Medizintechnik: Philips hebt Prognose an – doch ein Problem ist noch nicht gelöst
Der massenhafte Rückruf von Beatmungsgeräten beschäftigt Philips-Chef Roy Jakobs weiterhin.
Foto: BloombergMünchen. Für den Medizintechnikspezialisten Philips läuft es operativ derzeit ordentlich. Nach einem guten dritten Quartal konnte der Konkurrent von Siemens Healthineers die Prognose für das Gesamtjahr noch einmal leicht anheben. Dies sei trotz des zunehmend unsicheren geopolitischen Umfelds möglich, sagte Vorstandschef Roy Jakobs am Montag.
Doch der Vorstandschef, der vor einem Jahr die Nachfolge von Frans van Houten angetreten hatte, weiß auch: Das noch immer größte Problem von Philips ist nicht abschließend gelöst. Der Rückruf defekter Beatmungsgeräte belastet die Ergebnisse, auch juristisch ist das Thema nicht abgeschlossen.
Das Thema werde Philips auch 2024 und womöglich 2025 beschäftigen, sagte Jakobs dem Handelsblatt. Doch sei nur ein Teil des Geschäfts betroffen. „Unser Fokus liegt auch darauf, ganz Philips so stark wie möglich zu machen“, sagt der Niederländer.
Philips-Analysten sind skeptisch – die Aktie fällt leicht
Noch gibt es aber Unsicherheit über die Höhe der Gesamtbelastung. Vor allem deshalb bewertet zum Beispiel Bernstein-Analystin Lisa Bedell Clive die Philips-Aktie weiterhin als „neutral“. Der Kurs gab nach Vorlage der Quartalszahlen am Montag etwas auf gut 17 Euro nach. Das lag auch daran, dass Umsatz und Gewinn zuletzt zwar gestiegen sind, der Auftragseingang aber erneut leicht sank.
Doch das dominierende Thema sind weiter die Beatmungsgeräte. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hatte zuletzt das Vorgehen des Konzerns beim Rückruf defekter Maschinen kritisiert. Philips solle zusätzliche Tests über das Risiko für jene Menschen durchführen, die die zurückgerufenen Geräte verwendet haben.
Philips betonte nun, nach bisherigen Erkenntnissen habe die Verwendung von Schlaftherapiegeräten nicht zu nennenswerten Gesundheitsschäden bei Patienten geführt. Man werde nach Absprache mit der FDA aber weitere Tests vornehmen.
Philips erwartet ein Umsatzwachstum von sechs bis sieben Prozent und eine bereinigte Gewinnmarge (Ebita) von zehn bis elf Prozent.
Foto: ReutersJakobs, der seit 2010 bei Philips ist, könnte das Thema einholen. Bevor er an die Konzernspitze rückte, war er verantwortlich für den Bereich „Connected Care“, der Geräte für die Diagnostik und die Auswertung medizinischer Daten umfasst. Auch das Management des Rückrufs der Beatmungsgeräte gehörte zu seinem Aufgabenbereich.
Insgesamt musste Philips weltweit rund 5,5 Millionen Geräte zurückrufen. In den betroffenen Maschinen wurde ein Dämmschaumstoff verarbeitet, von dem sich Partikel lösten. Der verwendete Schaumstoff steht im Verdacht, im Laufe der Zeit giftig zu werden.
Ein Vergleich kostet fast eine halbe Milliarde Dollar
Zumindest mit einem Teil der Kläger in den USA hatte sich Philips zuletzt auf einen Vergleich geeinigt. Die Vereinbarung bezog sich auf Kläger wie Versicherungen, die einen wirtschaftlichen und keinen gesundheitlichen Schaden geltend gemacht hatten. Die Vergleichszahlungen belaufen sich auf mindestens 479 Millionen Dollar, die frühestens Anfang 2024 fällig werden. Somit kann Philips das Thema nicht so schnell abschütteln.
Der Sparkurs zeigt derweil aber Wirkung: Das angepasste operative Ergebnis verbesserte sich von 209 auf 457 Millionen Euro. Der Umsatz legte um elf Prozent auf 4,5 Milliarden Euro zu.
Philips hat den Abbau von insgesamt 10.000 Jobs angekündigt, das entspricht etwa jeder achten Stelle. In diesem Jahr sollen 7000 Stellen wegfallen, weitere 3000 Arbeitsplätze sollen dann bis 2025 gestrichen werden.
Er fürchte nicht, dass die Beschäftigten fehlen werden, wenn der Konzern in den kommenden Jahren weiter wachse, sagte Jakobs. Man habe darauf geachtet, dass vor allem in der Verwaltung gespart werde. „Wir müssen agiler werden, um schnell auf die Veränderungen in der Welt reagieren zu können.“ Hier sei man auf gutem Weg.
Im Gesamtjahr will Philips den Umsatz nun auf vergleichbarer Basis um sechs bis sieben Prozent steigern, die bereinigte operative Marge (Ebita) soll bei zehn bis elf Prozent liegen. Den Rückgang des Auftragseingangs um vergleichbar neun Prozent im dritten Quartal führt Philips vor allem auf Sondereffekte und Einbußen in China zurück. „Wir rechnen mit Verbesserungen beim Auftragseingang schon im laufenden und im nächsten Quartal“, sagt Jakobs.
In China täten sich derzeit aus regulatorischen Gründen alle Anbieter schwer. Philips sei aber lokal stark verankert und produziere vor Ort. Wenn der Markt wieder anspringe, werde man profitieren.