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LebensmittelskandalAngst vor Pferdefleisch grassiert

Statt Rind landete in größerem Stil Pferdefleisch in Fertigmahlzeiten. Der Skandal zieht nun immer weitere Kreise: Der deutsche Handel reagiert, die Briten schließen Betriebe. Auch die Agrarministerin ist beunruhigt. 12.02.2013 - 20:51 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Wurstwaren aus Pferdefleisch. Falsch etikettierte Fertigprodukte sorgen derzeit für Aufsehen.

Foto: dpa

London. Im Pferdefleisch-Skandal haben deutsche Supermärkte vorsorglich Fertigmahlzeiten aus den Regalen genommen. Real stoppte den Verkauf seiner „TiP“-Lasagne und der „Mini Cheeseburger“ des Lieferanten „Agro on“, wie ein Sprecher am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa mitteilte. Zuvor hatte Kaiser's Tengelmann einen Verkaufsstopp für die „A&P“-Tiefkühl-Lasagne bestätigt. Edeka lässt wegen der Diskussion um Lebensmittel mit Pferdefleisch derzeit „alle relevanten Eigenmarkenprodukte prüfen“. Die deutschen Unternehmen haben aber - anders als einige Ketten in Großbritannien - bislang keine Bestätigung für Pferd statt Rind in ihren Produkten.

Eine Sprecherin des Bundesverbraucherschutzministeriums in Berlin sagte am Dienstag, es gebe weiterhin keine Anhaltspunkte, dass falsch deklarierte Fleischprodukte in den Handel gelangt seien. Ministerin Ilse Aigner (CSU) forderte eine schnelle Aufklärung des Skandals. „Was drauf steht, muss auch drin sein - darauf müssen sich Verbraucher verlassen können“, sagte die Bundesministerin der „Bild“-Zeitung (Mittwoch).

Antworten zum Pferdefleisch-Skandal
Mitte Januar entdeckten irische Lebensmittelinspekteure bei Routinekontrollen zunächst Spuren von Pferdefleisch in Rindfleisch-Hamburgern. Es ging um Fertigprodukte der britischen Supermarktketten Tesco, Iceland, Aldi (UK) und Lidl (UK). Anfang Februar wurde in einer Fertigungsanlage und in einem Fleischlager in Irland weiteres Rindfleisch mit Pferdefleischspuren entdeckt. Daraufhin ordnete die britische Lebensmittelaufsicht umfangreiche Untersuchungen an. In der Folge wurden mit Pferdefleisch versetzte Rindfleischprodukte auch in Frankreich und Schweden entdeckt. Mittlerweile wurden auch in Deutschland in vielen Fällen falsch deklariertes Pferdefleisch gefunden.
Es geht um Tiefkühl-Fertigkost aus Hackfleisch, die größtenteils bei Discountern verkauft wird, darunter Rindfleisch-Lasagne, Spaghetti Bolognese und fertige Hamburger-Frikadellen. In den Produkten wurden teilweise zwischen 30 und 100 Prozent Pferdefleisch gefunden.
Laut britischen Medienberichten handelt es sich um eine kriminelle „Pferdemafia“ in Rumänien. Das Fleisch wird demnach vor Ort verarbeitet und an französische Fleischverarbeitungsfirmen exportiert, die es nach Firmenangaben ohne Wissen darüber, dass es sich eigentlich um etwas Anderes handelt, als Rindfleisch verarbeitet haben. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass in den Pferdefleisch-Skandal europaweit mehr Unternehmen verwickelt sind, als bislang vermutet. Darunter auch deutsche Hersteller.
In einem Fall geht es um den Tiefkühlhersteller Findus in Großbritannien (der nichts (mehr) mit Nestlé zu tun hat, auch wenn der Konzern eine gleichnamige Tochterfirma in der Schweiz hat). Er vertreibt Fertigkost der französischen Firma Comigel, die wiederum einen Teil ihres zu verarbeitenden Fleischs aus Rumänien bezieht und damit bei der luxemburgischen Firma Tavola produzieren lässt. Zwischen November 2012 und Ende Januar 2013 kamen mindesten 359.722 Packungen Lasagne und Cannelloni aus dem verdächtigen Betrieb in Luxemburg nach Deutschland. Comigel gibt an, das Fleisch vom französischen Lieferanten Spanghero bezogen zu haben. Dieser weist wiederum auf einen rumänischen Zulieferer hin. Eine weitere Spur führt laut französischen Regierungsangaben vom französischen Hersteller Poujol zu einem Händler nach Zypern.
Die Behörden sehen keine unmittelbare gesundheitliche Gefahr durch den Verzehr von Pferdefleisch. Das Fleisch kann jedoch unter Umständen Spuren von Medikamenten enthalten. Es wird auf Rückstände des Schmerzmittels Phenylbutazon getestet. Erste Test-Resultate bestätigen den Verdacht. In französischen Tiefkühlprodukten sind Reste von Phenylbutazon enthalten. Es wird bei Pferden häufig therapeutisch angewendet, teilweise auch als Doping-Mittel im Pferdesport. In der Medizin ist es ein Medikament gegen Rheuma.
In Großbritannien wurde Rindfleisch nach Angaben der Lebensmittelaufsichtsbehörde FSA in den vergangenen zehn Jahren nicht routinemäßig auf Pferdefleischspuren getestet. Eigentlich sollen solche Fälle durch das Passsystem verhindert werden. Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass, der unter anderem über Herkunft und Impfung des Tieres Auskunft geben soll. In Deutschland werden die Pässe auch durch Pferdezüchter- oder Reitsportverbände vergeben, was das System manipulationsfähig macht.
Die Firmen haben die fraglichen Produkte sofort aus dem Handel genommen. In Deutschland waren bereits Aldi Nord, Aldi Süd, Eismann, Edeka, Kaiser´s, Kosnum Leipzig, Lidl, Metro, Real, Rewe und Tengelmann betroffen.
Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) will Konsequenzen aus dem Skandal mit falsch deklariertem Pferdefleisch in Fertigprodukten ziehen. Bei einem Treffen der Verbraucherminister von Bund und Ländern hat sie einen Entwurf für einen Nationalen Aktionsplan vorgelegt. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg spricht indes von einer dauerhaften Einführung von DNA-Tests für Fleisch auf EU-Ebene.
Die Behörden in Frankreich und anderen EU-Staaten wissen bisher nicht, seit wann und in welchem Umfang Pferdefleisch als Rindfleisch verkauft wurde. „Das kann man nur sehr schwer feststellen“, sagte der Leiter der luxemburgischen Veterinärinspektion, Felix Wildschütz, der Nachrichtenagentur dpa. Vor allem in Frankreich suchten die Behörden ältere Lagerbestände von Tiefkühlkost, um Proben zu entnehmen und auch die möglicherweise verwendeten Mengen von Pferdefleisch abschätzen zu können.
In Deutschland sind seit Mitte Februar Fälle bekannt, in denen Händler mit Produkten beliefert wurden, die Pferde- statt Rindfleisch enthalten. Auch die britische Regierung gerät weiter unter Druck. Ein früherer Mitarbeiter der Lebensmittelaufsicht FSA will schon im April 2011 geholfen haben, einen Brief des größten britischen Pferdefleisch-Exporteurs High Peak Meat Exports an den damals zuständigen Minister aufzusetzen, in dem auf unzureichende Kontrollen in der Pferdefleischverarbeitung hingewiesen wurde.

Der Skandal hat vor rund einem Monat in Großbritannien und Irland begonnen, wo Spuren von Pferdefleisch in Hamburgern in Supermärkten gefunden wurden. Später zeigten Tests, dass Rindfleisch-Lasagne bis zu 100 Prozent Pferdefleisch enthielt. Die Behörden wissen bisher nicht, seit wann und in wie groß der Betrug mit Pferdefleisch läuft.

In Deutschland weiteten viele der für Lebensmittelkontrollen zuständigen Bundesländer ihre Tests auf Pferdefleischspuren in Rinderhack-Produkten aus. Im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen laufen seit Freitag Stichprobenuntersuchungen. Die Analyse der Rindfleisch- und Tiefkühlprodukte dauere noch an, teilte der Sprecher des NRW-Verbraucherschutzministeriums, Frank Seidlitz, mit.

Kommentar

Denn sie wissen nicht, was sie essen

Alle in NRW beheimateten Discount- und Lebensmittelketten waren aufgerufen, über eventuell falsch deklarierte Pferdefleisch-Produkte Auskunft zu geben. Rewe hat demnach angegeben, keine der falsch ausgezeichneten britischen Produkte eingeführt zu haben. In einer Umfrage der Nachrichtenagentur dpa hieß es auch von Aldi Nord und Aldi Süd sowie Lidl, das sie in Deutschland keine Waren aus dem Handel genommen haben und nicht betroffen seien.

Die Ursachenforschung geht weiter. Der britische Ernährungsminister Owen Paterson hielt ein weiteres Krisentreffen mit Spitzenvertretern der Nahrungsmittelbranche ab, um mögliche Schritte zu diskutieren. Am Mittwoch soll es ein Ministertreffen auf EU-Ebene geben, an dem auch Paterson teilnehmen wollte.

Der Verzehr von Pferdefleisch - in Ländern wie Italien, Frankreich oder auch Deutschland durchaus üblich - gilt in Großbritannien und Irland als gesellschaftliches Tabu. Es gibt, anders als in Zentraleuropa, keine Schlachter, die Pferdefleisch zu Wurst oder Fleischwaren verarbeiten.

Pferdefleisch
Pferdefleisch gilt in vielen Ländern Europas als Delikatesse. Besonders in Frankreich, Italien und Island ist der Verzehr nicht außergewöhnlich. Zum Teil werden besondere Schlachtfohlen gezüchtet.
In Deutschland kommt Pferdefleisch eher selten auf den Teller. Im Jahr 2011 wurden in der Bundesrepublik nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 11 200 Pferde geschlachtet. Gegenüber dem Vorjahr war das zwar ein Anstieg von 16 Prozent, doch bleibt damit der Anteil von Pferden bei der Fleischerzeugung mit deutlich unter 0,3 Prozent verschwindend gering.
In Deutschland bieten meist spezialisierte Rossschlachter Produkte aus dem Fleisch von Schlachtpferden an, seit einer Gesetzesänderung in den 90er Jahren sind aber auch andere Fleischereien dazu berechtigt.
Hierzulande wird Pferdefleisch vor allem als Grillwurst, Gulasch oder Roulade konsumiert. Auch für den traditionellen Rheinischen Sauerbraten wird in der authentischen Zubereitung nicht Rindfleisch, sondern das deutlich zartere und fettärmere Pferdefleisch verwendet.
Ernährungsexperten geben den Fettgehalt von magerem Pferdefleisch mit 3 Prozent gegenüber 6 Prozent beim Rind an. Bei fettem Fleisch sind es 16 zu 31 Prozent. 100 Gramm Pferdefleisch enthalten etwa 3,5 Milligramm Eisen, bei der gleichen Menge Rindfleisch sind es nur 1,9 Milligramm.

Die Behörden vermuten „kriminelle Machenschaften“ hinter dem Skandal, wie Paterson sagte. Allerdings ist das Motiv völlig unklar. Die britische Lebensmittelaufsicht FSA hat am Dienstag nach einer Razzia zwei Fleischverarbeitungsbetriebe in England und in Wales geschlossen. Der Betreiber eines Schlachthofs in der Grafschaft Yorkshire in Nordengland steht unter dem Verdacht, geschlachtete Pferde an eine Anlage in der Grafschaft Pembrokeshire in Wales weitergegeben zu haben. Dort wurde das Fleisch vermutlich zu Burger-Frikadellen und Kebabs verarbeitet. Polizisten und Lebensmittelkontrolleure beschlagnahmten in den beiden Betrieben Fleisch, Dokumente und Kundenlisten, hieß es weiter. Umweltminister Owen Paterson sagte in einer ersten Reaktion, dies sei schockierend und inakzeptabel.

Pferdemetzger Bert Hobbold

„Die Nachfrage ist konstant gut“

Auch bei Fertiggerichten in Frankreich ist falsch deklariertes Fleisch entdeckt worden. Der Tiefkühlkost-Anbieter Picard teilte am Dienstag mit, in zwei Chargen Bolognese-Fertiglasagne sei Pferdefleisch nachgewiesen worden. Die Chargen waren demnach bereits vergangene Woche vorsorglich aus dem Handel genommen worden. Bislang war im Zuge des Skandals nur in Großbritannien Fertiglasagne entdeckt worden, die Pferdefleisch enthielt, obwohl auf der Verpackung Rindfleisch angegeben war. Betroffen war der Anbieter Findus.

Wie auch Findus bezog Picard das Fleisch vom französischen Hersteller Comigel. Comigel hatte das Fleisch von dem südwestfranzösischen Fleischverarbeiter Spanghero bezogen, der das Fleisch wiederum aus Rumänien erhalten hatte. Bislang ist unklar, wo das Fleisch falsch gekennzeichnet wurde.

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Die Affäre zieht erste juristische Konsequenzen nach sich. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Paris eröffnete Medienberichten zufolge am Dienstag ein Vorverfahren wegen Betrugs. Die Ermittlungen wurden in die Hände der französischen Verbraucherschutzbehörde DGCCRF gelegt. Diese hatte bereits am Montag in Frankreich betroffene Unternehmen untersucht. Erste Ergebnisse dazu werden für diesen Mittwoch oder Donnerstag erwartet.

Der designierte Agrarminister von Niedersachsen, Christian Meyer (Grüne), forderte in einem dpa-Gespräch mit Blick auf den Pferdefleisch-Skandal eine verbesserte Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel. Die EU-Kommission verteidigte die geltenden Kennzeichnungsregeln: „Es ist ein bisschen verfrüht, eine verpflichtende Kennzeichnung für verarbeitete Fleischprodukte ins Auge zu fassen“, sagte der Sprecher von EU-Verbraucherkommissar Tonio Borg.

dpa, afp
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