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Art Market Report Statistik auf schwankendem Boden

Deutschland hat einen größeren Anteil am weltweiten Kunstmarkt als einschlägige Reports glauben machen wollen. Ursache ist das ungenaue Zahlenwerk.
19.05.2021 - 18:36 Uhr Kommentieren
Der Umsatz des deutschen Kunsthandels lag nach offiziellen Zahlen der Finanzbehörden 2015 bei knapp 4 Milliarden Euro. Quelle: Positions Berlin
„Positions" Messe 2020 in Berlin

Der Umsatz des deutschen Kunsthandels lag nach offiziellen Zahlen der Finanzbehörden 2015 bei knapp 4 Milliarden Euro.

(Foto: Positions Berlin)

Wiesbaden Clare McAndrew erstellt jährlich einen „Art Market Report“, früher für die Messe Tefaf, seit einigen Jahren für Art Basel und UBS. Er hat sich für den Kunstmarkt und benachbarte Bereiche der Finanzbranche als Standard etabliert, weist jedoch erhebliche Unschärfen auf.

Die Grenzen eines Reports wie ihrem zeigt der von der Irin vorgenommene Blick über den Tellerrand ebenfalls auf. Denn während Deutschland fünf Prozent der Dollar-Millionäre weltweit stellt und vier Prozent der Personen mit einem Vermögen über 50 Millionen Dollar, soll der Anteil Deutschlands am weltweiten Kunstmarkt lediglich zwei Prozent betragen. Demnach müssten Deutschlands Reiche entweder ausgesprochene Kulturmuffel sein oder Kunst nur im Ausland kaufen.

Dass gleichzeitig deutsche Galerien überproportional auf internationalen Kunstmessen vertreten sind, wird übrigens von der Autorin nie thematisiert. Für die beschriebene Diskrepanz bietet sich nur eine Erklärung an: An irgendeiner Stelle stimmen die erhobenen Zahlen nicht.

Zu einem erheblichen Erkenntnisgewinn könnten offizielle Zahlen beitragen. Die gibt es jedoch nur in den seltensten Fällen. Eine Ausnahme bildet der „Spartenbericht Bildende Kunst 2021“ des Statistischen Bundesamts. Dessen Zahlen stammen allerdings nicht nur aus unterschiedlichen Quellen. Sie beziehen sich zudem auf unterschiedliche Erhebungszeiträume.

Einzelne Teilbereiche des Spartenberichts sind gleichwohl aufschlussreich. Denn für den Kunsthandel liegen recht präzise Daten vor, auch wenn diese aus dem Jahr 2015 stammen: „In den beiden relevanten Wirtschaftszweigen ‚Einzelhandel mit Kunstgegenständen, Bildern, Briefmarken und Münzen und Geschenken‘ sowie ‚Einzelhandel mit Antiquitäten und antiken Teppichen‘ gab es 2015 rund 17.100 Steuerpflichtige, davon 80 Prozent in erstgenanntem Wirtschaftszweig.

Diese Steuerpflichtigen generierten Umsätze in Höhe von 4,2 Milliarden Euro, wobei 92 Prozent durch den Einzelhandel mit Kunstgegenständen, Bildern usw. erwirtschaftet wurden.“ Damit lag der Umsatz des deutschen Kunsthandels nach offiziellen Zahlen der Finanzbehörden 2015 bei knapp 4 Milliarden Euro.

Das Zahlengeflecht der Kunstmarkt Reports sind nur als Annäherungswerte zu verstehen. Quelle: Positions Berlin
Blick über die Messehalle der Positions in Berlin 2020

Das Zahlengeflecht der Kunstmarkt Reports sind nur als Annäherungswerte zu verstehen.

(Foto: Positions Berlin)

Bei McAndrew, die den weltweiten Kunstmarkt in jenem Jahr 2015 auf ein Volumen von knapp 64 Milliarden US-Dollar, umgerechnet etwa 59 Milliarden Euro bezifferte, hätte das für einen Anteil am Weltmarkt von knapp sieben Prozent gereicht. Laut ihren jährlichen Berichten dümpelt der Anteil Deutschlands jedoch beständig zwischen zwei und drei Prozent. Absolute Zahlen nennt sie gar nicht erst, wohl weil der Teilmarkt im internationalen Vergleich zu klein ist.

McAndrews Begründung für die unterschiedlichen Bewertungen überzeugt nicht: „Ein kurzer Blick in die Statistik zeigt, dass darin viele Dinge enthalten sind, die in meinem Bericht nicht vorkommen, wie z.B. ‚Geschenke‘, die Herstellung von Schmuck, Kunsthandwerk, Museumsshops usw. Weiterhin ist unklar, ob es eine Doppelzählung mit dem Output der bildenden Künstler selbst gibt, da sie die aggregierten Einnahmen der Steuerpflichtigen und nicht den Umsatz messen.“ Tatsächlich aber sind die von ihr monierten Bereiche im genannten Umsatz weitgehend nicht enthalten.

An anderer Stelle zeigt sie sich jedoch großzügiger. Vor zehn Jahren musste McAndrew zurückrudern, als sich herausstellte, dass von den Auktionszuschlägen in China sage und schreibe die Hälfte nach einem Jahr immer noch nicht bezahlt war.

Einfluss auf ihr Zahlenwerk hatte das nach eigener Aussage in der Folge jedoch nicht: „Wenn ich die chinesischen Verkäufe ‚bereinigen‘ würde, müsste ich das für Auktionsverkäufe auf der ganzen Welt tun, und leider werden in den meisten anderen Ländern, anders als in China, Zahlungsverzögerungen und Fakturierungsausfälle nicht verfolgt oder gemeldet.“ Allerdings sind diese Ausfälle in anderen Ländern nicht so exorbitant hoch wie in China.

Für Deutschland verweist sie auf die „IFSE-Studie“, die Hergen Wöbken für den Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler BVDG erstellt hat. Diese beruht vor allem auf der Befragung von Marktteilnehmern, verfolgt also einen ähnlichen Ansatz wie McAndrew. Für den weltweiten Markt beruft er sich auch auf sie.

Den „Spartenbericht des Statistischen Bundesamts“ sieht Wöbken kritisch: „Für solch eine Aussage bräuchten wir weltweit vergleichbare Datengrundlagen. Die sind nicht gegeben. Ich würde internationale Zahlen von Clare McAndrew nicht mit Zahlen vom Bundesamt für Statistik vergleichen. Bei einem Erkenntnisinteresse sollte man nur Zahlen von Clare McAndrew mit Zahlen von Clare McAndrew vergleichen.“

Das Argument hätte etwas für sich, wenn die Zahlen McAndrews in sich konsistent wären, was sie aber möglicherweise nicht sind – siehe China. Zudem mag es kaum einleuchten, einigermaßen korrekte Daten nicht zu verwenden, weil alle anderen, mit denen man arbeitet, ungefähr gleich ungenau sind.

Die kunstaffine Finanzbranche wird das kaum stören. Für die Entwicklung und den Vertrieb ihrer Produkte braucht sie Statistiken. Die bekommt sie zuverlässig und in Formaten aufbereitet, die sie kennt und schätzt. Und wer sich mit Businessplänen von Start Ups beschäftigt hat, dürfte auch mit Kunstmarkt-Reports umgehen können; und deren Zahlengeflecht nur mehr als Annäherungswerte verstehen.

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