Shortlist des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises: Youtube: Innenansichten eines Weltkonzerns
Wer bislang noch nicht verstanden hat, wie die digitale Öffentlichkeit funktioniert, versteht es durch Bergens Buch ein Stück mehr.
Foto: dpaSan Francisco, Düsseldorf. Es gibt wohl nur wenige Internetseiten, die so gut wie jeder Nutzer schon einmal aufgerufen hat. Google, ja, aber dann kommen nicht mehr viele. Außer Youtube vielleicht – eine Google-Tochter. Mit mehr als zwei Milliarden Nutzerinnen und Nutzern und 500 Stunden an neuem Videomaterial pro Minute ist die Plattform die mächtigste Bildmaschine aller Zeiten.
Youtube ist eine der wichtigsten Medienmarken der Welt. Die Plattform aus dem Silicon Valley hat global verändert, wie Bewegtbild wahrgenommen und verteilt wird. Ihr Algorithmus entscheidet, was die Nutzer von der Welt zu sehen bekommen – und was nicht. Umso erstaunlicher ist es, dass bislang niemand mit einem Buch den Aufstieg der Plattform detailliert nachgezeichnet hatte.
Der Journalist Mark Bergen füllt diese Lücke. Mit seinem Buch „Youtube. Die globale Supermacht“ (englischer Originaltitel: „Like, Comment, Subscribe“) geht er zurück an die Anfänge, zu der Zeit, als die drei Gründer Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim in einem zunächst von Ratten verseuchten Büro den Algorithmus entwickelten. „Es war eine wilde Zeit“, erinnerte sich kürzlich Chen im Interview mit dem Handelsblatt.
Schon ein Jahr nach dem Start der Firma 2005 kaufte Google den Gründern ihr Start-up für 1,65 Milliarden Dollar ab. Dabei schlug Google einen Weg ein, den Youtube von Anfang an von anderen Anbietern unterschied: Youtuber werden für ihre Videos entlohnt.
Sie bekommen bis heute einen Anteil der Werbeeinnahmen, die Google erwirtschaftet. Das macht eine florierende Industrie von Videoformaten möglich. Denn allein mit den Werbeeinnahmen lässt sich ein lukratives Geschäft aufbauen.
Eine Geschichte von Profit und Gier
Bergen gelingt es in seinem Buch, die Leistungen, aber auch die Fehler von Youtube ausgewogen zu bewerten. Er zeigt, wie die Plattform mit geschickten Formaten und einer guten Technologie immer wichtiger wird.
Er zeigt aber auch, wie sich Google lange Zeit kaum um die Inhalte kümmerte, solange sie viele Klickzahlen erzeugten. Denn die Erzählung vom Weg des einst kleinen, innovativen Start-ups zum Billionen-Monopol ist gleichzeitig eine Geschichte von Profit und Gier.
Bergen zeigt, wie Youtube an dem umstrittenen Star Felix Kjellberg festhält, als dieser antisemitische und rassistische Aussagen tätigt. Bergen stellt dem die Einnahmen von Kjellberg über seinen Youtube-Kanal PewDiePie entgegen. Allein in der Zeit von 2012 bis 2019 habe Kjellberg rund 38,8 Millionen Dollar mit Werbung verdient – und Youtube 23 Millionen. Wo der Profit stimmt, gerät die Moral oft in Vergessenheit.
Die Situation wurde jedoch noch dramatischer. Im März 2019 erlebte Neuseeland den schlimmsten Terroranschlag in seiner Geschichte. Ein bewaffneter Mann erschoss 51 Menschen und streamte seine Tat live – zunächst auf Facebook. Anschließend tauchten auch Kopien auf Youtube auf. Während der Morde sagte der Mann: „Denkt daran, den Kanal PewDiePie zu abonnieren.“
In einer Analyse kam Neuseelands Regierung später zu dem Schluss, dass Youtube eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung des Angreifers gespielt hatte. Bei den Verhören habe der Täter ausgesagt, dass Youtube eine wichtige „Inspiration“ für ihn gewesen sei.
Von Katzen- bis Hetzvideos
Youtube steuert gegen. Das Unternehmen hat viele Regeln erlassen, um Hass und Gewalt auf der Plattform zurückzudrängen. PewDiePie zählt aber weiter zu einem der erfolgreichsten Anbieter – mit 111 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten.
Bergen hat jahrelang recherchiert, wie Katzenvideos ebenso wie Hetzvideos der Plattform zum Erfolg verhelfen konnten. Mehr als 300 Gespräche hat er geführt, Gerichtsdokumente ausgewertet, Interviews und Medienberichte studiert, um ein umfassendes Bild nachzeichnen zu können.
An Bergens Buch zeigt sich jedoch auch, wie schnell Informationen veralten. Bergen widmet in seinem Werk der langjährigen Chefin Susan Wojcicki viel Raum und zeigt, wie sie Youtube weiterentwickeln will. Aber schon kurz nach Erscheinen des Buchs verliert Wojcicki ihren Job und wird von Neal Mohan als CEO abgelöst, der Youtube einen neuen Kurs verordnet.
Sie war ab 1999 erste Marketingmanagerin von Google und von Februar 2014 bis Februar 2023 CEO von YouTube.
Foto: dpaBergen bietet es womöglich Stoff für ein neues Kapitel. Sein Buch ist und bleibt interessant, auch wenn einige Passagen bereits veraltet sind.
Seine umfassende Recherche, die einen Blick in das Innere des Konzerns ermöglicht, und die Leistung, Licht- wie Schattenseiten dieses Megakonzerns aufzuzeigen, machen das Buch auch heute noch lesenswert. Wer bislang noch nicht verstanden hat, wie die digitale Öffentlichkeit funktioniert, versteht es durch Bergens Buch ein Stück mehr.