der Endphase dieses Prozesses eher noch zunehmen. Und dieser Streit wird immer wieder für Unruhe an den Märkten sorgen.
Am Freitag wirkten neue Inflationsdaten positiv: Der Wert von 5,5 Prozent für den Euro-Raum half den Aktien, der Dax schloss 1,26 Prozent im Plus bei 16.148 Punkten. In den USA lief es ebenfalls gut: Die S&P 500 kletterte um 1,2 Prozent auf 4450 Punkte. Der Börsenwert von Apple überstieg kurzzeitig erstmals drei Billionen Dollar.
Zwei Risiken zur Auswahl
Aber die Entwicklung ist zurzeit besonders schwer einzuschätzen. Nachdem Spanien schon das Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent Inflation erreicht hat, während Deutschland mit über sechs Prozent weit davon entfernt ist, bestätigt sich drastisch: Die Euro-Währungszone ist alles andere als homogen, eine für alle passende Geldpolitik zu machen daher fast unmöglich.
Doch selbst in Deutschland sehen die meisten Experten jetzt einen deutlichen Abwärtstrend bei der Inflation. Hinzu kommt, dass die Inflationserwartungen erstaunlich stabil sind. Obwohl die EZB, ebenso wie die Fed in den USA, anfangs die Inflation unterschätzt und entsprechend zögerlich gehandelt haben, ist ihre Glaubwürdigkeit, soweit sich das an den Marktdaten ablesen lässt, nicht erschüttert.
Aber was heißt das für den verbleibenden Prozess der Inflation, der wahrscheinlich 2024 oder spätestens 2025 beendet ist, wenn nicht alle Experten komplett irren? Sollte die EZB jetzt gar kein Risiko eingehen, dass die Preise wieder entgleiten? Oder lieber nach einer Phase sehr rascher Zinserhöhungen vorsichtig vorgehen, um die Rezession zu vermeiden oder wenigstens in einem kleinen Rahmen zu halten, die in den Daten bereits zu erkennen und von den Kapitalmärkten indirekt deutlich prognostiziert wird?
Genau darüber dürfte der Streit unter Geldpolitikern wie auch unter externen Ökonomen sich eine Weile eher noch etwas heftiger drehen. Denn gerade jetzt gibt es in Europa, aber auch in den USA, die für die Kapitalmärkte viel wichtiger sind als Europa, zwei Sichtweisen, die dasselbe beschreiben, aber sich diametral widersprechen.
Zwei Sichtweisen widersprechen sich
Die einen sagen: Die Richtung stimmt und weil Geldpolitik immer mit deutlicher Verzögerung wirkt, wäre es fährlässig jetzt noch weiter zu straffen. Vor allem, weil die monatlichen Veränderungen zuletzt aufs Jahr gerechnet schon einer Inflationsrate von zwei Prozent entsprechen. Die anderen sagen: Die Richtung stimmt, aber die Inflation ist immer noch viel zu hoch, und gerade im Dienstleistungsbereich zeigt sich eine gewisse Eigendynamik, die es zu bremsen gilt.
In den USA wurden am Freitag neue Inflationsdaten bekannt, die auch zeigen, dass der Trend stimmt. Dabei handelte es sich um den Preisindex der persönlichen Ausgaben (PCE), der etwas anders konzipiert ist als der offizielle Verbraucherpreisindex (CPI), aber bei der Fed besondere Beachtung findet. Der PCE für Mai, die Berechnung kommt immer etwas verzögert, lag mit 3,8 Prozent deutlich niedriger als erwartet.
In der neuen Woche kommen am Montag Inflationsdaten aus der Schweiz. Erwartet werden für Juni 1,8 Prozent – die Eidgenossen sind schon am Ziel. Am Freitag gibt es neue Zahlen zum US-Arbeitsmarkt.