Milliardeninvestitionen in Werke: Wo sollen die ganzen Chipexperten wohnen?
Werk von Globalfoundries in Dresden: Die Chipfirmen schaffen Tausende Arbeitsplätze in der sächsischen Landeshauptstadt. Aber es fehlt an neuen Wohnungen.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesMünchen, Frankfurt. Auf nach Dresden: Bis Ende des Jahrzehnts werden sich massenhaft Halbleiterexperten aus der ganzen Welt in der sächsischen Landeshauptstadt niederlassen. Denn an der Elbe entsteht eine riesige neue Chipfabrik des Auftragsfertigers TSMC. Bosch, Infineon und Globalfoundries bauen ihre Standorte parallel dazu massiv aus. Wo die Zuzügler wohnen sollen, ist allerdings noch unklar: „Wir brauchen in den nächsten fünf Jahren in der Stadt 7000 bis 8000 Wohnungen“, sagte Oberbürgermeister Dirk Hilbert am Donnerstag auf der Immobilienmesse Expo Real in München.
„Es entstehen 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze“, schätzt Hilbert, „die Leute wollen irgendwo wohnen.“ Nur wo? Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Dresden ist angespannt, schon ohne die vielen neuen Mitarbeiter der Chipfabriken. Zwar seien die Ansiedlungen für Dresden ein „Grund zur Freude“, sagt Alexander Müller, Büroleiter des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Sachsen. Sie verschärften aber die „vorhandenen und ungelösten Probleme auf dem Wohnungsmarkt“ in der Stadt.
Wie überall werde es immer schwieriger, in Dresden bezahlbaren Wohnraum neu zu bauen. „Wir sprechen beim Neubau inzwischen von Kostenmieten jenseits der 18 Euro je Quadratmeter“, sagt Müller. Das heißt: Um die Baukosten zu decken, müssen die Vermieter mehr als 18 Euro je Quadratmeter an Miete verlangen. Preise, wie sie die Menschen hierzulande eher aus München kennen.
Die Chipfirmen selbst sind alarmiert. „Attraktives Wohnen ist essenziell, damit die Leute sich wohlfühlen“, sagt die Dresdener Infineon-Managerin Nora Pluntke. So habe Deutschlands größter Halbleiterhersteller nicht zuletzt die Auszubildenden im Blick, die bei derart hohen Preisen wohl eher einen Bogen um Dresden machen. Es brauche Angebote für „unterschiedliche Zielgruppen“, so Pluntke.
Doch aktuell passiert auf dem Markt wenig. Die städtische Wohnungsgesellschaft Wohnen in Dresden (WiD) habe aktuell ihre Neubauvorhaben so gut wie eingestellt, sagt Immobilienspezialist Müller. Das macht sich auch bei den Mieten bemerkbar. Die Quadratmeterpreise für Mietwohnungen kletterten dieses Jahr laut dem Makler Engel & Völkers um fast 16 Prozent auf durchschnittlich 11,68 Euro.
Die schwierige Lage auf dem Dresdener Wohnungsmarkt sollte auch die deutschen Steuerzahler beunruhigen. Denn der Staat fördert die Werke mit viel Geld: Allein TSMC wird rund fünf Milliarden Euro kassieren, um sich in Sachsen niederzulassen. In den USA mussten die Taiwaner die Eröffnung ihrer neuesten Fabrik zuletzt verschieben, weil es an Personal mangelte.
Intel-Werk: Keine Wohnungsnot in Magdeburg
Etwas besser sieht es in Magdeburg aus. In der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt errichtet Intel ein riesiges Werk für mehr als 30 Milliarden Euro. Ein Drittel davon stammt vom Staat. Der US-Konzern und seine Zulieferer werden mehrere Tausend Arbeitsplätze schaffen. „Wir sehen das als Chance“, sagte Landeswirtschaftsminister Sven Schulze (CDU) dem Handelsblatt am Rande der Messe Expo Real. „Wir erleben einen Run auf Sachsen-Anhalt.“
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In Magdeburg gebe es keine Wohnungsnot, wie sie aus anderen Städten bekannt sei, betont Torsten Prusseit von der Wohnungsbaugesellschaft Magdeburg. Das mache es für die Arbeitskräfte leichter, die im Zuge der Intel-Ansiedlung in die Stadt kämen. Wirtschaftsminister Schulze hofft, dass möglichst viele sich auch vor Ort niederlassen – und nicht von Berlin oder Leipzig zu ihren Arbeitsplätzen pendeln.
Gelände der geplanten Intel-Fabrik in Magdeburg.
Foto: Getty Images; Per-Anders PetterssonDenn wer nach Neubauten sucht, tut sich auch in Magdeburg schwer. „Der Eigenheimbau ist in einem Jahr um 55 Prozent zurückgegangen“, sagt Matthias Günther. Er leitet das Pestel-Institut, das kürzlich im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) eine Regionalanalyse zum Wohnraumneubau vorgelegt hat. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2022, als es noch 99 Genehmigungen für neue Ein- und Zweifamilienhäuser in Magdeburg gab, waren es in der ersten Jahreshälfte 2023 nur 45. Aus dem jüngsten Grundstücksmarktbericht des Landes geht hervor, dass Einfamilienhäuser in Magdeburg mit mehr als 300.000 Euro inzwischen so viel kosten wie nirgends sonst in Sachsen-Anhalt.
Auch Mieter zahlen mehr. Die Nachfrage nach Wohnungen in der Stadt an der Elbe steigt, wenngleich die Leerstandsquote vergleichsweise hoch ist. Die Angebotsmiete in Magdeburg liegt laut dem Portal Immowelt durchschnittlich bei 6,69 Euro je Quadratmeter, ein Plus von 4,2 Prozent. Die Mieten seien damit im deutschlandweiten Vergleich aber noch sehr moderat, heißt es bei Engel & Völkers.
Der Dresdener Bürgermeister Hilbert will derweil mit den Chipfirmen über Werkswohnungen reden. Was früher zum Beispiel bei Bosch üblich war, ist in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland in Vergessenheit geraten. Noch stehe das Thema bei Infineon zwar nicht auf der Agenda, sagt Managerin Pluntke. Aber auszuschließen seien firmeneigene Appartements auch nicht.
Erstpublikation: 07.10.2023, 10:08 Uhr.