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AutozuliefererSchaeffler will Rückstand bei der E-Mobilität aufholen

Mit der Übernahme des Antriebsspezialisten Vitesco will Schaeffler schnell und stark im Markt für Elektromobilität wachsen. Experten werten die Pläne als Strategieschwenk.Axel Höpner, Arno Schütze, Roman Tyborski 09.10.2023 - 08:48 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Autozulieferer Schaeffler will mit der Übernahme des Antriebsspezialisten Vitesco einen Spezialisten für Elektromobilität formen.

Foto: dpa

München, Düsseldorf. In der Zulieferbranche könnte ein neuer Gigant entstehen. Der fränkische Autozulieferer Schaeffler plant die Übernahme des Antriebsspezialisten Vitesco. Schaeffler bietet 91 Euro je Vitesco-Aktie, 21 Prozent mehr als den Schlusskurs vom Freitag. Das teilte das Unternehmen am Montag in Herzogenaurach mit. Damit wird die vor zwei Jahren von Continental abgespaltene Vitesco mit 3,64 Milliarden Euro bewertet.

Im Falle einer Übernahme könnte ein Unternehmen mit weit über 20 Milliarden Euro Umsatz entstehen. Schaeffler allein kam im vergangenen Jahr auf knapp 16 Milliarden Euro Umsatz. Vitesco setzte rund neun Milliarden Euro um. „Das ist ein deutliches Signal auch für den Standort Deutschland, dass hier ein starker Spieler geformt wird“, sagte Schaeffler-Vorstandschef Klaus Rosenfeld dem Handelsblatt.

Die Übernahmepläne sind nicht mit dem Vitesco-Vorstand abgestimmt. Trotzdem strebe Schaeffler einen „einvernehmlichen Zusammenschluss“ an, sagte Rosenfeld. Eine vorherige Abstimmung der Unternehmen war auch wegen personeller Verflechtungen über die Aufsichtsräte nicht möglich. An Vitesco ist die Familie Schaeffler, Mehrheitseigentümerin der Schaeffler AG, bereits beteiligt.

Schaeffler dürfte es vor allem auf das starke Auftragsportfolio von Vitesco im Elektrobereich abgesehen haben. Das Familienunternehmen gilt als Nachzügler bei der Transformation zur Elektromobilität. Laut der Schweizer Investmentbank UBS reagiere der Autozulieferer auf die zu erwartende Erosion der Einnahmen im Antriebsgeschäft, das noch immer stark vom Verbrenner abhängig ist. Gleichzeitig kann der Zulieferer im Gegensatz zu Vitesco bei den Aufträgen in der Elektromobilität nicht mit Konkurrenten wie Bosch, ZF oder Valeo mithalten.

In Finanzkreisen wurde die geplante Übernahme als Strategieschwenk gewertet. Eigentlich habe der Konzern das Industriegeschäft zum Beispiel mit Komponenten für Windkraftturbinen und die Produktion stärken wollen. Doch nun setze die Familie voll auf die Automotive-Sparte. Der Deal zeige, dass Schaeffler enorm unter Druck stehe, sich bei automobilen Zukunftsthemen zu verstärken.

Vitesco wird sich gegen Übernahme kaum wehren können

Auf einer Pressekonferenz am Montag sagte Rosenfeld, dass sich Schaefflers Stärken im Systemverständnis und der Mechanik mit den Kompetenzen von Vitesco in der Leistungselektronik ergänzen würden. Die Idee eines Zusammenschlusses hatte daher nicht nur Schaeffler: In Gesprächen mit Kunden aus der Autoindustrie hätten diese regelmäßig auf potenzielle Vorteile hingewiesen, so Rosenfeld.

Vitesco bestätigte das Erwerbsangebot von Schaeffler. Der Vorstand und der Aufsichtsrat von Vitesco Technologies würden die Informationen nun prüfen und über die nächsten Schritte entscheiden.

Allerdings kann sich Vitesco gegen eine Übernahme kaum wehren. „Da unser Eigentümer knapp die Hälfte der Anteile der Vitesco hält, dürfte eine Fusion beider Unternehmen sehr wahrscheinlich sein“, sagte Schaeffler-Chef Rosenfeld. Zudem hält Siegfried Wolf, Aufsichtsratschef von Vitesco und enger Vertrauter der Familie, rund fünf Prozent der Anteile.

Für die Familie Schaeffler ändert sich indes erst einmal wohl nichts: „Die Familie will ihre Vitesco-Anteile zunächst behalten. Nach Vollzug der Übernahme könnten die Aktien aber in Anteile des fusionierten Unternehmens umgetauscht werden“, sagte ein Sprecher.

Die Schaefflers spielen bei der Konsolidierung der Autozulieferbranche schon länger eine aktive Rolle. Mit der Übernahme von Continental hätte sich die Familie im Jahr 2008 allerdings finanziell fast übernommen. Aktuell ist die Familie noch mit 46 Prozent größter Anteilseigner von Continental.

Im Umfeld der Familie Schaeffler hieß es, das Übernahmeprojekt sei „sehr solide finanziert“. Das Volumen sei zudem deutlich kleiner als damals beim Kauf von Continental. Aber: Die Schaefflers mussten eine Entscheidung treffen, die ihnen wohl nicht leichtgefallen sei, sagten Insider: Die Schaeffler-Vorzugsaktien werden in Stammaktien getauscht. Damit werden die übrigen Aktionäre der Familie gleichgestellt.

„Für meine Mutter und mich als Familiengesellschafter ist die Abgabe von Stimmrechten ein einschneidender Schritt, den wir im Interesse des Unternehmens sorgfältig abgewogen haben“, sagte Aufsichtsratschef Georg Schaeffler. Dem Kapitalmarkt gefalle das aber sicherlich.

Die Familie Schaeffler behält das Sagen

Die Familie wird aber auch in Zukunft mit einer Beteiligung von 70 Prozent klar das Sagen haben. Dies werde bei der Transformation ins Elektrozeitalter helfen, die viel Geduld und strategischen Weitblick verlange, hieß es im Umfeld der Familie.

Klaus Rosenfeld.

Foto: imago images/argum

Schaeffler-CEO Rosenfeld ist seit vielen Jahren ein enger Vertrauter von Maria-Elisabeth Schaeffler und Sohn Georg Schaeffler. Der frühere Banker hatte in der existenziellen Krise die Refinanzierung gesichert und war später zum Vorstandschef aufgestiegen. Bei der Familie führt inzwischen Georg Schaeffler als Aufsichtsratsvorsitzender weitgehend die Geschäfte, Maria-Elisabeth hatte im April mit 81 Jahren ihr Mandat in dem Kontrollgremium niedergelegt.

In Industriekreisen hieß es, die Übernahme sei für Schaeffler gut zu finanzieren. Falls alle rund 20 Millionen außenstehenden Aktien angeboten würden, würde das Schaeffler etwa 1,8 Milliarden Euro kosten. Es reicht aber auch ein deutlich kleineres Aktienpaket für eine 75-Prozent-Mehrheit auf der Hauptversammlung von Vitesco.

Rosenfeld sprach in einer Beispielrechnung von einer möglichen Summe von gut 900 Millionen Euro, wenn die Hälfte der außenstehenden Aktien angedient werde. „Das ist für uns ohne Schwierigkeiten zu refinanzieren. Wir planen keine Kapitalerhöhung“, sagte er dem Handelsblatt. Zwar hatte Schaeffler Ende Juni Nettofinanzschulden in Höhe von 3,2 Milliarden Euro. Doch laut Unternehmenskreisen dürfte der Verschuldungsgrad von Schaeffler schon 2025 niedriger liegen als heute – weil Vitesco auch gute operative Gewinne beisteuern würde.

Über einen Zusammenschluss von Schaeffler und Vitesco war seit der Abspaltung von Continental immer wieder spekuliert worden. Die Vitesco-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten um 56 Prozent zugelegt. Zu einem früheren Zeitpunkt wäre damit wohl eine günstigere Übernahme möglich gewesen. Trotzdem sagte Rosenfeld: „Das ist der absolut richtige Zeitpunkt.“ Es handle sich um eine langfristig angelegte Transaktion, die strategisch begründet sei. Daher spielten Schwankungen des Aktienkurses keine größere Rolle.

Schaeffler rechnet mit Kosten von bis zu 665 Millionen Euro

Zusammen kämen die beiden Unternehmen auf 120.000 Mitarbeiter. Bis 2029 ergäben sich aus der Zusammenarbeit Synergien, die das operative Ergebnis (Ebit) um bis zu 600 Millionen Euro verbessern könnten. Schon 2026 seien erste positive Effekte auf den Gewinn zu erwarten, erklärt der Schaeffler-CEO.

Optimierungspotenzial gäbe es demnach in den Bereichen Beschaffung, Forschung und Entwicklung sowie der Lieferketten. Personal solle jedoch nicht entlassen werden. „Wir planen auch keine Verkäufe von Konzernteilen“, sagte Rosenfeld.

Das ist viel Konjunktiv, und zunächst rechnet Schaeffler auch erst einmal mit Kosten von bis zu 665 Millionen Euro. Finanziert wird der Kauf über Überbrückungskredite der Bank of America, Citi und BNP Paribas.

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Welchen Namen der neu geformte Zulieferer haben wird, ist noch unklar. Die Familie Schaeffler dürfte allerdings großen Wert darauf legen, dass der Name Schaeffler erhalten bleibt, sagte Rosenfeld.

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