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Rezension: Mathias DöpfnerCredo des „Wandels durch keinen Handel“

Die USA mit Europa gegen China: Das neue Buch des Springer-Chefs ist teils Erinnerungswerk und teils ein Plan für eine neue Weltwirtschaft.Hans-Jürgen Jakobs 28.10.2023 - 16:00 Uhr Artikel anhören

Döpfner ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE.

Foto: dpa

München. Mathias Döpfner ist schon vieles gewesen: Musikkritiker, Journalist, Manager, Unternehmer, Investor, Immobilienkäufer, Kunstsammler. Sich selbst sieht der Chef von Axel Springer als eine Mischung aus freiem Radikalen, Global Player und merkantilem Schöngeist.

Hier gilt: maximale Ambition, maximale Provokation. Und so ist es kein Wunder, dass sein aktuelles Buch eine Neuvermessung der Wirtschaftswelt versucht und auf Englisch erscheint – in jenem US-Großverlag Simon & Schuster, der wie Springer selbst zum Beteiligungsimperium von Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) gehört. 

Das neue Werk des deutschen Rollen-Magiers ist einerseits ein lebhaftes Manifest für Freiheit in einer zunehmend illiberalen Zeit, andererseits auch das Erinnerungsbuch eines ins Schreiben verliebten Vorstandschefs, der reporterartig beschreibt, wie es im Kreml des sinistren Wladimir Putin war und wie im Auswärtigen Amt der wertebasierten Annalena Baerbock (eine „linke Neocon“).

Um seine Position gleich zusammenzufassen: Döpfner will ein in aller Freundschaft von den USA und Europa angeführtes Freiheitshandelsbündnis („Freedom Trade Alliance“) sowie ein Abkoppeln der deutschen Wirtschaft von der Supermacht China: „Business as usual ist die gefährlichste Lösung.“

Als Döpfner nach der Krim-Annexion 2014 erstmals seine Buchidee vorstellte, winkten sowohl der angesprochene Verlag als auch sein wirkmächtiger Literaturagent Andrew Wylie ab, den sie in der Branche nur den „Schakal“ nennen. Die Leute in der Wirtschaft würden das nicht verstehen.

„Mathias, Du musst das Buch schreiben.“

Erst nach dem 24. Februar 2022 meldete sich Wylie: „Mathias, Du musst das Buch schreiben.“ So jedenfalls schildert es der Verfasser selbst, und man imaginiert kurz, wie das so ist, wenn „Schakal“ und Medien-Fuchs sich was vornehmen.

Tatsächlich hat der Ukraine-Einfall für Döpfner alles verändert („Moment der Desillusionierung“): Appeasement funktioniere im 21. Jahrhundert so wenig wie im 20. Jahrhundert, folgert er. Die Realpolitik, für die sein Freund Henry Kissinger steht, sei erledigt. Und dass der Westen den Fehler mache, die eigene Psychologie und die eigenen Mechanismen einfach auf Despoten zu projizieren. Die aber handelten nicht aus Vernunft, sondern aus Machtlust.

Mathias Döpfner: The Trade Trap. How To Stop Doing Business with Dictators. Simon & Schuster, New York 2023, 208 Seiten, 22,65 Euro Foto: Handelsblatt

Den Potentaten aus Peking erlebt Döpfner als neuen Monarchen. China und Russland seien immer radikaler und undemokratischer geworden, die westlichen Demokratien dagegen politisch und wirtschaftlich immer schwächer (auch durch Fehlleistungen von Trump und Merkel).

Die alte Formel vom „Wandel durch Handel“ habe Volkswagen & Co. nur noch abhängiger von Kommunisten gemacht – China, die Falle. Und auch bezüglich der eigenen Verleger-Erfahrungen („Forbes“) mit dem realen Putinismus schreibt er: „Es wäre besser gewesen, nie Geschäfte in Russland zu machen.“

Die Schlussfolgerungen kleiden sich in die neue Formel: „Wandel durch keinen Handel“. Auch weil das chinesische Modell des Staatskapitalismus an Türen klopfe, sei der neue demokratische Handelsblock nötig. Dessen Mitglieder müssten drei Prinzipien anerkennen: Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Klimapolitik.

Unter ihnen soll es keine Zölle und Restriktionen geben, im Verhältnis zu den anderen Staaten schon. Langfristig könnten alle der neuen Formation beitreten, auch Russland und China (nach Reformen).

Es schließen sich viele Fragen an

Hier ist jenes Wunschdenken erkennbar, das Döpfner an anderer Stelle geißelt, beim bisherigen Wandel-durch-Handel-Opportunismus. Auch ist fraglich, ob Washington oder Brüssel auf einen Wirtschaftsführer aus Berlin hören, nur weil der schreibt und mit „Politico“ eine globale Medienmarke im Internet etabliert.

Andererseits ist der leidenschaftliche Aufriss der erste verdienstvolle Versuch, die Idee des „friendshoring“ unter Gleichgesinnten handfest zu machen. Es schließen sich viele Fragen an: Wo macht VW künftig Gewinn?

Kann der Demokratie-Block sich all die wichtigen Chips und Seltenen Erden selbst organisieren? Oder was ist mit jenen 1,35 Billionen Dollar, die Pekings Staatsfonds CIC weltweit in Firmen steckt? De-Risking bedeutet im Zweifel: teurere Produkte, die weniger verfügbar sind.

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Weil er solche Einwände und Kritik der Wirtschaft fürchtet, schlägt Döpfner einen langsamen Übergang vor, für den Experten, Studenten und engagierte Bürger konkrete Ideen entwickeln. Schon der „Inflation Reduction Act“ der USA für umweltschonende Zukunftsindustrien hätte parallel in Europa eingeführt werden müssen, schreibt Döpfner.

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Sein Modell stärke internationale Kooperation. Und immerhin stünden 30 große freie Demokratien für 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Eine Neugeburt des Liberalismus im Sinne von Adam Smith sei möglich, findet er und zitiert aus dem berühmten „Liberty Song“: „By uniting we stand, by dividing we fall.“ 

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