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Doku „Versicherungsvertreter“Mehmet Göker und das Schweigen der Versicherer

Der Film „Versicherungsvertreter“ über Mehmet Göker erreicht ein Millionenpublikum. Doch auch fast vier Jahre nach der MEG-Pleite bleibt die Rolle der Versicherer unscharf. Was der preisgekrönte Film nicht erzählt.Thomas Schmitt 22.02.2013 - 11:35 Uhr Artikel anhören

So viel Aufmerksamkeit hat noch kein Film über die Versicherungsbranche eingeheimst. Mehr als 20.000 Menschen haben den Streifen von Klaus Stern in bundesdeutschen Kinos angeschaut. Das ist für einen Dokumentarfilm ein hoher Wert.

Schon die Kurzversion des Films bestaunte ein Millionenpublikum im Fernsehen. Und auch die TV-Erstausstrahlung im WDR am Donnerstagabend dürfte im TV trotz der späten Sendezeit noch viele Zuschauer gefunden haben. 

Ein Verbraucherschützer über Mehmet Göker
Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“.Quelle: Rede zur Verleihung des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises für den Film „Versicherungsvertreter“. Der Film ist von Klaus Stern aus Kassel gedreht worden.
„In der Branche gebe es nur vereinzelt schwarze Schafe, möchten uns viele Versicherungsunternehmen gern weismachen. Lustreisen nach Budapest seien wirklich die Ausnahme. Klaus Sterns Verdienst ist es, mit diesem Film über den bankrotten Versicherungsguru Mehmet Göker und seine Kasseler Firma MEG dieses Bild der Branche zu korrigieren.“
„Stern zeigt ganze schwarze Herden, präsentiert einen besonders eindrucksvollen schwarzen Leithammel und zeigt uns die dazugehörigen Schäfer aus den Vorstandsetagen der Assekuranz. Der Preisträger portraitiert einen jungen Versicherungsverkäufer ganz aus der Nähe und zeichnet dabei ein eindrucksvolles Bild der Mechanik der Branche. Der Film über das Kasseler Vertriebsgenie macht unbefangene Zuschauer - selbst uns in der Jury - baff.“
„Göker will reich werden, vor allem aber will er anerkannt werden, wie sein Vorbild Maschmeyer. Der 30jährige handelt so, wie Versicherungsvermittler sich das Agieren eines erfolgreichen Chefs vorstellen: Termine mit Günter Netzer, die spontane Reise der Vertriebstruppe im Ferrari nach Monaco.“
„Klaus Stern filmt unaufgeregt, nicht moralisch, er ist nah dran an seinem Protagonisten, zeigt dessen Kinderstube und auch den Fluchtort nach dem Scheitern, einen türkischen Badeort. Stern hat uns in der Jury überzeugt. Stern ist so nah dran, dass sich auch die Arbeitenden der Branche wieder erkennen.“
„Meine gegelten Versicherungskaufleute folgten gebannt dem Film, vor allem als ihre Vertriebsvorstände Göker, das Genie von Kassel, als den besten Verkäufer privater Krankenversicherungspolicen feiern und Göker viel mehr Geld für die gleiche Arbeit versprechen als sie selbst an der Basis je bekamen. Es geht um etliche tausend Euro für jede vermittelte Krankenversicherung.“
„In den Monaten Mai und Juni dieses Jahres waren die wichtigsten Lobbyisten der Versicherungsbranche oft damit beschäftigt, Mehmets Gökers Geschichte in die Vergangenheit zu verbannen. Klaus Sterns in jahrelanger Kleinarbeit entstandener Film hatte mitten ins Schwarze getroffen, so etwas dürfe nicht wieder vorkommen, so die Standardansage auf den Kongressen.“
„Hätte es noch eines Beweises für die Relevanz des Films bedurft, hatte ihn zuvor der Gesetzgeber selbst geliefert. Tatsächlich musste der Bundestag im Herbst 2011 neue Regeln für die Vermittlung privater Krankenversicherungen verabschieden. Das Gesetz soll die Kunden vor exzessiven Vertriebsprovisionen, vor - darf man sowas sagen? - durchgeknallten Vertriebsvorständen und letztlich auch die Vertriebsfirmen voreinander schützen. Nach dem Gesetzgeber gerufen hatte die Branche selbst.“

Der Film von Stern hat das Bild einer Branche, mit der jeder Deutsche Geschäfte macht, grundlegend verändert. Bisher galt als Gemeingut, was die Versicherungen gerne betonen. Zweifelhafte Vertriebsmethoden, wie etwa Lustreisen nach Budapest, seien die Ausnahme.

Klaus Stern habe dieses Bild mit seinem Film korrigiert, urteilt der Chefredakteur von Finanztest, Hermann-Josef Tenhagen. „Stern zeigt ganze schwarze Herden, präsentiert einen besonders eindrucksvollen schwarzen Leithammel und zeigt uns die dazugehörigen Schäfer aus den Vorstandsetagen der Assekuranz.“

Versicherungsvertreter

Das Katz- und Mausspiel des Mehmet Göker

Im Film selbst kommen die betroffenen Unternehmen allerdings gar nicht direkt zu Wort. Gerne hätte der Zuschauer erfahren, was denn die großen Versicherer heute zu den Vertriebsmethoden des Mehmet Göker und der Pleite des großen Finanzvertriebs MEG sagen. Ob es ihnen leid tut, dass sie auf vielen Millionen Euro an Verlusten sitzen geblieben sind? Ob sie nun den Verkäufer Mehmet Göker für alle Zeiten ächten? Ob künftig weniger aggressiv um Kunden geworben wird?

Solche Fragen hätte Klaus Stern den Versicherern gerne vor laufender Kamera gestellt. Viele Anfragen stellte er an große Konzerne wie Axa, Central, Inter oder Alte Leipziger. Doch er erhielt nur freundliche Absagen. Geprüft worden sei sein Anliegen immer, doch dann hätten Sprecher schnell auf offene rechtliche Auseinandersetzungen mit Mehmet Göker verwiesen. Der Filmemacher Stern hält diese Absagen für vorgeschoben, wie er Handelsblatt Online sagte.

Worum es im Film „Versicherungsvertreter“ geht
„Wer seine Grenzen nicht kennt, hat auch keine.“ So wird Mehmet Göker zitiert. Der Film erzählt die Geschichte des heute 32 Jahre alten Verkäufers von privaten Krankenversicherungen. Er war aus der Sicht des Filmemacher „ein absoluter Herrscher über ein sektenähnliches Versicherungsimperium“. Der Film zeigt Aufstieg, Fall und Neuanfang des türkischstämmigen Jungunternehmers aus Kassel.Quelle: www.versicherungsvertreter-derfilm.de
Der Film ist eine Geschichte von Gier und Größenwahn, er gibt aber einen Einblick in das Geschäftsgebaren privater Krankenversicherer. Göker wollte mehr als „nur einen Krümel vom Kuchen abhaben“: mit 25 hat er mit dem Vertrieb privater Krankenversicherungen am Telefon seine erste Million verdient.
Die MEG wächst schnell aus kleinen Anfängen. Der Umsatz steigt rasant. Immer neue Mitarbeiter werden angeworben und durch großzügige Provisionen gelockt. Verschwenderische Reisen für die besten Vermittler und Ferraris gehören zu den kleinen Annehmlichkeiten der ranghöheren Mitarbeiter. Die Jubel-Veranstaltungen der Firma wirken selbstherrlich, sind pompös gestaltet und enthalten groteske Rituale.
Mehmet E. Göker ist der alleinige Herrscher in diesem Imperium, das 2009 über 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er präsentiert sich als ein hyperaktiver Unternehmer, dem die privaten Krankenversicherer (unter anderem AXA, Allianz, Hallesche und Central) immer absurdere Provisionen zahlen. Bis zu 8.000 Euro kassiert die MEG AG für die Abschluss eines Vertrages. Auf dem Höhepunkt im Jahre 2009 ist die Firma der zweitgrößte Vermittler von privaten Krankenversicherungen in Deutschland.
Firmenchef Göker ist umgeben von hörigen Gefolgsleuten, die sich auch mal eben das Firmenlogo aufs Handgelenk tätowieren lassen. Göker schafft es, einen Kult um MEG zu erzeugen, dem sich seine Mitarbeiter nur schwer entziehen können. MEG ist nicht nur ein Arbeitgeber, MEG ist für die Leute in der Maschinerie ein Lebensstil. Auch Jahre später schwärmen sie noch davon. Kritiker sehen in MEG dagegen schlicht ein betrügerisches Schneeballsystem.
Ende 2009 ist der Versicherungsmakler pleite und die Staatsanwaltschaft ermittelt bis heute gegen Göker, unter anderem wegen Untreue, Insolvenzverschleppung und unlauterem Wettbewerb. Das System seines Strukturvertriebs war schon 2007 ins Wanken geraten, als Göker wegen unter anderem wegen Steuerhinterziehung zu 720.000 Euro Geldstrafe verurteilt wurde. Aktuell hat Mehmet Göker 21 Millionen EUR private Schulden.
Mehmet E. Göker ist nur noch selten in Deutschland, er lebt in der Türkei, wo seine Eltern herkommen. Und er ist wieder aktiv. An der türkischen Ägäisküste lebt und arbeitet er mit über 50 Mitstreitern. Die neue Firma ist formal aber nicht seine eigene, beteuert er. Die „Göker Consulting Group“ gehöre seiner Mutter, er selbst sei dort nur Angestellter.
„Eine herrlich bösartige Entlarvungs-Doku über das, was man mit Einfallreichtum sowie ein wenig krimineller Energie in unserem Land erreichen kann. (…) Exzellent montiert.“ So urteilt Bild. „Eine köstliche Realsatire – und sehenswert“, stellt Deutschlandradio fest.„Göker ist ein extrem leidenschaftlicher Verkäufer. Vor allem seiner selbst. (…) Verwirrend sind die Unschuld und die fast schon relegiöse Überzeugung, mit der das tut. Göker , der zu seinen größten Erfolgszeiten Bilder von seinem Vater, Mahatma Gandhi und Richard Branson über dem Schreibtisch hängen hatte, kann sich und andere die tollsten Dinge einreden.“ Das meinte Josef Engels in der Welt.

Unabhängig davon haben Manager, Mitarbeiter und Vermittler in der Versicherungswirtschaft seinen Film stark beachtet. Der Filmemacher erinnert sich noch gut an die ersten Reaktionen, die ihm zugetragen wurden. Mit dem Film habe er der Branche und dem Berufsstand der Vermittler sehr geschadet, hieß es.

Wirklich? Stern kann da nur den Kopf schütteln.

Viele Dinge, die er in seinem Film beschreibt, gehörten einfach zum Vertrieb. Schnelle Autos, schöne Frauen und tolle Reisen zum Beispiel. Das Wohl des Kunden stehe im Verkauf eben häufig hintenan. Es geht den Vermittlern von Versicherung häufig in erster Linie darum, sehr schnell möglichst viel Geld zu verdienen.

Mehmet Göker über private Krankenversicherer
In einem Interview sprach Mehmet Göker im Juli 2011 auch über die Versicherer. Die Perspektive nach der Pleite der MEG.Quelle: Interview mit Klaus Stern, Juli 2011, Türkei, im Bayern-Trikot
„Die Versicherer haben immer bekommen, was sie wollten.“
„Mir hat mal ein hochrangiger Mitarbeiter einer großen deutschen Krankenversicherung gesagt, dass viele Versicherungsvorstände und Mitarbeiter Angst haben, wenn wirklich rauskommt, wie das alles abgelaufen ist."
"Ich habe Schuld, ganz klar, aber es wurde auch vieles - fahrlässig ist vielleicht das falsche Wort, aber..."
„Wissen sie, es gab eine Situation. Da hat die MEG eine Million Euro gebraucht. Bar. Dann gab es von mir einen Anruf bei einem Versicherer, am Telefon. Ich sage Hallo Herr Soundso, ich brauche eine Million Euro bis morgen. Da war ich 29, 30. Da sagt: Ja, ja, okay, ich melde mich in einer Stunde. Ich sage: Gut. Anderthalb Stunden später rufe ich an, nein, eine Stunde später rufe ich an, weil kein Rückruf kam. Ich sage: Was ist denn mit der Million? Sagt er: Was denn? Ist doch vor 50 Minuten raus.“
„Können Sie sich jetzt vorstellen, welches Rad da gedreht wurde? Wie viele Menschen kennen Sie, die Sie mal anrufen und sagen: Ich brauche eine! (zeigt den Daumen) Dann rufen Sie eine Stunde später und sagen: Sie wollten mir doch antworten. Er sagt: Machen Sie doch ruhig, Herr Göker, das Geld ist vor 50 Minuten raus. Zwei Stunden später war es auf dem Konto. Eine!“ (zeigt den Daumen)
„Jetzt hat man vielleicht mal annähernd eine Größenordnung, was damals ablief. Auf Zuruf habe ich von Versicherern Millionen bekommen. Keine Unterschrift. Und einige haben davor natürlich Angst. Ja, ist nicht schön?“

Dass ging mit der Vertriebsmaschinerie von Göker fantastisch. Denn er war im Verkauf von privaten Krankenversicherungen schnell keine kleine Nummer mehr, sondern innerhalb von wenigen Jahren eine große. Das zeigen allein die Zahlen.

2006 hatte MEG 150 Mitarbeiter und 15 Millionen Euro Umsatz. 2007 waren es schon 350 Mitarbeiter und 42 Millionen Euro Umsatz. Im Jahre 2008 schnellen die Zahlen hoch: 1000 Mitarbeiter und 65 Millionen Euro Umsatz. Die Ziele für 2009: 1700 Mitarbeiter und 110 Millionen Euro Umsatz – natürlich mit Provisionen, allein durch den Verkauf von privaten Krankenpolicen.

Versicherungsvertreter

Die neue Masche des Mehmet Göker

Der Verkäufer Göker wollte sogar noch höher hinaus, ganz nach seinem Vorbild Carsten Maschmeyer, dem Gründer des Finanzvertriebs AWD – ein Unternehmen, das heute zum Versicherer Swiss Life gehört und seinen alten Namen abgelegt hat.

Im Mai 2009 sagte Göker: „Ich habe Ziele, realistische Ziele. Das realistische Ziel ist es, den größten Finanzvertrieb der Welt zu haben.“ Nur wenige Monate später ging MEG in die Insolvenz. Göker schied aus, verkaufte MEG in Deutschland. Gökers Firma ist zwar pleitegegangen, doch er selbst ist weiter aktiv – in der Türkei. Statt MEG heißt seine Firma, die er offiziell jedoch nicht führt, MEG TR.

Mehmet Göker über sein Vorbild Carsten Maschmeyer
Carsten Maschmeyer hat den Finanzvertrieb AWD gegründet und vor einigen Jahren an den Versicherer Swiss Life verkauft. Göker begegnete ihm persönlich, als er noch das Sagen im AWD hatte: „Ich hatte mit ihm drei Treffen, eines ging über acht, neun Stunden. Und die anderen zwei über vier, fünf.“Quelle: Interview mit Klaus Stern, Juli 2011, Türkei, im Bayern-Trikot
„Ich habe niemals zuvor und danach einen Menschen erlebt, der mich so beeindruckt hat. Eine unglaublich faszinierende Persönlichkeit. Jemand der weiß, was er getan hat, tut und tun will. Klar strukturiertes Denken. Kein Politiker - und ich habe viele Politiker in Bundesämtern kennen gelernt - könnte diesem Mann jemals das Wasser reichen. Und ich kann klar differenzieren: Wenn jemand was erzählt, kann er das halten? Sind das leere Worte? Ist der Typ eine leere Hose? Nein, das ist schon jemand, der einfach eine beeindruckende Persönlichkeit ist und der nicht nur sagt, was er denkt, sondern auch tut, was er sagt. Davon gibt es leider viel zu wenige.“
„Ich habe nicht viel von ihm lernen können in dieser Zeit, aber einiges übernommen: Schlagfertigkeit. Und natürlich auch, was ganz wichtig ist, dass man sein Wort hält. Aber so war ich immer. Verträge kann heute jeder auseinander nehmen. Wir unterschreiben einen Dreijahresvertrag, ich finde in Deutschland drei Anwälte, die den Vertrag komplett auseinander nehmen und morgen ist er nichtig. Aber das Wort eines Mannes, für die Ehre eines Mannes gibt es kein zweites Ja.“
„Ich sage: Wenn ich etwas verspreche und ich halte es nicht, spucken sie mir ins Gesicht. Ich weiß, es wird nie dazu kommen. Man kann viel über mich sagen, aber ich bin immer ehrlich, ich bin immer menschlich, versuche immer meinen Mitmenschen zu helfen, solange sie mich nicht hintergehen. Und ich reiche immer jedem die Hand, der sie braucht oder der sie will.“
„Zuerst gab es Differenzen, ob ich das überhaupt so wollte. Dann gab es Differenzen über die Art und Weise. Warum es am Ende gescheitert ist, da müssen Sie Herrn Maschmeyer fragen, nicht mich.“
„Am Anfang gab es eine Situation, da ist Herr Maschmeyer auf die Toilette gegangen und sagte: Hier haben Sie ein weißes Blatt Papier. Stellen Sie sich vor, ich bin der Weihnachtsmann und Sie haben einen Wunsch frei. Schreiben Sie Ihren Wunsch auf. Er kam wieder, und ich habe ihm das Blatt Papier hingelegt: Es war leer. Ich kann meine Seele nicht verkaufen. Das war so.“
„Später wollte ich, aber da kam es dann nicht mehr dazu. Da hatte Herr Maschmeyer den Vorsitz abgegeben und war - glaube ich - ja auch nur noch mit drei Prozent als Aktionär an AWD beteiligt, hatte ja sein Geld bekommen. Dann gab es nicht mehr diese Möglichkeiten.“
„Ich finde, jeder Mensch, nicht nur Herr Maschmeyer - Nelson Mandela, Mahatma Ghandi, Atatürk in der Türkei, mein Vater - alle diese Menschen haben für mich etwas Besonderes in ihrem Leben geleistet. Da gibt es nicht nur ein Vorbild. Ich finde, man muss sich an denen orientieren, die für die Gemeinschaft etwas Gutes getan haben. Da werden viele lachen und sagen: Was hat denn Maschmeyer für die Gemeinschaft Gutes getan? Man sieht ja immer nur die Fälle im Fernsehen, die negativ sind. Aber es laufen ja keine zweihunderttausend Menschen rum, die sagen: Wir haben aufgrund der Produkte vom AWD profitiert.“
„Man sieht ja nur immer die im Internet meckern und die im Fernsehen mecken, die 15 oder 150, denen es nicht gutgeht. Aber es kommt keiner ins Fernsehen und sagt: Wollte mal sagen: Ich habe als Mitarbeiter bei Herrn Maschmeyer völlig neue Perspektiven gehabt.“
„Dr. Pohl ist genauso eine fantastische und begeisternde Persönlichkeit, aber er hat einen anderen Vertriebsstil, meiner ähnelt mehr dem Carsten Maschmeyer, deswegen fühle ich mich da eher hingezogen. Wobei: Dr. Pohl habe ich noch nie persönlich kennen gelernt. Aber Respekt vor einem Menschen, der sein Lebenswerk irgendwann so gigantisch hinterlassen wird.“

Das neue Leben von Göker fernab in der Mittelmeer-Sonne zeigt der Film genauso wie Szenen, in denen er die Versicherungsbranche vorführt: „Ich kämpfe bei den Versicherern, bei den Vorständen, hole eine Scheiß-Kondition nach der anderen raus, nur damit ihr am Telefon zu den Menschen sagt: ich komme bei Ihnen vorbei, es dauert 20 Minuten, und Sie suchen sich am Laptop nach Ihren Wünschen das Beste raus. Einige verpennen das.“  Solche Sätze sollen seine Verkäufer motivieren.

Wenig schmeichelhaft für die Branche wirken auch die Aufnahmen im blauen Ferrari. Dabei sagt Göker vor laufenden Kameras auch so bedeutungsschwere Sätze wie: „Hallo, Grüß Dich Schätzchen. Und heute schon Axa-Geld eingegangen?“ Axa ist einer der größten Versicherer in Europa.

Der Versicherer Allianz und Mehmet Göker
Michael Albert war Marketingchef der Allianz Krankenversicherung. Kurz nach Erscheinen des Beitrags im MEG-Journal trennte sich das Unternehmen im November 2008 von dem Top-Manager, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Der damals 57-Jährige hatte mehr als 26 Jahre für den Finanz- und Versicherungskonzern gearbeitet und war zuletzt im Vorstand der Allianz Krankenversicherung für die Bereiche Marketing und Vertrieb verantwortlich, hieß es bei Horizont. Die Trennung sei "im gegenseitigen Einvernehmen" erfolgt und wurde mit "strukturellen Veränderungen" im Unternehmen begründet.Quelle: Interview MEG-Journal, Allianz-Manager Michael Albert, Oktober 2008
„Im Zuge der verstärkten Aktivitäten der Allianz Privaten Krankenversicherungs-AG (APKV) im Bereich Maklervertrieb kam es 2005 zum ersten Kontakt mit der damals aufstrebenden MEG AG. Die Allianz hat damals erkannt, dass Konzept und Strategie der MEG AG viel Potenzial bieten und klar zukunftsorientiert sind.“
„Den Grundstein zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit beider Unternehmen legten dann schließlich Mehmet E. Göker, Vorstandsvorsitzender der MEG AG, und ich gemeinsam bei einem Treffen im Jahr 2006.“
„An dieser Stelle möchten wir zunächst unsere Anerkennung für die unternehmerischen Erfolge von Herrn Mehmet Göker aussprechen: Er hat auch in sehr schwierigen Zeiten mit Konsequenz und höchstem persönlichen Engagement an seinem Ziel festgehalten, die Firma MEG AG zu dem Top-Unternehmen in der Vermittlung von Krankenversicherungen auszubauen und kann heute mit Stolz auf das Erreichte blicken.“
„Beide Partner – MEG AG und Allianz – haben von Anfang an sehr voneinander profitiert. So stark, dass die Zusammenarbeit im Laufe der Zeit sukzessive zu einer Premium-Partnerschaft ausgebaut wurde.“
„Beispielsweise gewährleistet die Allianz eine beschleunigte Antragsbearbeitung, sie stellt direkte Ansprechpartner in der Maklerdirektion und eine persönliche Betreuung der MEG AG Berater vor Ort. Ebenso ist sie - trotz anfänglicher Skepsis - dem Wunsch der MEG AG nach einer Voranfragemöglichkeit am Telefon für potenzielle Neukunden nachgekommen. Inzwischen hat sich die telefonische Risikovoranfrage etabliert und wird rege genutzt. Die sehr gute Zusammenarbeit entstand nicht zuletzt auch durch die Nutzung eines Einheitsantrages.“
„Insgesamt betrachtet ist der Austausch zwischen den Unternehmen sehr eng. Regelmäßig finden Telefonate, Meetings, Round-Table-Gespräche und gemeinsame Schulungen statt, auch unterstützt die Allianz die MEG AG bei der Mitarbeiterschulung zur Sachkundeprüfung (IHK). Ebenso hat die APKV ihre Prozesse für die MEG AG optimiert und passt sie durch den engen Kontakt und die Festigung der erfolgreichen Zusammenarbeit stetig weiter an die MEG-Bedürfnisse an. All dies sind Beispiele, wie wichtig der APKV die Zusammenarbeit mit der MEG AG ist.“
„Wir streben weiterhin ein erfolgreiches und partnerschaftliches Miteinander an, da wir vom Wachstumskonzept des Hauses MEG AG fest überzeugt sind. In Zukunft wollen wir unsere Zusammenarbeit intensivieren und, wo Bedarf besteht, die Services weiter verbessern, um noch schneller und erfolgreicher zusammenzuarbeiten.“
„Wir wollen gemeinsam mit Herrn Göker und seiner Mannschaft die Chancen nutzen, die sich für die Krankenversicherungsbranche durch das Wettbewerbsstärkungsgesetz (WSG) ergeben. Mit unserer Tarifserie AktiMed® verfügen wir über Produkte, die insbesondere im Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugen und am Markt sehr gut platziert sind. Damit haben gerade die Verkäufer im Hause MEG AG die Möglichkeit, anspruchsvollen Kunden sehr attraktive Lösungen zu bieten und können den gesetzlichen Veränderungen mit uns an ihrer Seite gelassen entgegensehen.“
MEG ging 2009 pleite. Eine Allianz-Sprecherin räumte im November 2010, also nach der MEG-Pleite, gegenüber dem „Spiegel“ ein: Ja, man habe hohe Vorschüsse gezahlt, aber das sei in der Branche üblich.

Mit diesem großen Konzern, der hierzulande in Köln sitzt, war Göker besonders eng verbunden, wie auch andere Szenen im Film zeigen. Über die Versicherer an sich, also unter anderem Allianz, Central und die zur Alten Leipziger gehörende Hallesche stellte Göker dabei fest: „Und dann kamen die zu mir: Was wollen Sie? Wie wollen wir es machen? Was können wir für Sie machen? Wollen Sie das? Wollen Sie dies? Wollen Sie jenes? Ja, klar, natürlich, wenn Sie es mir anbieten! Gerne! Ist ja nichts Verwerfliches dabei, wenn einer kommt und sagt: Möchten Sie mehr Geld?“

Dass manchem Manager aus der Versicherungsbranche die Gier früherer Jahre heute doch peinlich sein könnte, ist im Film selbst nicht zu erkennen. Das lässt sich nur indirekt erschließen – an den Reaktionen auf den Film. Ein Beispiel ist da die Geschichte von Frank Kettnaker, eines Managers des Versicherungskonzerns Alte Leipziger. Der Mann zog sogar vor Gericht, weil er nicht in dem Film auftauchen wollte.

Mehmet Göker: So wird man Millionär
Im Internet-Netzwerk Facebook verbreitet der Versicherungsvertreter gerne seine Lebensweisheiten. Seine Fans lieben das und kommentieren seine Bemerkungen fleißig.
„Merke Dir: Noch nie ist jemand Millionär geworden, dessen Intention es war, Millionär zu werden !“
„Millionär wird man, indem man etwas tut, was einem Spaß macht - aus Leidenschaft und dann mit 100 Prozent Hingabe dieser Leidenschaft mindestens 60 Stunden die Woche nachgeht.“
„Wenn dann noch ein Schuss Kreativität, Eigenmotivation, Disziplin, Ordnung und Fleiß Deine Attribute sind, dann ist es möglich, Millionär zu werden.“
„Aber glaube mir eines: Jemand, der etwas gerne macht, hat das Ziel glücklich zu sein und nicht Millionär zu werden. Das Geld kommt von ganz alleine. Jemand, der das Ziel verfolgt, Millionär zu werden, der wird weder glücklich noch Millionär.“ . . .
. . . „Er vergeudet einzig und allein seine Lebensenergie damit, ein Leben lang dem schnöden Mammon hinterher zu laufen.“
Der wollte doch immer reich & berühmt werden, wendet ein Facebook-Nutzer ein.
„Never. Bohlen wollte singen, Gitarre spielen. Das war immer seine Leidenschaft. Sein Vater war Millionär. Und er hätte in seiner Firma anfangen können. Statt dessen hat er bei einem Hamburger Musikstudio für 4.000 Mark brutto angefangen! Und sich dann Lied für Lied hoch gearbeitet!“
„Genau das ist der Grund, wieso ich diese Sympathie für Dieter Bohlen habe!“, kommentiert ein Anhänger den Göker-Kommentar. „Wieso? Weil er es durchgezogen hat, obwohl er nicht der beste Sänger war und oft verhasst wurde, jedoch ist er immer wieder aufgestanden, egal wie oft - er unten lag! Respekt vor dieser Leistung!“
"Exakt. Ich habe ihn schon immer bewundert und geliebt. In den 80ern in der Grundschule sangen wir auf dem Schulhof Cherry Cherry Lady"

Laut Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung (HNA) steht Frank Kettnaker dabei auf der Bühne und sagt zum MEG-Chef Göker: „...und vielen Dank für Ihren Erfolg, denn ihr Erfolg ist letztlich der Erfolg von uns allen, vielen Dank.“ Kettnaker verlor, und gestern Abend durfte sein Loblied auf Mehmet Göker auch gezeigt werden. Vielen dürfte es gar nicht aufgefallen sein, nur Insider kennen den Manager, auf der Straße würde er wohl kaum erkannt werden.

Stern vermerkt im Nachhinein lobend, dass die Branche – bis auf dieses kleine Beispiel – nicht versucht habe, seinen Film zu verhindern. Davor hatte er im Vorfeld Angst. Doch schließlich musste er nur den Prozess gegen die Alte Leipziger heil überstehen. In der Sache ging es hier nur um wenige Sekunden.

Mehmet Göker

Ein Versicherungsvertreter blamiert die Branche

Er sei auch nicht ausgeforscht worden, soweit er das wisse. Die Reaktion sei „einfach nur Schweigen“ gewesen, so der Filmemacher.

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer
Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“
Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.
Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro
Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private KrankenversichererFür 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen EuroAXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.
Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro
Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.
Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

Auch sein Versuch, der Branche mit seinen Erfahrungen anschließend zu helfen, fand keinen Widerhall beim PKV-Verband. So hätte Stern gerne Seminare darüber gehalten, was Versicherungsvertreter und die Unternehmen selbst aus seinem Film lernen können.

Stern findet eine ganze Menge. Erstens: Schnelle Geschäfte sind nicht nachhaltig. Zweitens: Es kommt wie ein Bumerang zurück, wenn man unsauber arbeitet. Drittens: Die Branche sollte lieber gegen ein Honorar beraten als gegen Provision zu verkaufen.

Gerade mit dem dritten Punkt schneidet Stern jedoch eine heilige Kuh an. Der Verkauf auf Basis von Provisionen, die mit den ersten Prämien gezahlt werden, wird von der Branche zäh verteidigt. Die wenigen Verbraucherschützer, die ebenfalls für Honorarberatung sind, haben bisher in der politischen Diskussion wenig Chancen. Deshalb fristet die unabhängige Beratung gegen Honorare in Deutschland auch ein Schattendasein.

So verdiente Mehmet Göker mit Provisionen Millionen
„Bericht zur ersten Gläubigerversammlungim Insolvenzverfahren MEG AGAmtsgericht Kassel Az. 661 IN 381/09vorgelegt vom InsolvenzverwalterDr. Fritz WesthelleRechtsanwaltFachanwalt für Insolvenz- und Arbeitsrecht“ Quelle: Insolvenzbericht
Mehmet Göker wurde am 2. April 1979 geboren. Die Ursprünge der MEG gehen auf ein Einzelunternehmen zurück, das durch nach seiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann bei der DKV am 01.04.2003 gegründet wurde. Er firmierte unter der Bezeichnung “MEG Versicherungsspezialist e. K.“ und übte laut Handelsregistereintragung die Tätigkeit als Makler von Versicherungen und Bausparverträgen aus.
Das Geschäftsmodell war anfangs so: Die für Göker tätigen, selbständigen Vermittler erwarben Kundenkontakte bzw. Kundendaten („Leads“). Dabei handelt es sich um Kundendaten speziell aus den Bereichen Versicherungen, Finanzierungen und Geldanlagen, die von diesen Vertriebsagenturen insbesondere auf Internetplattformen generiert werden.Der jeweilige Mitarbeiter reichte den Antrag bei der MEG e. K. ein. Danach floss - je nach den vereinbarten Konditionen mit dem Versicherer - die Abschlussprovision an die MEG e. K. In der Regel verblieben zwischen 25 - 35 Prozent der Provision eines jeden Vertrages bei der MEG e. K.
Umsatzerlöse erstes Halbjahr 2003: gut 77.000 Euro, Gewinn: ca. 24.000 Euro.Bilanz für 2004: Umsatz von ca. 109.000 Euro. Tatsächlich beliefen sich die vereinnahmten Provisionen auf ca. 513.000 Euro. Die Differenz hängt damit zusammen, dass die Provision im Verkauf von privaten Krankenversicherungen erst nach Ablauf einer Stornofrist von 12 Monaten endgültig verdient ist. Die Gewinn- und Verlustrechnung ergab einen Fehlbetrag in Höhe von gut 98.000 Euro.
Bis Ende 2004 entwickelte sich das Geschäft der MEG e. K. positiv, zumal das Unternehmen gemessen an den Umsatzzahlen einen relativ geringen Kostenapparat hatte. Letztlich hielt jeder einzelne Vertriebsmitarbeiter den Kontakt zu dem Kunden und stand für Fragen zu dem jeweiligen Versicherungsvertrag zur Verfügung. Die MEG e. K. verfügte bereits in kurzer Zeit über eine feste Vertriebsstruktur. Es gab in der oberen Vertriebsebene einige Organisationsdirektoren, unter denen sich weitere Vertriebsmitarbeiter formierten, die zuvor von den Organisationsdirektoren angeworben wurden.
Ende 2005 verfügte die MEG e. K. über gut 40 selbständige Mitarbeiter. Der Führungsstab wurde um mehrere Organisationsdirektoren erweitert, die selbst mindestens drei bis sechs neue Vertriebsmitarbeiter anzuwerben hatten. Nach Auskunft eines ehemaligen Vertriebsmitarbeiters habe bereits zu dieser Zeit die Qualität der Vertragsabschlüsse gelitten, da auch ungelernte selbstständige Mitarbeiter angeworben wurden.
Im Jahr 2005 flossen Provisionen von ca. 2,6 Millionen Euro. Es wurde ein Gewinn von knapp 52.000 Euro errechnet, demgegenüber lagen die Entnahmen des Inhabers, saldiert mit den Einlagen, bei ca. 490.000 Euro. 2005 wurde erstmals ein gebrauchter Ferrari zum Kaufpreis von 77.900 Euro angeschafft. Insgesamt wurden in diesem Jahr für ca. 178.000 Euro Investitionen in den Fuhrpark vorgenommen.
Die MEG e. K. bot den Vertriebsmitarbeitern Ende 2005 / Anfang 2006 die Möglichkeit an, die Leads direkt über die MEG e. K. zu erwerben. Die Beratung und der Verkauf der Versicherungen erfolgte in der Regel per Telefon, so dass die Kosten bei den Vertriebsmitarbeitern im Rahmen gehalten werden konnten. Neben der Vertriebsstruktur versuchte die MEG e. K. daneben auch, eine eigene Betriebsstruktur aufzubauen für Nachbereitung und Verwaltung der abgeschlossenen Verträge aufzubauen.
Die MEG AG wurde am 13.07.2006 im Handelsregister des Amtsgerichts Kassel unter Nummer HRB 13995 eingetragen. Das Grundkapital betrug seinerzeit und bis zur Erstellung des Insolvenzberichts 50.000 Euro. Der Umsatz schnellt 2006 auf ca. 13,95 Millionen Euro hoch, vervielfacht sich also gegenüber den Einnahmen von 2,6 Millionen Euro im Vorjahr. Bei Gründung hatte die MEG AG ca. 40 Mitarbeiter, zum Jahresende 2006 waren über 150 Mitarbeiter beschäftigt. Von Ende 2007 bis Anfang 2008 gründete die Gesellschaft Zweigniederlassungen unter der glei-chen Firma in München, Bielefeld, Stuttgart, Würzburg, Hamburg und Cottbus. Später kamen noch hinzu Berlin, Düsseldorf-Ratingen, Frankfurt-Eschborn, Hannover, Lübeck und Mannheim. Geplant war die Eröffnung weiterer Standorte in Dortmund, Dresden, Frankfurt/Oder, Lüneburg und Nürnberg.
Der „Vertrieb“ war streng strukturiert und hierarchisch angelegt. Unterhalb des Vertriebsvorstandes waren Mitglieder des Vorstandes angesiedelt, die wiederum für eine bestimmte Zahl von Vertriebsdirektoren verantwortlich waren. Unterhalb der Vertriebsdirektoren waren „Orga-Direktoren“ angesiedelt, die eigene Vertriebstruppen von bis zu dreißig Vertriebsmitarbeitern führten. Die Entlohnung erfolgte von oben nach unten. Bei Abschluss eines Vertrages schüttet die jeweilige Versicherung bis zu 15 Monatsbeiträge als Abschlussprovision an die MEG AG aus. Durchschnittlich waren es ca. 14,43 Monatsbeiträge (bei Gewichtung der sechs sog. „Premium-Versicherungen“, mit denen die größten Umsätze erzielt wurden). Bei dem Vertriebsmitarbeiter, der für den Abschluss verantwortlich war, kamen hiervon bei selbständig Tätigen zwischen 6,5 und 8 Monatsbeiträgen an, bei angestellten Mitarbeitern zwischen 1,75 und 4,25 Monatsbeiträgen.
2007 führte aus rechtlicher Sicht die aufgekommene Frage der Scheinselbständigkeit der für die Gesellschaft tätigen Vertriebsmitarbeiter zu wesentlichen Veränderungen innerhalb der Vertriebsstrukturen der Gesellschaft. Zu dieser Zeit waren ca. 300 Vertriebsmitarbeiter für die MEG AG tätig. Die Frage der Scheinselbständigkeit war letztlich auch Anknüpfungspunkt für die Strafverfolgungsorgane und Sozialversicherungsträger, Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen des Unternehmens wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und der Unterschlagung von Sozialabgaben einzuleiten. Dies führte im April 2007 zu Durchsuchungen des Firmengebäudes und auch von Privatwohnungen einzelner Vorstandsmitglieder und weitergehender Ermittlungen insbesondere gegen Mehmet Göker.
Am Ende des gegen Mehmet Göker insoweit eingeleiteten Strafverfahrens wurde er bei einem angenommenen täglichen Nettoverdienst von 1.000 Euro zu einer Gesamtgeldstrafe von 720.000 Euro verurteilt. Letztlich stellte die Rentenversicherung am Ende ihrer Ermittlungen fest, dass die von der Gesellschaft als Vertriebsmitarbeiter eingesetzten Personen deren Direktionsrecht unterlagen, in den Betrieb der Insolvenzschuldnerin eingegliedert und der Gesellschaft gegenüber weisungsgebunden waren.
Zu Beginn des Jahres 2008 hatte die MEG AG die meisten der bislang für sie selbständig tätigen Mitarbeiter nach und nach in abhängige Beschäftigungsverhältnisses übergeleitet. Die Konditionen mit den Mitarbeitern waren allerdings unterschiedlich vereinbart. So konnte zum Beispiel ein Mitarbeiter bei einem Grundgehalt von 4.000,00 EUR noch zusätzliche Einnahmen durch Provisionen erzielen. Auf diese Weise mussten sogar die Auszubildenden im Vertrieb ihre Ausbildungsgehälter „ins Verdienen bringen“. Wer also keine Provisionen erarbeitete, bekam letzten Endes nicht einmal seine Ausbildungsvergütung.
Insbesondere durch vorschussweise ausbezahlte Provisionen einzelner Versicherungsgesellschaften in Millionenhöhe gelang es der MEG AG, sich als weiterhin wachsendes Unternehmen darzustellen. Die Vorauszahlungen auf noch abzuschließende Versicherungsverträge erfolgten bereits im Gründungsjahr der Gesellschaft im Jahr 2006, danach bis in das Jahr 2009 hinein jeweils zu Beginn eines Jahres.
Umsatzerlöse:2006: 11,18 Millionen Euro2007: 33,3 Millionen Euro2008: 53,7 Millionen EuroBis August 2009: 48,5 Millionen Euro Jahresüberschuss:2006: - 2.294.333,592007: 280.589,822008: 3.118.472,94Bis August 2009: -418.022,29
Sowohl die Mitarbeiter der MEG AG als auch die mit der MEG AG zusammen arbeitenden Versicherungsgesellschaften verloren immer mehr das Vertrauen in Herrn Göker, da er die Versprechungen, die er abgab, nicht einhielt. Hierneben äußerte der Aufsichtsrat immer deutlicher seinen „Unmut“ über die Alleingänge des Herrn Göker, da er trotz früherer Ermahnungen des Aufsichtsrats noch immer ohne die vorherige Zustimmung der zuständigen Organe Privatentnahmen vornahm. So wurden Privatentnahmen des Vorstandsvorsitzenden und Alleinaktionärs Göker verzeichnet in Höhe von ca. 1,3 Millionen Euro für die Begleichung privater Steuerschulden, 400.000 Euro für die Restzahlung der Türkeivillen und 100.000 Euro für Kreditkartenverbindlichkeiten aus einer Reise nach Las Vegas. Ferner wurden Erlöse aus Verkäufen von MEG - Fahrzeugen in Höhe von ca. 60.000 Euro an Göker privat bemängelt, ohne dass ein ordnungsgemäßer Kasseneingang vermerkt werden konnte.
In dem Protokoll über die Sitzung des Aufsichtsrats vom 12.08.2009 wurde festgestellt, dass die MEG AG unter der Führung des Vorstandsvorsitzenden Göker zu lange Zeit zu großen Wert auf personelles Wachstum des Vertriebs und den bloßen Umsatz gelegt habe. Im Gegenzug sei es versäumt worden, die Qualität der Mitarbeiter und des Maklergeschäftes ausreichend zu beachten. Mit der Häufung von aufgedeckten Fällen der Urkundenfälschung trat die immer mehr zurückgehende Qualität der Leistungen der Vertriebsmitarbeiter nunmehr immer deutlicher zum Vorschein und führte dazu, dass die Versicherungsgesellschaften auf Distanz zur MEG AG gingen. Letztlich führte die in der Führungsebene der MEG AG eingetretene Krise dazu, dass Göker am 11. September 2009 seine Ämter niederlegte und seinen Arbeitsplatz bei der MEG AG räumte. Die Geschäfte übernahm ab diesem Zeitpunkt das Vorstandsmitglied Michael Kopeinigg.
Um die MEG AG aus der bedrohlichen finanziellen Schieflage zu bringen, führte Kopeinigg eine Vielzahl von Gesprächen mit den Versicherungen mit dem Ziel, zerstörtes Vertrauen wieder aufzubauen. Hierneben verhandelte er mit diversen Beteiligungsgesellschaften über eine mögliche Beteiligung an der MEG AG. Auf Initiative der AXA, die eine Beteiligung an der Aragon AG hält, wurden sodann Übernahmeverhandlungen geführt, die nach relativ kurzer Prüfungsphase seitens der Aragon AG mit Anteilskaufvertrag vom 25.09.2009 zu Ende gebracht wurden. Sämtliche Aktien des Herrn Göker wurden an die Aragon AG verkauft, was umso bemerkenswerter ist, als dieser zuvor seine Aktien zur Besicherung von aufgenommenen Darlehen der Insolvenzschuldnerin verpfändet hatte. Der Kaufpreis belief sich auf 1,00 Euro. Für den Fall, dass es gelingen sollte, in einem der folgenden Geschäftsjahre mindestens 5 Millionen Euro Gewinn vor Steuern zu erzielen, wurden weitere Zusatzkaufpreise versprochen, die sich im Höchstfall auf 8 Millionen Euro belaufen hätten.
Obwohl die Aragon AG 6,5 Mio. Euro in das Unternehmen einbrachte, mussten deren Vorstände nach nicht einmal 5 Wochen erkennen, dass die Zahlungsunfähigkeit der MEG  nicht zu verhindern war. In Folge dessen wurde der Darlehensvertrag am 27.10.2009 seitens der Aragon AG gegenüber der MEG AG wegen eingetretener Zahlungsunfähigkeit fristlos gekündigt. Danach blieb keine andere Möglichkeit als der nunmehr schriftlich festgeschriebenen Zahlungsunfähigkeit Rechnung zu tragen und das Insolvenzverfahren zu beantragen.

Stern hat noch einen weiteren Tipp für die Versicherer: Sie sollten schauen, mit wem sie zusammenarbeiten. Es habe ja genug Anzeichen gegeben, dass die Vertriebstruppe von Mehmet Göker vielleicht nicht der ideale Partner sein könnte. Doch die Konsequenzen zogen die Versicherer dann nicht oder zu spät – als die Millionen Euro an Vorschüssen an Mehmet Göker weg waren. 

Das Geld, das die Versicherer zahlten, sollte eigentlich für den Verkauf von privaten Krankenversicherungen sein. Doch daraus wurde nichts mehr wegen der MEG-Pleite. Die Folge: „Die privaten Schulden des Mehmet Göker belaufen sich auf insgesamt 21 Millionen Euro: Die Versicherungsgesellschaft fordern 17 Millionen, der Insolvenzverwalter vier Millionen.“ So lautet eine Einblendung im Film.

Wie schafft man es, diese Summe zurück zu zahlen? „Gar nicht“, antwortet Göker auf die Frage.

Zu seinen Schulden sagt Göker dann im Film weiter: „Wie soll man 20 Millionen Euro zurückzahlen? Es geht nicht. Soll ich es mir aus den Rippen schneiden? Und die Summe, um die es sich dreht, sind dann am Ende circa zwei Millionen. Oder anderthalb sogar nur. Aber es kommt am Ende nicht zustande, weil zwei Gläubiger von den sieben nicht mitspielen. Welche zwei das sind, spielt jetzt auch keine Rolle. Die leben nach dem Motto: Hängt ihn höher. Ich glaube, da gab es mal einen schönen Western. Hängt ihn höher. War der mit John Wayne?“

Nein, da hat sich Mehmet Göker vertan. In diesem Film spielt Clint Eastwood die Hauptrolle.

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Carsten Maschmeyer
WDR

Göker selbst ist durch den Film in der Vermittlerbranche noch populärer geworden. Er nutzt den Film auch gezielt zur Eigenwerbung. Wie viele positive Kommentare auf seiner Facebook-Seite zeigen und auch die Seminare für Verkäufer in der Türkei, hat er Erfolg damit.

In Deutschland ist Göker zuletzt seltener gesehen worden. Der Grund: Er wird nach Informationen der HNA mit einem Haftbefehl gesucht. Einer seiner engsten Gefolgsleute sitzt bereits hinter Gittern.

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