Energie: Deutschlands Gasversorgung steht auf unsicherem Fundament
Deutschland ist bei der Gasversorgung abhängig von den USA, Katar, gutem Wetter und reibungslosen Lieferketten.
Foto: picture alliance / Daniel KubirskiBerlin. Dass eine Gasmangellage in Europa im vergangenen Winter verhindert werden konnte, gilt als großer Erfolg. Doch auch ein Jahr nach dem russischen Gas-Lieferstopp ist die Versorgungslage angespannt, sind sich Wissenschaftler und Vertreter von Politik und Unternehmen einig.
Wirft man einen genaueren Blick darauf, woher Deutschland und Europa derzeit ihr Gas beziehen, wird klar, dass die neue Versorgungsstrategie auf einem unsicheren Fundament steht.
Seitdem der russische Energiekonzern Gazprom kein Pipelinegas mehr nach Deutschland liefert, hat sich die Gasversorgung in Europa stark verändert. Ein Großteil des Gases kommt jetzt nicht mehr durch Rohre aus Russland, sondern als Flüssigerdgas (LNG) per Schiff aus verschiedenen Ländern.
Dadurch habe Europa aber nur „eine alte Abhängigkeit durch neue Abhängigkeiten ersetzt“, sagte der Wissenschaftler Jacopo Maria Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik auf der Handelsblatt-Jahrestagung Gas.
Gasversorgung: Große Abhängigkeit von den USA und Katar
Zwar bedeute die stärkere Anbindung an den globalen Markt meist mehr Sicherheit durch Diversifizierung. Doch „kurz- bis mittelfristig haben wir eigentlich gar keine großen Diversifizierungsmöglichkeiten“.
Jacopo Maria Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik: „Kurz- bis mittelfristig haben wir eigentlich gar keine großen Diversifizierungsmöglichkeiten.“
Foto: Dietmar GustZahlen des Analysehauses ICIS zeigen, dass fast die Hälfte des europäischen Gases mittlerweile in flüssiger Form ankommt – und zwar vor allem aus den USA und Katar. Demnach liefern die USA fast die Hälfte des Flüssigerdgases und damit mehr als ein Fünftel des gesamten Erdgases nach Europa. Aus Katar kommen 14 Prozent des Flüssigerdgases, und somit knapp sieben Prozent des gesamten Erdgases.
Damit ist Europa von den USA und Katar zwar nicht so abhängig wie zuvor von Russland. Neue politische Entscheidungen zu Erdgasexporten aus den USA oder Katar würden Europa trotzdem schwer treffen. Und das ist keineswegs auszuschließen.
Der Wissenschaftler Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt, mahnte auf der Gas-Tagung: „Es ist momentan amerikanisches LNG, das uns rettet. Die Idee, dass die Amerikaner auf ewig liefern werden, ist im Sinne des Freihandels wunderbar. Aber nach den Wahlen in 14 Monaten könnte die Situation anders sein.“
Andreas C. Goldthau, Direktor der Willy Brandt School of Public Policy an der Universität Erfurt: „Die Idee, dass die Amerikaner auf ewig liefern werden, ist im Sinne des Freihandels wunderbar. Aber nach den Wahlen in 14 Monaten könnte die Situation anders sein.“
Foto: Dietmar GustSollte Donald Trump ein zweites Mal US-Präsident werden, sei es denkbar, dass es zu einer neuen Isolationismus-Debatte um amerikanisches Erdgas komme. Goldthau warnt davor, dauerhaft darauf zu setzen, dass „amerikanisches LNG in den Quantitäten zur Verfügung stehen wird, die wir gerne einkaufen würden“.
Technische Lieferprobleme werden schnell zum Problem
Zu den neuen Abhängigkeiten kommt ein zweites Problem: Selbst ohne geopolitische Verwerfungen ist die Gasversorgung so knapp, dass schon kleine, kurzfristige Lieferausfälle zu Problemen führen. ICIS-Analyst Andreas Schröder sagte: „Flüssigerdgas ist volatil.“ Europa und vor allem Deutschland müssten sich darauf einstellen, dass sich „diese Volatilität in den Preisen spiegelt“.
Andreas Schröder, Analyst von ICIS, im Gespräch mit Handelsblatt-Energie-Reporterin Catiana Krapp: „In einer kalten, sibirischen Woche können die Gasspeicher nur ein Drittel der Gasversorgung leisten.“
Foto: Dietmar GustBesonders kalte Winterwochen könnten so zum Problem werden, denn dann könnten „die Gasspeicher nur ein Drittel der Gasversorgung leisten“, sagte Schröder. „Ein weiteres Drittel kommt via Pipeline aus Norwegen. Aber das letzte Drittel muss dann eben pünktlich durch LNG-Schiffe abgedeckt werden. Das schafft eine gewisse Unsicherheit.“
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Wie angespannt die Situation ist, zeigte sich bereits zu Sommerbeginn. Im Juni brannte es in einer Anlage des US-Terminalbetreibers Freeport. „Das macht dem Markt zu schaffen“, so Schröder. „Die Preise reagieren sofort darauf.“ Auch laut Sonja Müller-Dib, General Manager bei Shell Energy Deutschland, helfe LNG zwar bei der Gasversorgung, nicht aber bei der Preissicherheit.
Wirtschaftsministerium verteidigt LNG-Terminal
Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Sascha Müller-Kraenner, erneuerte auf der Gas-Tagung seine Kritik, die geplante LNG-Terminal-Infrastruktur sei „völlig überdimensioniert“ und schaffe hohe ökonomische Anreize, auch längerfristig Erdgas zu nutzen. Die DUH hatte erfolglos versucht, einen sofortigen Baustopp des Terminals im Hafen von Mukran auf Rügen zu erwirken.
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Philipp Steinberg, Abteilungsleiter für Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit im Bundeswirtschaftsministerium, verteidigte das Flüssigerdgas-Terminal auf Rügen gegen solche Kritik. Das Terminal sei notwendig, denn „wenn wir mit der technischen Infrastruktur Probleme oder eine Havarie haben oder der Winter so kalt ist, dass Belgien und die Niederlande selbst viel mehr Gas brauchen, haben wir ein Problem“.
Philipp Steinberg Abteilungsleiter Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit im Bundeswirtschaftsministerium: „Wenn wir Probleme mit der technischen Infrastruktur oder eine Havarie haben, oder der Winter so kalt ist, dass Belgien und die Niederlande selbst viel mehr Gas brauchen, haben wir ein Problem.“
Foto: Dietmar GustDie theoretisch möglichen Gasmengen, die mit den anvisierten Terminals importiert werden könnten, würden in der Praxis nie erreicht. Wann Deutschland die Terminals in Betrieb nehmen könne, stünde in einigen Fällen zudem noch in den Sternen.
Deutschlands Gasversorgung hängt vom kurzfristigen Markt ab
Selbst wenn Deutschland irgendwann genügend eigene Terminals hat, um Flüssigerdgas ohne Abhängigkeit von seinen Nachbarländern zu importieren, hängt die Versorgung stark vom kurzfristigen Markt ab. Deutschland hat kaum langfristige Verträge mit LNG-Lieferanten, über die Mengen zu gesicherten Preisen zuverlässig ins Land kommen. Stattdessen versorgt sich Deutschland zu großen Teilen mit Flüssigerdgas, das auf dem Markt frei verfügbar ist und kurzfristig verkauft wird.
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Sind diese Mengen knapp, kann es unter den Käufern zu Überbietungswettbewerben und hohen Preisen kommen. Andreas Goldthau von der Universität Erfurt mahnte: „Wir sind jetzt deutlich exponierter gegenüber dem, was auf den Weltmärkten passiert.“ Sollte China beispielsweise Infrastruktur- und Wirtschaftsunterstützungsmaßnahmen hochfahren, könne dort die Gasnachfrage erheblich steigen und auch in Deutschland wieder für höhere Preise sorgen.
Vor diesem Hintergrund mahnte auch Egbert Laege, Chef des verstaatlichten Gasimporteurs Sefe (ehemals Gazprom Germania), sich trotz Klimaschutzplänen auf langfristige Gasverträge einzulassen. Er sagte, außerhalb Europas gebe es wenig Verständnis für die europäische Zurückhaltung, sich über mehrere Jahrzehnte an Gaslieferverträge zu binden. Ohne diese Bereitschaft kämen keine Gespräche mit möglichen Lieferanten zustande. Europa müsse aufpassen, hier „nicht die Glaubwürdigkeit zu verlieren“.
Erstpublikation: 20.09.2023, 18:00 Uhr.