1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Vorsorge
  4. Versicherung
  5. Versicherungsvertreter: Das wahre Leben des Mehmet Göker

VersicherungsvertreterDas wahre Leben des Mehmet Göker

Der Verkäufer von privaten Krankenversicherungen hält die Branche in Atem. Staatsanwälte ermitteln, Insider plaudern, Göker streitet alles ab. Wie aus dem Menschenfänger ein Gejagter wurde - und warum er umsattelt.Thomas Schmitt und Jens Hagen 27.05.2013 - 12:11 Uhr Artikel anhören

Düsseldorf. Die folgende Szene kennen viele aus dem Film „Versicherungsvertreter“. Die preisgekrönte Dokumentation hat Mehmet Göker genauso berühmt wie berüchtigt gemacht. Diese Szene spielt nicht in Kassel, wo Göker mit seiner Vertriebsmaschine MEG mit Pauken und Trompeten scheiterte. Sie spielt in der Türkei, wo sich Göker dem Zugriff deutscher Behörden entzogen hat.

„Mehmet Göker kommt in sein Büro und schaut in die Runde. Der Gang zu seinem Reich führt vom Empfang über eine Treppe. Der Raum liegt am Ende einer Galerie. An den Wänden hängen Bilder, die Göker mit schnellen Autos oder Promis wie Günther Netzer oder Guido Westerwelle zeigen. Vor seinem Schreibtisch steht eine Couch. Darauf sitzen einige Verkäufer.

Wer keinen Platz mehr abgekriegt hat, muss dahinter stehen. Dreimal am Tag gab es Besprechungen. Die Vertriebler müssen sagen, wie viele Policen sie am Tag verkaufen werden. Sind die Ziele zu niedrig angesetzt, oder verfehlen sie ihre Planung, droht Ärger.

Doku „Versicherungsvertreter“

Mehmet Göker und das Schweigen der Versicherer

Göker mustert seine Kollegen. Dann macht er einen von ihnen zur Sau. Der Vorwurf: Er habe nicht genügend verkauft. Dabei sei der Vertrieb von privaten Krankenversicherungen doch ein Kinderspiel. Zum Beweis ruft er einen vorher ausgewählten, potenziellen Kunden an.

In deutlichen Worten und lautstark nötigt er ihn, eine Police abzuschließen. Mit Erfolg. Die Mitarbeiter haben den Sinn des im rüden Ton vorgetragenen Lehrstücks verstanden. Sie trollen sich mit beschämten Gesichtern.“

So mag es gewesen sein, im türkischen Kusadasi. Die Szene schildert zumindest ein Informant aus der Vertriebsbranche. Er gibt an, Gökers Unternehmen in  Kusadasi besucht zu haben. Dorthin hat Mehmet Göker seinen Lebensmittelpunkt verlegt, nachdem er in Kassel mit seiner Vertriebsfirma MEG gescheitert war.

Ein Verbraucherschützer über Mehmet Göker
Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der Zeitschrift „Finanztest“.Quelle: Rede zur Verleihung des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises für den Film „Versicherungsvertreter“. Der Film ist von Klaus Stern aus Kassel gedreht worden.
„In der Branche gebe es nur vereinzelt schwarze Schafe, möchten uns viele Versicherungsunternehmen gern weismachen. Lustreisen nach Budapest seien wirklich die Ausnahme. Klaus Sterns Verdienst ist es, mit diesem Film über den bankrotten Versicherungsguru Mehmet Göker und seine Kasseler Firma MEG dieses Bild der Branche zu korrigieren.“
„Stern zeigt ganze schwarze Herden, präsentiert einen besonders eindrucksvollen schwarzen Leithammel und zeigt uns die dazugehörigen Schäfer aus den Vorstandsetagen der Assekuranz. Der Preisträger portraitiert einen jungen Versicherungsverkäufer ganz aus der Nähe und zeichnet dabei ein eindrucksvolles Bild der Mechanik der Branche. Der Film über das Kasseler Vertriebsgenie macht unbefangene Zuschauer - selbst uns in der Jury - baff.“
„Göker will reich werden, vor allem aber will er anerkannt werden, wie sein Vorbild Maschmeyer. Der 30jährige handelt so, wie Versicherungsvermittler sich das Agieren eines erfolgreichen Chefs vorstellen: Termine mit Günter Netzer, die spontane Reise der Vertriebstruppe im Ferrari nach Monaco.“
„Klaus Stern filmt unaufgeregt, nicht moralisch, er ist nah dran an seinem Protagonisten, zeigt dessen Kinderstube und auch den Fluchtort nach dem Scheitern, einen türkischen Badeort. Stern hat uns in der Jury überzeugt. Stern ist so nah dran, dass sich auch die Arbeitenden der Branche wieder erkennen.“
„Meine gegelten Versicherungskaufleute folgten gebannt dem Film, vor allem als ihre Vertriebsvorstände Göker, das Genie von Kassel, als den besten Verkäufer privater Krankenversicherungspolicen feiern und Göker viel mehr Geld für die gleiche Arbeit versprechen als sie selbst an der Basis je bekamen. Es geht um etliche tausend Euro für jede vermittelte Krankenversicherung.“
„In den Monaten Mai und Juni dieses Jahres waren die wichtigsten Lobbyisten der Versicherungsbranche oft damit beschäftigt, Mehmets Gökers Geschichte in die Vergangenheit zu verbannen. Klaus Sterns in jahrelanger Kleinarbeit entstandener Film hatte mitten ins Schwarze getroffen, so etwas dürfe nicht wieder vorkommen, so die Standardansage auf den Kongressen.“
„Hätte es noch eines Beweises für die Relevanz des Films bedurft, hatte ihn zuvor der Gesetzgeber selbst geliefert. Tatsächlich musste der Bundestag im Herbst 2011 neue Regeln für die Vermittlung privater Krankenversicherungen verabschieden. Das Gesetz soll die Kunden vor exzessiven Vertriebsprovisionen, vor - darf man sowas sagen? - durchgeknallten Vertriebsvorständen und letztlich auch die Vertriebsfirmen voreinander schützen. Nach dem Gesetzgeber gerufen hatte die Branche selbst.“

Zunächst schien es 2009 so, als ob Göker mit der Insolvenz der MEG in Kassel auch selbst aus dem Verkauf von privaten Krankenversicherungen raus ist. Doch inzwischen ist klar, dass der Skandalvertreter sein Geschäft in der Türkei weitergeführt hat – wenn auch nicht im eigenen Namen, sondern unter dem Mantel einer Firma, die seiner Mutter gehört.

Wie sein System funktioniert hat, war bisher nur schemenhaft zu erkennen. Doch in den vergangenen Monaten wurden einige Dinge klarer. Es ist eine Geschichte, die zum Kriminalfall wird. Entscheidend dazu beigetragen haben Ermittlungen der Kasseler Staatsanwälte, die im März bundesweit Büros von Verkäufern und Versicherungsgesellschaften durchsucht haben und anschließend eine Anklageschrift verfassten.

Der Vorwurf: Verdacht des gewerbsmäßigen Verrats von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen und Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz.

Versicherungsmanager auf der MEG-Party in Melsungen 2007: Von links nach rechts: Frank Kettnaker , Vertriebschef der Alten Leipziger/Hallesche; Oliver Kuhlmann, Vertriebschef der Gothaer; Mehmet E. Göker, Gernot Schlösser, Axa-Vorstandschef (Mitte); Bernhard Lüneborg, Vertriebschef der Hallesche Krankenversicherung und Roland Zimmer, Chef der Axa-Krankenversicherung (rechts). Quelle: Sternfilm / Ulf Schaumlöffel

Foto: Handelsblatt

Zur Aufklärung tragen außerdem immer mehr enttäuschte Versicherungsverkäufer bei. Sie hatten sich zunächst das große Geld durch die neuen Geschäfte von Göker erhofft. Nun stellen manche ernüchtert fest, dass daraus wohl nichts mehr werden dürfte.

Schließlich trägt auch Göker durch seine Werbung und seine Dementis im Internet und in Interviews immer wieder dazu bei, einige Zusammenhänge zumindest zu erhellen. Insgesamt liefert das einen ernüchternden Blick auf Versicherungsvertriebe und deren Auftraggeber, die deutschen Versicherer. 

Was manche Manager in der  Versicherungsbranche besonders irritiert: Göker hat sich über Jahre im Vertrieb von privaten Krankenversicherungen gehalten, obwohl er doch spätestens 2009 schon in der gesamten Branche als schwarzes Schaf galt.

Mehmet Göker: So wird man Millionär
Im Internet-Netzwerk Facebook verbreitet der Versicherungsvertreter gerne seine Lebensweisheiten. Seine Fans lieben das und kommentieren seine Bemerkungen fleißig.
„Merke Dir: Noch nie ist jemand Millionär geworden, dessen Intention es war, Millionär zu werden !“
„Millionär wird man, indem man etwas tut, was einem Spaß macht - aus Leidenschaft und dann mit 100 Prozent Hingabe dieser Leidenschaft mindestens 60 Stunden die Woche nachgeht.“
„Wenn dann noch ein Schuss Kreativität, Eigenmotivation, Disziplin, Ordnung und Fleiß Deine Attribute sind, dann ist es möglich, Millionär zu werden.“
„Aber glaube mir eines: Jemand, der etwas gerne macht, hat das Ziel glücklich zu sein und nicht Millionär zu werden. Das Geld kommt von ganz alleine. Jemand, der das Ziel verfolgt, Millionär zu werden, der wird weder glücklich noch Millionär.“ . . .
. . . „Er vergeudet einzig und allein seine Lebensenergie damit, ein Leben lang dem schnöden Mammon hinterher zu laufen.“
Der wollte doch immer reich & berühmt werden, wendet ein Facebook-Nutzer ein.
„Never. Bohlen wollte singen, Gitarre spielen. Das war immer seine Leidenschaft. Sein Vater war Millionär. Und er hätte in seiner Firma anfangen können. Statt dessen hat er bei einem Hamburger Musikstudio für 4.000 Mark brutto angefangen! Und sich dann Lied für Lied hoch gearbeitet!“
„Genau das ist der Grund, wieso ich diese Sympathie für Dieter Bohlen habe!“, kommentiert ein Anhänger den Göker-Kommentar. „Wieso? Weil er es durchgezogen hat, obwohl er nicht der beste Sänger war und oft verhasst wurde, jedoch ist er immer wieder aufgestanden, egal wie oft - er unten lag! Respekt vor dieser Leistung!“
"Exakt. Ich habe ihn schon immer bewundert und geliebt. In den 80ern in der Grundschule sangen wir auf dem Schulhof Cherry Cherry Lady"

Jeder private Krankenversicherer hatte mitbekommen, wie sein Vertrieb MEG in die Pleite schlidderte. Und wem das dennoch nicht bewusst war, dem muss die Dokumentation des Filmemachers Klaus Stern die Augen geöffnet haben.

„Ganz schlimm“ sei die neueste Entwicklung rund um Göker, kommentierte der Chef des größten privaten Krankenversicherers Debeka, Uwe Laue, auf Nachfrage von Handelsblatt Online. Und der Chef des zweitgrößten privaten Krankenversicherers DKV, Clemens Muth, sagte: „Ich hoffe, dass es nicht stimmt.“

Göker ist ein Vertriebsphänomen, wie es in Deutschland wohl nur wenige gibt. Er hat bei der Ergo-Tochter DKV eine Lehre gemacht und sich dann in jungen Jahren in Kassel selbstständig gemacht. Der Verkauf von privaten Krankenversicherungen boomte – und Göker verstand es, nach der Jahrtausendwende ein richtig dickes Geschäft daraus zu machen.

Was die Staatsanwälte Mehmet Göker vorwerfen
Die Staatsanwaltschaft in Kassel ermittelt gegen den Versicherungsverkäufer Mehmet Göker und einen seiner Gefolgsleute. Es geht um den Zeitraum Zeitraum September 2009 bis Juni 2011. Was Göker zur Last gelegt, erläuterte auf Anfrage von Handelsblatt Online Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Kassel.
Bereits vor dem Ausscheiden als Vorstandsvorsitzender der MEG AG sei gemeinschaftlich der Entschluss gefasst worden, sich bei der MEG AG gespeicherte Datensätze zu beschaffen, erklärt die Staatsanwaltschaft.
Es ging dabei um Daten von Kunden bzw. potentiellen Kunden, die Interesse an einem Abschluss bzw. Wechsel einer privater Krankenversicherung gezeigt hatten, so die Ermittler. Das Ziel: Diese Datensätze sollten später an Dritte veräußert oder zur Vermittlung privater Krankenversicherungen genutzt werden.
Insgesamt sollen sich die Angeschuldigten ca. 495.000 Datensätze verschafft haben.
Später sollen die Datensätze auch tatsächlich verwendet worden sein, um private Krankenversicherungen zu vermitteln.
Die Angeschuldigten sollen unter verschiedenen Firmenbezeichnungen aus der Türkei heraus, auch unter Einschaltung eines Strohmannes, gehandelt haben.
Mittels der Datensätze sollen sie Umsätze in Höhe von ca. 1,9 Millionen Euro erzielt haben.
Weitere Umsätze in Höhe von ca. 1,1 Millionen Euro sollen die Angeschuldigten durch die Veräußerung der Datensätze an Dritte erhalten haben.

Zum Schluss fraßen ihm die Manager so aus den Händen, dass manche Millionen Euro an Vorschüssen an Göker zahlten – für Abschlüsse und Kunden, die es noch gar nicht gab. Schon während seiner Zeit in Deutschland ermittelten die Staatsanwälte, doch bisher haben sie es nicht geschafft, den cleveren Geschäftsmann hinter Gitter zu bringen. Verurteilungen und Geldstrafen gab es aber immerhin.

Nach seiner Zeit in Deutschland zog Göker in die Türkei. „Dort arbeitete er mindestens genauso weiter wie bisher“, sagt der ehemalige Verkäufer. Das wisse nicht nur die Staatsanwaltschaft in Kassel. „Die von Gökers Firma MEG geschädigten Versicherungsunternehmen nahmen auch nach der Insolvenz von MEG wissentlich Geschäft von ihm an, wenn auch nicht direkt.“

Dass weiter Kunden von Göker kamen, ist klar. Schwer zu beweisen sein dürfte dagegen der Vorwurf, dass die Versicherer diese Kunden „wissentlich“ übernahmen. Auch die Kasseler Staatsanwälte gehen diesem Verdacht nach. In der Presse wurden sogar Namen namhafter Versicherer genannt, die in irgendeiner Form in zweifelhafte Geschäfte Göker verwickelt sein könnten.

Mehmet Göker hat private Krankenversicherungen verkauft. Sein Unternehmen MEG wurde insolvent. Der Filmemacher Klaus Stern drehte einen Film über ihn: „Versicherungsvertreter“.

Bildquelle: Turbine Medien.

Foto: Handelsblatt

Wie Mehmet Göker die Vorwürfe abstreitet
Der Versicherungsverkäufer Mehmet Göker hat die Vorwürfe der Kasseler Staatsanwälte mit deutlichen Worten abgestritten. Was er gegenüber Fernsehjournalisten der Hessenschau Anfang Mai am Telefon sagte.
„Ich kann Ihnen sagen, dass ich niemals mich selbst beklaut habe, um später daran zu profitieren. Das stimmt nicht.“
"Und Sie haben auch nicht zu einem Zeitpunkt, wo Ihnen die Daten nicht mehr gehört haben, diese Daten kopiert?"
„Selbstverständlich niemals zu keinem Zeitpunkt. Die Staatsanwaltschaft wird das dann ja beweisen müssen. Und sie werden es nicht beweisen können, weil es nicht den Tatsachen entspricht.“
„Unser Mandat hat nichts gestohlen, und die Anklageschrift hat unserer Rechtsauffassung nach keine Substanz.“
Über Göker: „Fraglich ist, ob jemals gegen ihn verhandelt werden kann. In Deutschland hat er Millionen Schulden hinterlassen. In der Türkei macht er munter weiter. Wieder mit im Boot: Namhafte deutsche Versicherungen.“
Der Beitrag der Hessenschau und ein Text dazu sind im Internet abrufbar: Link zum VideoLink zum Text über Göker

Fragt man diese Unternehmen, wissen sie jedoch von nichts – oder man bekommt keine Antwort. Und das Skurrile daran ist: Die Dementis der Versicherer sind womöglich gar nicht zu beanstanden, eben weil Göker nicht mehr direkt – so wie zu Kasseler Zeiten -, sondern indirekt über Mittelsmänner seine Geschäfte machte.

Wie funktioniert Gökers neue Vertriebsmasche? Nach Schilderungen der Handelsblatt-Online-Quellen rufen in der Türkei Mitarbeiter von Call-Centern potentielle Kunden in Deutschland an und bieten ihnen einen kostenlosen Vergleich von privaten Krankenversicherungen an. Die Adressen für die Call-Center sollen nach den Schilderungen unter anderem aus dem Datenbestand von MEG stammen.

Dieses Vorgehen wäre in der Tat heikel – und ist daher auch schon Gegenstand von Ermittlungen der Staatsanwälte.

Mehmet Göker über private Krankenversicherer
In einem Interview sprach Mehmet Göker im Juli 2011 auch über die Versicherer. Die Perspektive nach der Pleite der MEG.Quelle: Interview mit Klaus Stern, Juli 2011, Türkei, im Bayern-Trikot
„Die Versicherer haben immer bekommen, was sie wollten.“
„Mir hat mal ein hochrangiger Mitarbeiter einer großen deutschen Krankenversicherung gesagt, dass viele Versicherungsvorstände und Mitarbeiter Angst haben, wenn wirklich rauskommt, wie das alles abgelaufen ist."
"Ich habe Schuld, ganz klar, aber es wurde auch vieles - fahrlässig ist vielleicht das falsche Wort, aber..."
„Wissen sie, es gab eine Situation. Da hat die MEG eine Million Euro gebraucht. Bar. Dann gab es von mir einen Anruf bei einem Versicherer, am Telefon. Ich sage Hallo Herr Soundso, ich brauche eine Million Euro bis morgen. Da war ich 29, 30. Da sagt: Ja, ja, okay, ich melde mich in einer Stunde. Ich sage: Gut. Anderthalb Stunden später rufe ich an, nein, eine Stunde später rufe ich an, weil kein Rückruf kam. Ich sage: Was ist denn mit der Million? Sagt er: Was denn? Ist doch vor 50 Minuten raus.“
„Können Sie sich jetzt vorstellen, welches Rad da gedreht wurde? Wie viele Menschen kennen Sie, die Sie mal anrufen und sagen: Ich brauche eine! (zeigt den Daumen) Dann rufen Sie eine Stunde später und sagen: Sie wollten mir doch antworten. Er sagt: Machen Sie doch ruhig, Herr Göker, das Geld ist vor 50 Minuten raus. Zwei Stunden später war es auf dem Konto. Eine!“ (zeigt den Daumen)
„Jetzt hat man vielleicht mal annähernd eine Größenordnung, was damals ablief. Auf Zuruf habe ich von Versicherern Millionen bekommen. Keine Unterschrift. Und einige haben davor natürlich Angst. Ja, ist nicht schön?“

Die Polizei durchsuchte Versicherungsbüros in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Hamburg und Thüringen. Darunter sollen nach HNA-Informationen auch Niederlassungen von Versicherungskonzernen sein. Beteiligt an der Aktion waren demzufolge 34 Beamte.

Der gewerbsmäßige Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen wird mit Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft. Die Staatsanwaltschaft wirft Mehmet Göker schon lange vor, dass er MEG-Geschäftsdaten beiseitegeschafft habe. Dabei soll ihm sein Vertrauter Vincent Ho geholfen haben, der deswegen in Untersuchungshaft sitzt.

Wenn die Staatsanwaltschaft alle ihre Vorwürfe nachweisen kann, droht Göker ein Gerichtsverfahren und möglicherweise Gefängnis. Eine Anklageschrift im Umfang von 419 Seiten haben die Staatsanwälte schon verfasst. Ob ein Verfahren eröffnet wird, entscheiden nun die Richter in Kassel.

Mehmet Göker über sein Vorbild Carsten Maschmeyer
Carsten Maschmeyer hat den Finanzvertrieb AWD gegründet und vor einigen Jahren an den Versicherer Swiss Life verkauft. Göker begegnete ihm persönlich, als er noch das Sagen im AWD hatte: „Ich hatte mit ihm drei Treffen, eines ging über acht, neun Stunden. Und die anderen zwei über vier, fünf.“Quelle: Interview mit Klaus Stern, Juli 2011, Türkei, im Bayern-Trikot
„Ich habe niemals zuvor und danach einen Menschen erlebt, der mich so beeindruckt hat. Eine unglaublich faszinierende Persönlichkeit. Jemand der weiß, was er getan hat, tut und tun will. Klar strukturiertes Denken. Kein Politiker - und ich habe viele Politiker in Bundesämtern kennen gelernt - könnte diesem Mann jemals das Wasser reichen. Und ich kann klar differenzieren: Wenn jemand was erzählt, kann er das halten? Sind das leere Worte? Ist der Typ eine leere Hose? Nein, das ist schon jemand, der einfach eine beeindruckende Persönlichkeit ist und der nicht nur sagt, was er denkt, sondern auch tut, was er sagt. Davon gibt es leider viel zu wenige.“
„Ich habe nicht viel von ihm lernen können in dieser Zeit, aber einiges übernommen: Schlagfertigkeit. Und natürlich auch, was ganz wichtig ist, dass man sein Wort hält. Aber so war ich immer. Verträge kann heute jeder auseinander nehmen. Wir unterschreiben einen Dreijahresvertrag, ich finde in Deutschland drei Anwälte, die den Vertrag komplett auseinander nehmen und morgen ist er nichtig. Aber das Wort eines Mannes, für die Ehre eines Mannes gibt es kein zweites Ja.“
„Ich sage: Wenn ich etwas verspreche und ich halte es nicht, spucken sie mir ins Gesicht. Ich weiß, es wird nie dazu kommen. Man kann viel über mich sagen, aber ich bin immer ehrlich, ich bin immer menschlich, versuche immer meinen Mitmenschen zu helfen, solange sie mich nicht hintergehen. Und ich reiche immer jedem die Hand, der sie braucht oder der sie will.“
„Zuerst gab es Differenzen, ob ich das überhaupt so wollte. Dann gab es Differenzen über die Art und Weise. Warum es am Ende gescheitert ist, da müssen Sie Herrn Maschmeyer fragen, nicht mich.“
„Am Anfang gab es eine Situation, da ist Herr Maschmeyer auf die Toilette gegangen und sagte: Hier haben Sie ein weißes Blatt Papier. Stellen Sie sich vor, ich bin der Weihnachtsmann und Sie haben einen Wunsch frei. Schreiben Sie Ihren Wunsch auf. Er kam wieder, und ich habe ihm das Blatt Papier hingelegt: Es war leer. Ich kann meine Seele nicht verkaufen. Das war so.“
„Später wollte ich, aber da kam es dann nicht mehr dazu. Da hatte Herr Maschmeyer den Vorsitz abgegeben und war - glaube ich - ja auch nur noch mit drei Prozent als Aktionär an AWD beteiligt, hatte ja sein Geld bekommen. Dann gab es nicht mehr diese Möglichkeiten.“
„Ich finde, jeder Mensch, nicht nur Herr Maschmeyer - Nelson Mandela, Mahatma Ghandi, Atatürk in der Türkei, mein Vater - alle diese Menschen haben für mich etwas Besonderes in ihrem Leben geleistet. Da gibt es nicht nur ein Vorbild. Ich finde, man muss sich an denen orientieren, die für die Gemeinschaft etwas Gutes getan haben. Da werden viele lachen und sagen: Was hat denn Maschmeyer für die Gemeinschaft Gutes getan? Man sieht ja immer nur die Fälle im Fernsehen, die negativ sind. Aber es laufen ja keine zweihunderttausend Menschen rum, die sagen: Wir haben aufgrund der Produkte vom AWD profitiert.“
„Man sieht ja nur immer die im Internet meckern und die im Fernsehen mecken, die 15 oder 150, denen es nicht gutgeht. Aber es kommt keiner ins Fernsehen und sagt: Wollte mal sagen: Ich habe als Mitarbeiter bei Herrn Maschmeyer völlig neue Perspektiven gehabt.“
„Dr. Pohl ist genauso eine fantastische und begeisternde Persönlichkeit, aber er hat einen anderen Vertriebsstil, meiner ähnelt mehr dem Carsten Maschmeyer, deswegen fühle ich mich da eher hingezogen. Wobei: Dr. Pohl habe ich noch nie persönlich kennen gelernt. Aber Respekt vor einem Menschen, der sein Lebenswerk irgendwann so gigantisch hinterlassen wird.“

Mehmet Göker selbst bestreitet die Vorwürfe. Persönlich äußerte er sich mehrmals gegenüber Journalisten, auch sein Anwalt kommentierte die Anklageschrift. „Ich habe niemals alte MEG-Daten an Dritte weitergegeben“, sagt Göker. Das sei der Staatsanwaltschaft seit Monaten bekannt.

Er mache „natürlich“ mit Daten potenzieller Versicherungskunden Geschäfte, sagt Göker. Als Angestellter in der Firma seiner Mutter. Damit habe er in den vergangenen drei Jahren zwischen 1,4 und 1,6 Millionen Euro Umsatz gemacht. Als Grundlage nutze er aber ausschließlich neue Datensätze, nicht alte der MEG.

Diese Aussagen bestätigte Gökers Anwalt Michael Nagel gegenüber Handelsblatt Online. Nagel selbst will sich im Moment nicht weiter äußern. Er bestätigte nur eine frühere Aussage: „Unser Mandat hat nichts gestohlen, und die Anklageschrift hat unserer Rechtsauffassung nach keine Substanz.“

Gökers Welt: Provisionen und Versicherer
Der Finanzvertrieb MEG und dessen Ex-Chef Mehmet Göker gelten als Paradebeispiel dafür, wie Finanzunternehmen über Provisionen Anreize für Verkäufer setzen. Im Insolvenzbericht der MEG heißt es: „Anfang des Jahres 2009 hatten vier Versicherungsgesellschaften Provisionsvorschüsse gezahlt, die im Jahr 2009 und teilweise auch noch in 2010 abgearbeitet werden sollten.“ Insgesamt waren das 19,5 Millionen Euro. „Etwa zur Jahresmitte valutierten diese Vorschüsse noch in Höhe von 11,28 Millionen Euro und waren im Übrigen tatsächlich durch entstandene Provisionsansprüche abgearbeitet. Es wurden dann weitere Vorschüsse gezahlt unter teilweiser Verrechnung der noch nicht abgearbeiteten Vorschüsse.“
Insgesamt ergaben sich aus Vorschüssen 15,7 Millionen Euro an Forderungen der Versicherer an MEG. Diese Forderungen der Versicherungsgesellschaften erhöhten sich jedoch noch erheblich, weil viele der bereits verrechneten Provisionsansprüche der MEG storniert werden mussten. Überschlägig ist jedoch davon auszugehen, dass weitere ca. 15 Millionen Euro aus Stornierungen von den Versicherungsgesellschaften geltend gemacht werden können. Ingesamt schätzt der Insolvenzverwalter die Forderungen der Versicherer aus gezahlten Vorschüssen (ohne Axa) auf 21 Millionen Euro.
Die Allianz ist der drittgrößte private Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 2 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 1,7 Millionen Euro
Die Tochter des französischen Versicherers ist der viertgrößte private KrankenversichererFür 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 10 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 7 Millionen EuroAXA ist in einer Stundungsvereinbarung vom 28.09.2009 mit allen ihren zum damaligen Zeitpunkt bestehenden Forderungen zur Vermeidung einer Überschuldung der MEG hinter alle anderen Forderungen von Gläubigern im Rang zurückgetreten ist. Ihre Forderung: 11 Millionen Euro.
Der fünftgrößte deutsche Krankenversicherer ist eine Tochter der Generali Deutschland. Die Gesellschaft arbeitet bevorzugt mit dem größten deutschen Finanzvertrieb zusammen, der DVAG.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 8 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen: 4 Millionen Euro
Consal arbeitete mit MEG. Die Gesellschaft gehört zu den Sparkassenversicherern. Die Bayerische Beamtenkrankenkasse AG und die Union Krankenkasse AG sind Teil der Versicherungskammer Bayern und bilden zusammen den siebtgrößten privaten Krankenversicherer. Sie sind unter dem Dach der Consal Beteiligungsgesellschaft AG vereint. Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss:  3,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Inter ist die Nummer 16 im Markt der privaten Krankenversicherer.Für 2009 gezahlter Provisionsvorschuss: 1,5 Millionen EuroForderung aus nicht abgearbeiteten Vorschüssen:  1,5 Millionen Euro
Der zehngrößte Krankenversicherer gehört zum Konzern Alte Leipziger und wird immer wieder genannt. Der Filmemacher Klaus Stern etwa hatte eine Liste mit 120 Gesprächspartnern, die er nach und nach abarbeitete. Nur die Versicherungskonzerne wie Axa oder Hallesche wollten sich nicht äußern. „Die waren zu keinem Interview vor der Kamera bereit“, sagte er HNA Online zufolge. Die 5. Zivilkammer des Kasseler Landgerichts urteilte im September 2011, dass das Ex-MEG-Vorstandsmitglied Patrick Drönner nichts von zuvor kassierten Provisionen zurückzahlen muss. Die Hallesche Versicherung will laut HNA Online von dem ehemaligen MEG-Vorstand insgesamt 1,5 Millionen Euro an gezahlten Bonifikationen und Provisionvorschüssen zurückhaben.
Die Vertriebsgesellschaft Aragon AG hat nach Übernahme der Aktien der MEG dieser ein Darlehen ausgereicht in Höhe von 6,5 Millionen Euro und sich zur Besicherung dieses Darlehens den Datenbestand der MEG abtreten lassen.

Details der Anklage sind noch nicht bekannt. Deshalb kann die neue Verkaufsmaschinerie von Göker bisher nur über Informationen aus der Branche selbst rekonstruiert werden.

So berichten die Handelsblatt-Online-Quellen, dass die Call-Center-Agenten zusätzliche Daten ermitteln. Ein Call-Center-Agent führt angeblich, unterstützt durch eine entsprechende Software, mehrere hundert Telefonate am Tag. Ziel sei es, eine große Anzahl von  Datensätzen zu produzieren, die dann an die Verkäufer weitergegeben werden. 

Die Software wählt dabei im Hintergrund solange Telefonnummern an, bis sich ein potentieller Kunde meldet. Nach Schilderungen des Informanten meldeten sich Call-Center-Agenten beim potenziellen Kunden im Namen einer fiktiven Firma. Der Verkäufer versucht den Kunden zu überzeugen, dass ein kostenloser Vergleichstest dafür sorgen kann, dass er in Zukunft weniger Beitrag für seine private Krankenversicherung zahlen muss oder dass sich seine Leistungen verbessern.

Versicherungsvertreter

Das Katz- und Mausspiel des Mehmet Göker

Versucht ein Kunde zurückzurufen, muss er feststellen, dass die von ihm angerufene deutsche Telefonnummer nicht existent ist. Oder er trifft auf völlig ahnungslose Adressaten. Denn die Call-Center sollen auch willkürliche Rufnummern genutzt haben, damit man sie nicht zurückverfolgen kann. Angeblich haben Gökers Mannen sogar schon Telefonnummern von Staatsanwälten genutzt.

Solch ein Call-Center kann einige hundert Datensätze am Tag produzieren, die dann von deutschsprachigen Verkäufern in der Türkei abgearbeitet werden. Die Beratung und der Verkaufsabschluss finden ausschließlich per Telefon statt. Andere türkische Call-Center arbeiten ähnlich, verkaufen die Datensätze dann aber an deutsche Vertriebe zu Preisen zwischen 25 und 40 Euro pro Adresse. 

Bei den Gesprächen der Göker-Leute mit Kunden sei es immer nur darum, irgendwie zum Abschluss zu kommen. „Die erzählten dabei die wildesten Geschichten, Gesundheitsfragen wurden bewusst manipuliert und sogar Unterschriften gefälscht“, sagt der Informant.

Gökers Welt: Politiker und Sportler
FDP-Chef Guido Westerwelle traf kurz vor der Bundestagswahl am 18. August 2009 Göker zu einem Abendessen in Kassel. Wie der  „Stern“ berichtete, erhoffte sich Westerwelle eine Parteispende von Mehmet Göker, der damals noch den Kasseler Versicherungsvertrieb MEG führte. "Die MEG hatte im Wahlkampf eine Spende für die FDP angekündigt", räumte ein FDP-Sprecher ein.
Göker war Hauptsponsor des Boxers. 2006 bis 2009 wurde Arthur Abraham zum „Boxer des Jahres“ durch das Magazin „Boxsport“ gewählt. Markant an Abraham war sein Einmarsch zum Ring: Er kam mit einer Schlumpfmütze zum Ring, dabei wurde das „Lied der Schlümpfe” in einer auf ihn getexteten Version eingespielt.
Eines Tages ist der Fußballweltmeister Günter Netzer zu Gast in der Firmenzentrale in Waldau, berichtet HNA Online in einem Bericht über den Göker-Film. Göker habe es versäumt, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Später habe er in die Vorstandsrunde hinaus gerufen: „Jetzt habe ich ein Foto vergessen, verdammte Hacke!“
In der Kasseler Stadthalle sorgte der Opern-Tenor für große Gefühle: Dort sang der britische Tenor Paul Potts vor mehreren hundert Mitarbeitern des Versicherungsanbieters MEG.
MEG sicherte sich die Namensrechte an den Göttinger Basketballern bis zum Abschluss der Saison 2010/11, berichtete das Göttinger Tageblatt im Mai 2009. Über die Höhe der jährlich fließenden Sponsoringgelder für Spitzenmannschaft der Basketball-Bundesliga wollten beide Vertragsparteien keine genauen Angaben machen, MEG-Vorstandsreferentin Sylvia Könneker sprach von einer "hohen sechsstelligen Summe für die gesamte Vertragslaufzeit". Göker: „Der Basketball unterstützt unser Unternehmen, bundesweit bekannt zu werden."
Der Kasseler Ferrari-Händler Helmut Eberlein stellt laut HNA Online fest: Der MEG-Vorstand war vorwiegend mit Ferraris unterwegs. Die von der MEG geleasten Ferraris seien aber alle noch da. Die MEG hatte einen Fuhrpark mit 125 Fahrzeugen. Der 490 PS starke Ferrari F 430 Spider F1 im Farbton „blu mirabeau“  von Göker selbst stellte Eberlein in seinem Autohaus wieder zum Verkauf.

Die Bedürfnisse des Kunden seien nicht wichtig. Aus seiner Sicht haben auch die Versicherungsunternehmen hier schlicht versagt. Oder wollten sie es gar nicht wissen? Warum sonst wird das Geschäft ohne große weitere Überprüfung angenommen?

Die Erklärung könnte schlicht sein: Weil sie die zahlreichen Vertriebskanäle am Ende nicht mehr durchschaut haben. Vertriebsvereinbarungen zwischen Göker und den deutschen Versicherungsunternehmen gab es nur zu MEG-Zeiten.

Doch auch ohne diese funktioniert das Geschäft, und zwar über alte Kontakte aus MEG-Zeiten. Schließlich sind die zahlreichen MEG-Verkäufer ja nicht auf einen Schlag aus dem Geschäft ausgeschieden, nur weil es die Firma MEG nicht mehr gab. Sie haben stattdessen das Geschäft auf eigene Faust und womöglich in kleinerem Rahmen durchgezogen.

„Diese „ehemaligen Kollegen“ gründen Vertriebe und reichen das Geschäft über neu gegründete Vertriebsfirmen ein, kassieren die Provisionen und reichen einen großen Teil der Provisionen an Göker weiter“, sagt der Informant.

Aus seiner Sicht wissen das die Versicherungsunternehmen oder die Maklerbetreuer. Sein Argument: Sonst müsste sich ein Versicherungsunternehmen doch wundern, warum ein neu gegründeter Vertrieb von Beginn an solch hohe Umsätze produziert.

Auch dieser Vorwurf ist am Ende nicht mehr als eine Vermutung. Vielleicht ahnen es die Gesellschaften auch nur. Am Ende könnte jedoch der Verkaufsdruck, der auf allen im Vertrieb lastet, über mögliche Bedenken gesiegt haben.

Schließlich galten in den fraglichen Jahren 2009 bis 2011 in der Branche ja noch keine strengeren Vertriebsregeln für Provisionen und die Haftungszeiten der Vermittler. Das wurde erst im April 2012 eingeführt – nach langen Debatten in der Branche.

Nun kann kein Vermittler mehr ganz offiziell bis zu 20 Monatsbeiträge für einen PKV-Vertrag von den Versicherern verlangen, wie es Göker anscheinend gelungen war. Künftig liegt die Obergrenze bei neun Monatsbeiträgen, also rund der Hälfte. Doch auch so bringt ein einziger Vertrag mit einem Monatsbeitrag von 300 bis 400 Euro rund 2700 bis 3600 Euro an Provision ein.

Außerdem müssen Vermittler damit rechnen, dass sie wesentlich länger zur Rechenschaft gezogen werden, wenn ein Neukunde seine Police kündigt. Hier geht es um die Stornohaftungszeit. Bisher betrug diese ein Jahr, künftig sind es fünf Jahre. Diese Regelung kann richtig ins Geld gehen, insbesondere für Strohmänner könnte dies sehr gefährlich werden, wenn PKV-Kunden kündigen oder erneut abgeworben werden.

Am Anfang gleicht dieses Geschäftsmodell für freie Vermittler und Vertriebe jedoch einer Gelddruckmaschine. Und weil die Stornohaftungszeit 2009 bis 2011 noch 12 Monate betrugt, bedeutete das: „Alle 12 Monate konnte man die Kunden wieder anrufen und das Geschäft umdecken“, so der Insider.

Kunden wurden einfach zu anderen Gesellschaften gelotst, weil dort die Beiträge angeblich niedriger seien oder die Leistungen besser seien, erläutert der Kenner der Vermittlerbranche weiter. Für diese Neuverträge kassierten die Vermittler dann wieder hohe Provisionen.

Ein großer Vorteil des neuen Systems: Für Göker ist das Geschäft stornofrei, da er persönlich nicht haftbar gemacht werden kann. Der Verkauf lief den Angaben zufolge auch weiter als die Bundesregierung die Stornohaftungszeiten auf fünf Jahre verlängerte und die Provisionen deckelte. Das Problem der Rückzahlung der Provisionen für Wechsler betrifft Göker nicht. Dafür mussten die Strohmänner in Deutschland aufkommen.

Ein großes Problem, da der Informant von „Stornoquoten bis 60 Prozent“ berichtet. Einige deutsche Vertriebe,  mussten angeblich wegen der Rückzahlungspflicht Insolvenz anmelden. Kein Problem für Göker, meint der Insider: „Wenn ein Vertrieb Pleite geht, sucht sich Göker eben einen anderen“.

Solch ein Geschäftsmodell ist natürlich nicht ewig durchzuhalten, weil sich das Prinzip irgendwann herumspricht. Der Nachwuchs könnte ausbleiben, außerdem dürfte auch die Publizität im Zusammenhang mit den Durchsuchungen und der Anklageschrift manchen Vertriebler verschreckt haben. Göker braucht also über kurz oder lang eine neue Geldquelle.

Genau das passiert gerade, wie auf Facebook zu verfolgen ist. Das Geschäft mit privaten Krankenversicherungen ist dem Vertriebsprofi offenbar zu heiß geworden. Er hat eine neue Geldquelle entdeckt, in die er seine Verkäufer jagen kann: Das Geschäft mit Videos, die man in Netzwerke wie Youtube hochlädt, per Email versendet oder über den Computer live zu Gesprächen verwendet.

Es geht dabei um ein Unternehmen, das Talkfusion heißt und eine Art Betriebssystem für den Vertrieb solcher Videoprodukte bereitstellt. Mit einem Klick könne das persönliche Video etwa auf über 200 Social-Network-Plattformen wie Facebook & Co präsentiert werden, heißt es auf einer Internetseite, die das System beschreibt. Gegenüber einem deutschen Nachrichtenmagazin bestätigte Göker seinen Sinneswandel sogar offiziell.

Bevor man in dem Vertriebsmodell von Talkfusion Geld verdienen kann, muss man jedoch zunächst Geld reinstecken, wie ein Tester berichtet: einmalig mindestens 250 US-Dollar und zusätzlich 35 Dollar im Monat. Im ersten Jahr wären das insgesamt also mindestens 670 Dollar. Danach müsse man 10 bis 25 Neukunden werben, damit man in die Gewinnzone kommt.

Richtig profitieren Verkäufer aber erst, wenn die geworbenen Kunden auch wieder neue Kunden finden. So entsteht eine Pyramide, wie sie auch in ähnlicher Form für Strukturvertriebe der Finanzbranche typisch ist. Kommentar des Testers: „Bei diesem System gibt es zwei Gewinner: das Unternehmen, welches seine Produkte verkauft und die Talkfusion-Partner, die ganz oben in diesen Verkaufslinien stehen.“

Verwandte Themen
Mehmet Göker
Deutschland
Türkei
Facebook
Axa

Göker selbst kommentiert seine ersten Schritte im neuen Vertriebsmodell in gewohnter Manier auf Facebook: „Ich werde diesen Konzern an die Spitze der Internetfirmen in Europa bringen. Jeder, der mit mir arbeitet, muss Geld verdienen. Es geht gar nicht anders. Ihr werdet verzwangsmillionärt von mir.“

Vertriebler glauben dagegen, dass es sich dabei um ein Schneeballsystem handelt. Das heißt, wer zuerst drin ist, verdient vielleicht noch Geld durch den Verkauf an andere. Wer zuletzt kommt, schaut am Ende womöglich – sprichwörtlich – in die Röhre.

 

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt