Handelsblatt Auto-Gipfel 2023: Nio-Europachef teilt gegen EU-Untersuchung aus
Nio-Europachef Hui Zhang auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel; Gegenüber der EU-Kommission gibt sich das chinesische Elektroauto-Start-up kooperativ.
Essen. Die Ankündigung einer Subventionsuntersuchung gegen Autobauer in China durch die EU-Kommission beunruhigt die dortigen Hersteller. Das Ziel müssten faire und offene Märkte sein, sagte der Europachef des Elektroauto-Start-ups Nio aus Shanghai am Mittwoch auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel in Essen. „Das hilft nicht der Wirtschaft in Europa und auf keinen Fall der deutschen Autoindustrie“, kommentierte Hui Zhang das EU-Verfahren mit deutlichen Worten.
Die meisten Importautos aus China kämen nicht von Nio, sondern aus der chinesischen Fabrik von dem „Kollegen aus Kalifornien“, sagte Zhang in Anspielung auf den US-Elektroautohersteller Tesla. Nio habe den ersten Fragebogen der EU-Kommission bereits fristgerecht ausgefüllt und abgegeben. „Wir werden in Kooperation mit den Behörden bleiben“, sagte Zhang.
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hatte Mitte September wegen möglicher Wettbewerbsverzerrungen eine Antisubventionsuntersuchung für Elektrofahrzeuge eingeleitet, die aus China in die EU kommen. Der Vorwurf: Autos aus dem Land werden mit staatlicher Unterstützung zu sehr günstigen Preisen in den europäischen Markt gedrückt. Anfang Oktober hatte die Behörde dazu ein „Stichprobenformular“ an die Autoindustrie verschickt – auch an die deutschen Hersteller BMW, Mercedes und VW, aber ebenso an Tesla.
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China gilt als der größte Automobilmarkt der Welt. Allein 2022 verkaufte der Volkswagen-Konzern knapp 40 Prozent seiner Jahresproduktion in dem asiatischen Land. Tesla produziert in seinem Werk in Shanghai etwa 20.000 Fahrzeuge pro Woche, viermal so viele wie in der deutschen Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin. „Diese Untersuchung trifft jeden“, sagte Nio-Manager Zhang. Die größte Sorge westlicher Hersteller sind Strafzölle gegen chinesische Elektroautos, die in Vergeltungsmaßnahmen aus Peking münden könnten.
Nio: Niedrige Absatzzahlen in Europa
Nio gilt vielen in der Branche als eine Art chinesischer Tesla, da die Firma einiges anders und teils besser macht als etablierte Fahrzeughersteller. Der sicherlich signifikanteste Unterschied: Nio bietet den Wechsel der kompletten Batterie an und hat dazu weltweit 2000 Wechselstationen errichtet. In Europa gibt es davon bisher 27.
Trotzdem kommt die Elektroauto-Firma, die ihr weltweites Designzentrum in München betreibt, in Europa aktuell nur auf niedrige Absatzzahlen. Von Januar bis September konnte Nio europaweit gerade einmal 1805 Fahrzeuge verkaufen. Das zeigen Zahlen des Datendienstleisters Marklines, die dem Handelsblatt vorliegen.
Demnach konnte Nio in Polen in den ersten drei Quartalen 2023 nur drei Autos neu zulassen, in Belgien waren es sechs, in Dänemark 28. Norwegen kommt laut Marklines immerhin auf 420 Verkäufe in den ersten neun Monaten 2023. In Deutschland waren es 870. Viel ist das dennoch nicht.
Ein getunter vollelektrischer Nio ET5 mit 490 PS auf der Vorschau zur Essen Motor Show.
Foto: dpaAuf dem Auto-Gipfel deutete Zhang an, dass man künftig auch mit anderen Autoherstellern stärker kooperieren könnte. „Wir sind offen für viele andere Partner“, sagte der Manager. Bei seiner Batteriewechseltechnologie habe man von Anfang an gesagt, dass diese auch andere Anbieter nutzen könnten. In China habe man mit der Technik bereits Standards gesetzt.
Zudem arbeitet Nio mit vielen deutschen Zulieferern wie Bosch, Thyssen-Krupp, Continental oder Webasto zusammen. „Aber wir sind auch offen für Kooperationen mit Autoherstellern“, so Zhang.
Börsenwert auf weniger als ein Fünftel des Spitzenwerts reduziert
Am Kapitalmarkt ist der Hype um Nio zuletzt verflogen. Zu Spitzenzeiten war das Unternehmen mit operativer Zentrale in Shanghai und registriertem Sitz auf den Kaimaninseln fast 76 Milliarden Dollar wert. Heute sind es nur noch 13 Milliarden Dollar.
Der Grund: Das Tagesgeschäft erweist sich für Nio zunehmend als zäh, das Wachstum stottert. Im ersten Halbjahr konnte Nio seinen Absatz weltweit lediglich um sieben Prozent auf rund 55.000 Einheiten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum steigern. Der Umsatz schrumpfte zeitgleich sogar um vier Prozent auf umgerechnet 2,7 Milliarden Dollar. Nach sechs Geschäftsmonaten stand unterm Strich ein Minus von fast 1,5 Milliarden Dollar – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.
Im Sommer ist es Nio immerhin gelungen, sich eine Finanzspritze von fast 740 Millionen Dollar aus Abu Dhabi zu sichern. Zudem zog der Absatz im dritten Quartal vor allem in China dank des neuen Strom-SUV EL6 sprunghaft an. Das Exportgeschäft schwächelt dagegen nach wie vor, wie die Zahlen aus Europa zeigen. Konkrete Verkaufsziele wollte Zhang denn auch nicht auf der Veranstaltung in Essen nennen.