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AusstellungKI und Kunst: Ästhetischen Täuschungen auf der Spur

Technologie prägt die Arbeit heutiger Künstlerinnen und Künstler. Sie erfasst analoge wie digitale Werke. Das veranschaulicht eine gelungene Schau in Berlin.Christian Herchenröder 29.02.2024 - 10:40 Uhr
Emilie Brout und Maxime Marion „IDLE“: Das Musikvideo verdeutlicht, wie leistungsstarke KI-Modelle die Bedeutung der Wirklichkeit verzerren. Foto: KW Institute for Contemporary Art

Berlin. Das Video ist frappant. Die Riesenprojektion im Untergeschoss der Berliner Kunsthalle „KW Institute of Contemporary Art“ (KW) zeigt den römischen Künstler Nico Vascellari, der durch eine Spritze narkotisiert an einem langen Hängeseil vom Hubschrauber über der Landschaft schwebt. Die fragile, gefährdete Position des Menschen in der Natur ist das Thema dieser schockierenden Arbeit. Sie bebildert aber auch unseren Kontrollverlust bei Künstlicher Intelligenz.

Nico Vascellaris Video ist eines von rund 40 Kunstwerken in einer der wichtigsten Ausstellungen der Saison: „Poetics of Encryption“. In der Poetik der Verschlüsselung wird vor Augen geführt, in welchem Ausmaß die Technologie die Arbeit zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler prägt, wie die digitale Sphäre auch das analoge Werk erfasst.

Der Dualismus von analoger und digitaler Technik manifestiert sich in 3D-gedruckten Keramiken der Brasilianerin enorê, die vom Körperscan ausgehend ein Gefäß mit zwei Gesichtern schuf. Ein weiteres Werk der in London lebenden Künstlerin hat die Anmutung eines von einer unsteten Person in Gang gesetzten Videospiels, in dem die digitale Technik auf existenzielle Erfahrungen wie Tod und Vergangenheit zurückführt. Es gipfelt in der Aussage, dass Tod die einzige Lösung ist.

Das sind Exponate im Erdgeschoss einer so packenden wie verstörenden Ausstellung. Gegliedert ist sie in drei Sektionen: „Black Sites“, „Black Boxes“, „Black Holes“. Die Schau versteht sich als imaginäre Landschaft, die geprägt ist von geheimen Orten, intransparenten Systemen und schwarzen Löchern. Ausgangspunkt und Titel ist die Studie „Poetics of Encryption. Art and the Technoscene“ von Nadim Samman. Der in London promovierte Kunsthistoriker hat derzeit bei den KW die Position „Kurator Digitaler Raum“ inne.

Oliver Laric „Ram with Human“: Dem 3D-Drucker entstammt die Widder-Skulptur mit dem darunter festgekrallten Mann. Dem antiken Epos nach floh Odysseus so aus der Höhle des einäugigen Polyphem. Foto: Frank Sperling / Galerie Brugger

In Black Sites geht es um das „Locked-in“, um das Beerdigtwerden in einem technologischen Grab. Hier sind drei Videokojen aufgestellt, in denen der Kanadier Jon Rafman Bilder aus dem Internet, darunter eine Einblendung aus Google Earth oder das Bild einer Frau am Meer, schrittweise verfremdet und löscht.

Schwarz, raumgreifend, aber interaktiv ist ein schwarzer Monolith mit dem Titel „anti“ von Carsten Nicolai. Der bezieht sich auf das geometrisch exaktere Polyeder in Albrecht Dürers Kupferstich „Melencholia“. Nicolais Monolith aber reagiert mit akustischen Signalen auf die Bewegungen des Betrachters. Wie technisches Material sich zu künstlichen Meteoriten formen lässt, zeigen die aus Elektroschrott geschmolzenen Skulpturen von Julian Charrière. Sie beschwören das versteinerte Nachleben einer von Menschen gemachten Technologie.

Das Kapitel Black Hole rückt, laut Samman, „soziale, ökonomische und politische Schimären in den Fokus: ekstatische Verschwörungen und Post-Truths, die einen Punkt markieren, an dem es kein Zurück mehr gibt auf dem Weg zu jenem schwarzen Loch der totalen Datafizierung“.

Im ersten Stock gewinnt die schwefelgelbe Kabeltrasse des italienischen Duos Eva & Franco Mattes starke Präsenz. Sie transportiert Strom und enthält Daten, die unsichtbarer Teil einer Vernetzung sind. Auch 3D-Drucke sind hier wieder präsent: biomorphe Figurationen von Oliver Laric wie die aus Aluminium geformte Doppelfigur aus Widder und Mensch mit durchsiebtem Unterkörper. Der in Berlin lebende Künstler wurde bekannt durch die Dekomposition berühmter Plastiken der Kunstgeschichte. Hier ist sein Ausgangspunkt eine antike Odysseus-Skulptur.

Vor der Videoarbeit von Andrea Khôra stehen drei Arztsessel. Die amerikanische Künstlerin untersucht, wie psychedelische Erfahrungen im Silicon Valley das Bewusstsein verändern und manipulieren können. Foto: Frank Sperling

Dass computerbasiertes Sehen oft nicht mehr zwischen authentischer und synthetischer Wahrnehmung differenziert, ist eine alte Erfahrung. Der Kolumbianer Juan Covelli, Gründer der Online-Kunstplattform Nmenos1, schließt mittels Generative Adversarial Network (GAN) scheinbar wichtige Lücken im archäologischen Erbe Kolumbiens. Covelli konfrontiert in seiner Videoarbeit „Speculative Treasures“ in rascher Bildfolge geplünderte Goldskulpturen aus Kolumbien mit digitalen Nachschöpfungen. Dabei verwischt der rasante Bildwechsel die Wahrnehmung.

Im zweiten Stockwerk hängt der strahlende, von Logos umkreiste Totenkopf „Because Physical Wounds Heal“ des Künstlers Trevor Paglen. Mit diesem Emblem lässt der Amerikaner Abzeichen militärischer Übungen bedrohlich erscheinen. Eine umlaufende Schrift besagt, dass psychologische Operationen physische Wunden heilen.

Das Video „The Post-Truth Museum“ dauert 14 Minuten. Darin legt die deutsch-irakische Medienkünstlerin Nora Al-Badri drei lang gedienten Museumsleitern mittels einer KI „die Wahrheit über die imperialen Plünderungen“ der Museumsgeschichte und deren Wiedergutmachung in den Mund: eine fiktive Heilung, die so sarkastisch wie aufrüttelnd wirkt und die aktuelle Debatte um Rückgabe befeuert.

Eine Videoarbeit der Amerikanerin Andrea Khôra, vor der drei Arztsessel stehen, untersucht, wie psychedelische Erfahrungen im Silicon Valley das Bewusstsein verändern und manipulieren können. Sie gibt Einblick in das Konsumverhalten, in Gesundheitssysteme und militärisch-industrielle Einrichtungen.

Künstliche Intelligenz

Kunst im Zeitalter der fünften industriellen Revolution

In Endlosschleife läuft Matthias Planitzers Video „A boring Dystopia“, in dem ein verzweifelter Mann durch eine New Yorker Straße läuft, in der sich Passanten wie Zombies bewegen und ein Polizeiauto karamboliert. Seine desillusionierende Erkenntnis: Alles ist vergeblich, jede Aktion stützt das entpersönlichende System.

Das sind inhaltlich und formal die Schlüsselwerke der Ausstellung. Im höchsten Stockwerk beim Thema Black Box tropft sie aus. Aber als Ganzes gibt sie tiefe Einblicke in die Zwiegestalt von Kunst und Technologie, von Algorithmen und ästhetischen Täuschungen.

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Künstliche Intelligenz

In der digitalen Welt zu bestehen heißt ein bezwingendes ästhetisches Konzept vorzuweisen, das den Betrachter nicht erst nach langer Beschäftigung mit dem Sujet überzeugt. Den meisten der hier beteiligten Künstlerinnen und Künstlern gelingt das. Die Ausstellungsmacher fördern die Rezeption neben ausführlichen, im Internet abrufbaren Texten durch kurze informative Beschriftung. So kann sich jeder ein Bild davon machen, wie Erhellendes und Okkultes, Nutzung und Systemkritik die Künstlerinnen und Künstler der digitalen Ära bewegen.

„Poetics of Encryption“, KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin, bis 26. Mai 2024. Das Buch zur Ausstellung von Nadim Samman kostet 23 Euro. Sponsor ist Volkswagen. www.kw-berlin.de

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