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NachhaltigkeitESG-Reporting könnte in Europa zur Wachstumsbremse werden

Nachhaltigkeit ist vielen jungen Tech-Firmen wichtig. Die EU-Berichtsregeln könnten Start-ups aber Probleme bereiten. Der Branchenverband eines großen Landes schlägt nun Alarm.Gregor Waschinski, Nadine Schimroszik 29.09.2023 - 11:58 Uhr Artikel anhören

Viele Start-ups müssen offenlegen, wie nachhaltig sie arbeiten.

Foto: Getty Images

Paris. Berlin. Die Rechenschaftspflicht für europäische Unternehmen über die ökologischen und sozialen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit hält Maya Noël eigentlich für eine gute Sache. Die Geschäftsführerin des Verbands France Digitale, der Gründer und Investoren aus der französischen Tech-Branche vertritt, will ihre Kritik an den EU-Regelungen daher nicht als Ablehnung des sogenannten ESG-Reportings verstanden wissen. Doch sie macht deutlich: Der gegenwärtige Rahmen drohe für Start-ups zu einer Wachstumsbremse zu werden.

France Digitale ist einer der einflussreichsten Digitalverbände in Europa, die Stimme der Franzosen hat in der Szene Gewicht. „Das Regelwerk wurde auf die Bedürfnisse von großen Konzernen zugeschnitten, nicht auf die von jungen Tech-Firmen“, sagte Noël dem Handelsblatt. Start-ups, die dem bürokratischen Aufwand und dem komplexen Kriterienkatalog nicht gewachsen seien, könnten Aufträge verlieren und bei Finanzierungsrunden außen vor bleiben.

Ziel des ESG-Reportings ist es, die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu messen. Damit sollen unter anderem Kapitalströme in grüne Bereiche der Wirtschaft gelenkt werden. Die EU-Kommission hat die Informationspflichten ausgeweitet, in den kommenden Jahren müssen daher immer mehr Unternehmen neben dem Jahresabschluss auch einen ESG-Bericht vorlegen. Darin müssen sie nicht nur Klimafragen beantworten, sondern auch Themen wie Wasserverbrauch, Umweltverschmutzung, Biodiversität und Kreislaufwirtschaft aufgreifen.

Der SAP-Konkurrent Celonis aus München setzt dabei auf jeden einzelnen Mitarbeiter. „Wenn Beschäftigte datenbasiert und somit valide aufgezeigt bekommen, welche Emissionen der Einkauf von Waren und Dienstleistungen oder die Wahl eines Transportmittels hat, steigert dies die Akzeptanz für umweltbewusstes Verhalten erheblich“, sagt Janina Bauer, ESG-Beauftragte bei dem Unternehmen, das dabei auch auf die eigene Software setzen kann.

Allerdings kennt auch Bauer die Herausforderungen: „Zu Beginn ist die Datensammlung mühselig und kleinteilig, und es braucht Zeit, um Ziele zu setzen und Fortschritte zu sehen.“

Start-ups ebenfalls von neuen Berichtspflichten betroffen

Insgesamt steigt in der Europäischen Union die Zahl der Unternehmen, die unter die Berichtspflichten fallen, von derzeit rund 11.700 auf fast 50.000. Auch junge Tech-Firmen werden sich zunehmend darunter befinden.

Außerdem sind sie indirekt betroffen, wenn sie Geschäftsbeziehungen zu großen Unternehmen unterhalten, die ihre gesamte Wertschöpfungskette mit Blick auf ESG-Kriterien abklopfen.

Hier fehlt France Digitale die Transparenz, welche Daten von den Start-ups überhaupt erhoben werden müssen.

„60 Prozent des Umsatzes von französischen Start-ups kommt aus dem Geschäft mit Konzernen“, sagt Noël. Das Risiko für Auftragsverluste sei „enorm“, da gerade kleinere Firmen die gewünschten Informationen nicht liefern könnten oder der Aufwand der Datenerhebung für sie einfach zu groß sei.

Erschwerend komme hinzu, dass Großunternehmen für ihre Berichte oft sehr unterschiedliche Daten anfordern würden. Noël kennt eine Reihe von Beispielen aus der Praxis: „Wir versuchen, Start-ups dann so weit es geht zu helfen, damit sie bei einer Ausschreibung nicht scheitern, weil sie auf Kriterien wie die CO2-Bilanz ihrer gekauften Hardware nicht vorbereitet sind.“

Eine weitere Gefahr sei, dass Investmentfonds bestimmten Start-ups kein Kapital mehr bereitstellen würden, wenn diese nicht die angeforderten ESG-Informationen lieferten. Denn auch die Akteure der Finanzbranche müssen darlegen, inwieweit ihre Beteiligungen nachhaltig sind.

Bei France Digitale heißt es, man tausche sich zu der Problematik mit den Partnerverbänden in anderen großen Ländern der EU aus. Der Bundesverband Deutsche Start-ups wollte sich auf Anfrage nicht äußern. Auf ihrer Internetseite lassen die Interessenvertreter der Branche in der Bundesrepublik wissen, man wolle „Start-ups und Investoren dabei unterstützen, Nachhaltigkeitsstrategien systematisch zu implementieren, um einen Beitrag zu gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen zu leisten“.

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Dem im Frühjahr veröffentlichten „Green Start-up Monitor“ zufolge wird ökologische Nachhaltigkeit für immer mehr Gründerinnen und Gründer zum entscheidenden Faktor beim Aufbau ihres Unternehmens. Eine andere Studie des Verbands zeigt derweil, dass sich neun von zehn deutschen Start-ups von der Politik weniger Bürokratie in Verwaltungsprozessen wünschen.

Marie Bos, Nachhaltigkeitsbeauftragte beim deutschen Wagniskapitalgeber HV Capital, warnt davor, die ESG-Vorgaben zu verteufeln: „Wir vergleichen die aktuelle Entwicklung der Integration von ESG mit den frühen Tagen des Finanzreportings vor 50 Jahren.

„ESG wird zum Standard“

Damals wurde dieses ebenfalls als chaotisch oder ungenormt wahrgenommen. Heute ist es ein Standard.“ Bos ist sich sicher, dass dies künftig auch für ESG gelten wird.

Die Nachhaltigkeitsexpertin rät Firmengründern dazu, möglichst frühzeitig mit der Datenerhebung zu starten. Die Hoffnung, dass es später einfacher werde, sei trügerisch. Es ist eine Botschaft, die Bos auch den Portfoliounternehmen von HV Capital weitergibt, darunter Börsenanwärter Flix und Einhörner wie Enpal, Sennder und Sumup. Denn die frühere Beraterin ist Ansprechpartnerin für ESG-Fragen für das gesamte Portfolio – ein Job, den es in dieser Form kein zweites Mal in der deutschen Start-up-Szene gibt.

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Das Transparenzproblem bei der Datenerhebung wird auch in Deutschland gesehen: „Je nach Industrie müssen die Firmen unterschiedliche Daten nutzen. Das kann manchmal schwer zu überblicken sein, vor allem, wenn man noch keinen Experten dafür hat“, sagte Lubomila Jordanova, Gründerin von Plan A. Das Berliner Start-up entwickelt Softwarelösungen für ESG-Berichte.

„Die Automatisierung der ESG-Berichterstattung erlaubt es den Unternehmen, sich auf die Maßnahmen zu konzentrieren, die sie ergreifen können, um einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten“, so Jordanova.

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