Kommentar: Neue Chancen, neue Sorgen – die Folgen des Zinsgipfels für die Märkte

Was haben die Märkte schon eingepreist?
Foto: IMAGO/Panama PicturesWar es das? Die Frage bewegt jetzt, nach der Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag, den Kapitalmarkt. Die Antwort ist: Ja, sehr wahrscheinlich haben wir den Zinsgipfel erreicht.
Europas Notenbanker haben zwar die Tür zu weiteren Zinserhöhungen einen Spalt weit offen gehalten. Die US-Notenbank (Fed) wird am Mittwoch auch nicht herausposaunen, dass auf gar keinen Fall noch eine Zinserhöhung kommt.
Aber damit wollen beide Zentralbanken vor allem verhindern, dass die Kapitalmärkte zu euphorisch werden, sich die Finanzierungsbedingungen dadurch zu sehr lockern und der Geldpolitik bei der Inflationsbekämpfung jetzt noch in die Quere kommen.
Was passiert nach dem Zinsgipfel? Die Notenbanken und viele Ökonomen erwarten, dass die Zinsen noch eine Weile hoch bleiben. Die Märkte gehen eher davon aus, dass schon bald ein vorsichtiger Abstieg beginnt.
Möglich ist auch, dass die Zinsen zunächst oben bleiben und dann sehr schnell ein Stück weit gesenkt werden. Das könnte passieren, wenn doch noch eine tiefer als erwartete Rezession aufzieht, oder wenn es im Gebälk des Finanzsystems knirscht, wie es im März schon einmal bei der Krise amerikanischer Regionalbanken und der Credit Suisse deutlich wurde.
Notenbanken fallen als Helfer aus
Die neue Welt nach dem Zinsgipfel bringt neue Chancen, aber auch neue Sorgen mit sich. Mittelfristig werden wir wieder niedrigere Zinsen haben. Das gilt vor allem für die kurzfristigen Laufzeiten, die durch die Geldpolitik besonders hochgepusht wurden.
Chancen finden sich im Anleihebereich, weil sinkende Renditen umgekehrt steigende Kurse bedeuten. Aktien sollten auch davon profitieren. Aber die heutigen Börsenbewertungen passen gar nicht zu den immer noch hohen Anleiherenditen, die Aktienkurse haben die Zeit nach dem Zinsgipfel also schon zu einem guten Teil vorweggenommen. Und wenn die Wucht der geldpolitischen Straffung die Unternehmen erst voll erreicht, bremst das die Gewinne.
Die EZB in Frankfurt: Aufbruch in eine neue Welt an den Kapitalmärkten.
Foto: dpaLängerfristig bleiben daher auch Sorgen. Der Bedarf an Investitionen für den Umbau der Wirtschaft zu mehr Klimafreundlichkeit verlangt große Investitionen, der Ausbau der Verteidigungsfähigkeit auch. Die Staaten werden sich daher noch weiter verschulden müssen.
Wenn die Bevölkerung eher schrumpft und das Wachstum damit auch, wird die Schuldenlast drückender. Hinzu kommt, dass die Notenbanken nicht immer weiter indirekte Staatsfinanzierung über Anleihekäufe betreiben können.
Der Kapitalmarkt gerät auch immer weiter in den Sog der Politik. Wenn notwendige Investitionen unterbleiben, fehlt das Wachstum und damit auch der Stoff, aus dem Unternehmensgewinne gemacht werden. Wenn sie unsolide finanziert werden, steigt der Schuldenstand. Wenn die Ausgaben politisch schlecht begründet werden, zerreißt es die Gesellschaft – und das ist auch ein kapitales Risiko.