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„Prime Air“ mit Mini-DrohnenAchtung, da kommt ein Amazon-Paket geflogen!

Der Internet-Händler Amazon testet die Auslieferung seiner Pakete durch unbemannte Fluggeräte – schon bald könnten die Mini-Drohnen abheben. Doch Kritiker beschreiben den Dienst als die Marketing-„Luftnummer“ des Jahres.Carina Kontio 03.12.2013 - 06:18 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Düsseldorf. Geht es nach dem Willen von Jeff Bezos, dann bringt der Weihnachtsmann demnächst wohl keine Geschenke mehr. Denn der Internet-Gigant Amazon will in naher Zukunft bestellte Ware mit kleinen Drohnen ausliefern und so die Kosten für Paketzustelldienste reduzieren. Große Logistiker wie die Deutsche Post-Tochter DHL, UPS oder den Paketdienst Hermes könnte das empfindlich treffen. Auf Anfrage von Handelsblatt-Online teilt eine DHL-Sprecherin mit, dass man sich im Moment nicht dazu äußern werde (Ergänzung dazu siehe*). Der DHL-Rivale UPS teilte vor wenigen Wochen mit, man habe das Thema Mini-Drohnen tatsächlich „auf dem Radar“.

Der Plan im Hause Amazon ist wohl schon so weit fortgeschritten, dass das Unternehmen die Auslieferung durch unbemannte Fluggeräte bereits testet. Das enthüllte der Amazon-Chef Jeff Bezos am Sonntagabend in einem Interview des Fernsehsenders CBS. „Ich weiß, das sieht nach Science-Fiction aus“, sagte er. „Das ist es aber nicht.“

Die achtmotorigen Amazon-Drohnen könnten Pakete mit einem Gewicht von bis zu 2,3 Kilogramm befördern - und zwar innerhalb von 30 Minuten. Einen Großteil der Pakete könnte der Konzern damit künftig selbst ausliefern - denn nur rund 14 Prozent aller Amazon-Bestellungen seien schwerer, sagte Bezos. Außerdem sei es umweltfreundlicher, die Waren anstelle von Lastwagen mit Helikopter-Drohnen ausliefern zu lassen.

Die kleinen Fluggeräte würden in den Logistikzentren abheben und die bestellte Ware direkt beim Amazon-Kunden vor der Tür ablegen. Allerdings müssten sie zunächst noch eine Genehmigung erhalten, schränkte der Amazon-Gründer ein. Mit einem Einsatz der Drohnen sei daher erst in vier oder fünf Jahren zu rechnen. Einen Namen für den Service hat er aber schon: „Prime Air“, angelehnt an Amazons Express-Lieferoption „Prime“.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?
Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.
Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.
Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.
Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.
In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Das Team der Interview-Sendung „60 Minutes“ mit dem bekannten TV-Journalisten Charlie Rose konnte Prototypen der Drohnen bei Amazon filmen. Der Konzern demonstriert den Plan in einem Video, in dem eines der Fluggeräte eine Bestellung direkt vom Band eines Logistikzentrums abholt und damit vor einem Haus landet.

Amazon-Chef Bezos sagte, eine der Motivationen zur Einführung des Systems sei es, die führende Position des Konzerns im Einzelhandel abzusichern. „Unternehmen haben kurze Lebensspannen. Amazon wird eines Tages auseinanderbrechen“, sagte Bezos. „Ich wünsche mir, dass dies nach meinem Tod geschieht.“

Der Mobile-Geeks-Chef Sascha Pallenberg beschreibt Amazon „Prime Air“ indes als die Marketing-”Luftnummer” des Jahres, irgendwo angesiedelt zwischen Aprilscherz und genialem Schachzug. In seinem Blogeintrag schildert er einige „profane“ Herausforderungen, die den Lieferdienst im Grunde sinnlos machen würden. So kritisiert Pallenberg die geringe Reichweite von knapp 16 Kilometern. Das bedeute nicht mehr und nicht weniger, „als das der Kunde maximal acht Kilometer vom Lager entfernt wohnen darf, was gerade in Ballungszentren dieses Konzept zu einem Ding der Unmöglichkeit macht. Oder wird Amazon demnächst an jeder größeren Kreuzung ein entsprechendes Warenhaus installieren?“.

Er schildert auch die Herausforderungen in Bezug auf Flugaufsichtsbehörden und M2M-Kommunikation – „Wenn 2000 Drohnen über San Francisco Pakete ausliefern, dann sollten diese sich auch ein wenig untereinander abstimmen können“. Und nicht zuletzt müsse man damit rechnen, dass „diese Flugmaschinen im Dutzend mit irgendwelchen Luftgewehren vom Himmel geholt oder in alter Vogelfängermanier mit Netzen eingefangen werden.“

Die besten Zitate von Amazon-Gründer Jeff Bezos
Jeff Bezos ist eine der spektakulärsten Manager-Persönlichkeiten der Welt. Die Lebensgeschichte des Amazon-Gründers bietet eine unglaubliche Vielfalt und zahlreiche interessante Erzählungen. Der Top-Journalist und Bestsellerautor Richard L. Brand hat die Biografie in seinem Buch „Mr. Amazon“ (Ambition Verlag) aufgeschrieben. Die besten Zitate von Bezos finden sich auch darin und folgen nun.
„Wenn man eines beim Landleben lernt, dann ist es, sich auf sich selbst zu verlassen. Die Leute dort machen alles selbst. Und diese Eigenständigkeit kann man lernen.“
„Ich bin nicht der Typ, bei dem Frauen eine halbe Stunde nach dem Kennenlernen sagen: 'Wow, der ist klasse.' Ich bin eher albern und nicht ... also jedenfalls nicht so, dass irgendeine Frau über mich sagen würde: 'Oh mein Gott, genau so einen habe ich gesucht.'"
„Heute heben sich die Pommes selbst aus der Friteuse – und das, glauben Sie mir, ist ein echter technischer Fortschritt.“(Bezos jobbte mit 13 Jahren in den Sommerferien für die Fast-Food-Kette und machte umgehend Vorschläge zur Optimierung der Abläufe)
„Die einzigen Male, die er überhaupt Thema wird, sind die, wenn ich beim Arzt nach meiner Krankengeschichte gefragt werde. Dann kreuze ich eben 'unbekannt' an.“
„Wenn etwas kaputt ist, machen wir es heil. Um etwas Neues durchzusetzen, muss man stur und zielstrebig sein, auch wenn es andere vielleicht unvernünftig finden.“
„Der einzige Grund, aus dem ich mich für das All interessierte, besteht darin, dass mich die NASA inspirierte, als ich fünf Jahre alt war.“
„Zu den wichtigsten Dingen, die mich Princeton lehrte, zählt die Einsicht, dass ich nicht klug genug bin, ein Physiker zu sein.“(Auf der Universität änderte Bezos seine Fachrichtung und machte den Abschluss in Elektrotechnik und Informatik)

Die Idee, Waren mit kleinen Fluggeräten zum Kunden zu bringen, ist indes nicht neu. So machte auch ein deutsches Projekt vor einem Jahr mit der Ankündigung Schlagzeilen, Döner zum Fliegen bringen zu wollen. Das Freiburger Projekt Dönercopter arbeitet daran, einen deutschlandweiten Flug-Lieferdienst für Döner Kebab zu initiieren. Darüber berichtete das Fachmagazin t3n.

Wird der Plan nach einer Testphase tatsächlich umgesetzt, muss der hungrige Döner-Fan nur noch eine Handy-App herunterladen, sich per GPS lokalisieren, eine Dönerbude in der Umgebung aussuchen und bestellen. Den Rest erledigt der Dönerlieferdienst via Quadrocopter.

Soweit zumindest der Plan, denn neben der technischen Umsetzung gibt es auch in Deutschland rechtliche Hürden für die fliegenden Boten. Für die unbemannten Drohnen brauchen findige Geschäftsleute eine Flugerlaubnis. Und dafür sind wohl einige Anträge nötig.

Vor kurzem ging auch beim Pizza-Lieferservice Domino's ein kleiner Helikopter in die Luft. Die Schnellrestaurantkette, die knapp 10.000 Filialen in 66 Ländern hat, zeigt in einem Video, dass die Pizza auch per Drohne ihr Ziel erreichen kann. Und auch die Londoner Sushi-Kette Yo Sushi könnte ihre Fahrer demnächst durch ein Fluggerät ersetzen. Gut für die Kellner: sie werden noch gebraucht, denn die Mini-Drohne „itray“ wird per Fernsteuerung navigiert. Die Frage, wie das Essen von dem wackligen Flugobjekt auf den Tisch kommen soll, hat indes noch kein Anbieter beantworten können.

Einen fliegenden Paketdienst plante vor einem Jahr schon auch das US-Start-up Matternet. So sollen mit einem ganzen Netz von Mini-Drohnen Medikamente in ärmere Regionen mit schwacher Infrastruktur geflogen werden. Bis zu zwei Kilogramm Last können transportiert werden, wie heise.de damals berichtete. Der Dienst soll schon im Jahr 2015 einsatzbereit sein.

Keine Utopie also, findet auch die Direktorin des Humans and Automation Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT). „In 15 Jahren werden wir, sobald wir aufblicken, Drohnen sehen, die Fenster putzen oder Gebäude inspizieren“, sagte Missy Cummings vor einem Jahr.

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*Ergänzung

Am Nachmittag liefert DHL uns noch folgende Aussage nach: „Dass über den Einsatz von Drohnen in der Paketzustellung nachgedacht wird, ist nicht neu. Auch die Deutsche Post DHL hat hierzu ein eigenes Forschungsprojekt, in dem DHL Paket gemeinsam mit DHL Solutions & Innovation den Einsatz eines so genannten Paketkopters testet. Im Rahmen dieses Innovationsprojekts denken wir perspektivisch zum Beispiel über besonders eilige Lieferungen z.B. in der Medikamentenversorgung oder eine Zustellung per Paketkopter an geografisch schwer zugängliche Adressen nach. Konkrete Pläne, den Paketkopter im Regelbetrieb unserer Paketzustellung einzusetzen, gibt es derzeit jedoch nicht.“

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