Gefragte Caravaggio-Nachfolger: Sinnliches trifft Spirituelles

Das Bild „Ein Junge bläst in einen Holzscheit“ von Gerard van Honthorst.
Berlin. Der Caravaggismus ist in aller Munde. Als internationale Kunstströmung des Barock hat er den Kunstmarkt mit aller Gewalt erobert. Meister ersten Grades und Mitläufer, deren Werk von starken Lichtwirkungen und malerischer Perfektion des Vorbilds Michelangelo da Caravaggio (1573-1610) zehrt, erscheinen hoch dotiert in Auktionen und auf Messen. Die Marktposition wird gesteigert durch eine Vielzahl von Ausstellungen in Florenz, Madrid, London und Wiesbaden.
Der Namensgeber selber, Michelangelo Merisi, genannt nach seinem Herkunftsort Caravaggio, steht immer wieder im Fokus der Experten, die neu entdeckte Gemälde zu beurteilen haben. Das jüngste dieser vielfach umstrittenen Werke ist eine „Enthauptung des Holofernes“, die 2014 in einem Dachboden in Toulouse entdeckt wurde und von dem involvierten Pariser Händler Eric Turquin mit stolzen 120 Millionen Euro beziffert wird.
Ein Markt für Caravaggio selbst ist praktisch nicht existent, weil es keine verfügbaren authentischen Exemplare gibt. Das Dutzend umstrittener „Caravaggios“, die in den letzten 25 Jahren als Neuzuschreibungen auf der Bildfläche erschienen, konnte bis heute nicht die Autorschaft des Künstlers erhärten. Ein Paradebeispiel ist die „Opferung Isaaks“, die die amerikanische Sammlerin Barbara Piasecka-Johnson 1989 als neu entdeckten Caravaggio erworben hatte. Im Juli 2014 wurde die Feinmalerei bei Christie’s aber als Werk des römischen Zeitgenossen Bartolomeo Cavarozzi für „nur“ 2,4 Millionen Pfund versteigert. Gerade wurde auf der Tefaf-Messe ein am Mailänder Früchtekorb von Caravaggio orientiertes Früchtestillleben Cavarozzis bei Colnaghi für annähernd fünf Millionen Euro verkauft.
Einfache Menschen stehen Modell
„Er macht keinen einzigen Pinselstrich, ohne der Natur nahe zu sein, sie zu kopieren und zu malen.“ Dieser Satz aus dem 1604 erschienenen „Malerbuch“ von Karel van Mander ist eines der frühesten Urteile zur Malerei Caravaggios. Zu dieser Zeit hatte der in Rom lebende Maler schon frühe Hauptwerke wie den „Bacchus“ oder die „Wahrsagerin“ geschaffen. Mit seinen von seitlichem Lichteinfall geprägten Kompositionen, die das Sinnliche mit dem Spirituellen verbinden, hat er nicht nur seine Landsleute, sondern auch zeitweise in Rom tätige Künstler aus den Niederlanden, Flandern, Spanien und Frankreich beeinflusst. Entscheidend für seine Nachwirkung ist, dass er für seine Bilder nicht Idealfiguren, sondern Menschen der Straße in ungeschminktem Naturalismus wählte.
Der Aufstieg seiner Adepten in höhere Preisregionen ist ein Phänomen der letzten zehn Jahre. Zwar hat es für Ausnahmewerke wie die „Auffindung des Moses“ des seltenen römischen Zeitgenossen Orazio Gentileschi schon früher Höchstpreise gegeben. Das Großformat wurde 1995 für fünf Millionen Pfund von dem britischen Unternehmer Sir Graham Kirkham ersteigert. Ganz in den Olymp der teuersten Altmeister stieg Gentileschi im Januar 2016 bei Sotheby’s auf, als die vom Goldregen befruchtete „Danae“ (1621) für 30 Millionen Dollar für das Getty Museum ersteigert wurde. Aber das Gros der noch in den 1990er-Jahren eher zögerlich auf den Markt geworfenen einschlägigen Werke wurde meist für fünfstellige oder niedrige sechsstellige Summen angeboten.

Das Ölgemälde „Danaë“ des italienischen Malers Orazio Gentileschi, das vom Getty Museum in Los Angeles bei Sotheby's für 30,5 Millionen Dollar (etwa 28 Millionen Euro) ersteigert wurde.
Selbst die heute hoch gehandelte Gentileschi-Tochter Artemisia wurde lange als Künstlerin zweiter Garnitur gesehen. Heute ist sie eine Marktgröße: Drei ihrer Gemälde, die allein 2014 auf den Markt kamen, wurden zwischen 700.000 und 870.000 Euro bewertet. Spekulativ war der Preis von William Fine Art, der 2016 auf der Tefaf-Messe 1,5 Millionen Euro für „Bathseba im Bad“ verlangte, ein Bild, das im Dezember 2014 bei Sotheby’s 602.500 Pfund eingespielt hatte.
Noch spekulativer war die Schätzung von drei bis fünf Millionen Dollar für das „Selbstbildnis mit Laute“ im Januar 2014 bei Christie’s. Sie hatte einen Rückgang zur Folge. Das Bildnis war 1998 bei Sotheby’s noch für 420.000 Pfund in eine amerikanische Privatsammlung gewandert.
Im vollen Rampenlicht stehen die niederländischen Caravaggisten, die aus Utrecht an den Tiber kamen und unter dem Einfluss des Lichtmagiers ihre besten Werke schufen. Der rustikalere Dirck van Baburen ist weniger gefragt als seine Mitstreiter Hendrik Terbrugghen und Gerard van Honthorst, der in seinem Spätwerk zu einem trockenen Porträtmaler wurde. Die Preise für die Bilder seiner besten Zeit (1620er-Jahre) sind in den letzten zehn Jahren explodiert.
Gerard van Honthorst in der Preisspirale
Honthorsts „Lachender Violinist“ aus der Sammlung Koelliker erlöste 2009 722.500 Dollar. 2013 verkaufte sich das „Singende Paar bei Kerzenschein“ bei Christie’s für 3,4 Millionen Dollar. Im Januar 2015 ersteigerte der Londoner Händler J. van Haeften bei Sotheby’s die „Musikanten an der Balustrade“ für 7,5 Millionen Dollar. Doch der absolute Spitzenpreis sind die 20 Millionen Dollar, die die Washingtoner Nationalgalerie 2013 für Honthorsts figurenreiches, helles Großformat „Das Konzert“ aus dem Jahr 1623 ausgeben musste. Auf der Tefaf 2017 bot die Amsterdamer Kunsthandlung Lilian das Genrebild eines Jungen, der einen Holzscheit anbläst, für 3,5 Millionen Euro an.

Gerard van Honthorsts „Singendes Paar bei Kerzenschein “ von 1624 erzielte bei Christie's 3,4 Millionen Dollar.
Auch für Terbrugghen gibt es eine ähnliche Preisspirale. Der „Violinist mit Weinglas“, der 2008 aus der Sammlung Koelliker für 277.500 Pfund versteigert wurde, erschien 2011 auf der Maastrichter Messe bei dem römischen Händler Lampronti für 800.000 Euro. Schon 2009 hatte der „Dudelsackspieler im Profil“, ein Bild, das das Kölner Wallraf-Richartz-Museum zuvor den Erben Herbert von Klemperer restituiert hatte, bei Sotheby’s 10,2 Millionen Dollar gebracht. Einer der teuersten flämischen Manieristen ist seit Januar 2017 der Antwerpener Adam de Coster mit dem bei Sotheby’s für 4,9 Millionen Dollar versteigerten Nachtstück „Frau mit Kerze und Spinnrocken“. Ein charakteristischer Preis für den stilistisch Honthorst nahestehenden Matthias Stomer, dessen farbintensive Alltagsszenen gefragt sind, sind die 1,5 Millionen Euro, die Agnews auf der Maastrichter Messe für das Großformat „Das Martyrium des Hl. Bartholomäus“ verlangte. Das museale Bild hatte 2015 bei Christie’s 665.000 Pfund eingespielt.
Museen bevorzugen französische Maler
Die französischen Caravaggisten stehen mehr im Blickpunkt der Museen als der Sammler. 2010 erwirbt der Louvre für zehn Millionen Euro „Die Verleugnung Petri“, ein caravaggistisches Motiv der Brüder Le Nain, die Frankreich nie verlassen haben und für ihre Bauernsujets bekannt sind. Ein Pariser Händler hatte das Gemälde im Jahr 2000 für 1,3 Millionen Euro auf einer Auktion in Nancy ersteigert. Valentin de Boulogne, der seit 1611 in Rom lebte und dort 1632 starb, erhielt seinen kommerziellen Ritterschlag im Januar 2016 bei Sotheby’s, als die „Dornenkrönung“ der Sammlung Alfred Taubman, die 1996 noch 882.500 Dollar erlöst hatte, für 5,2 Millionen Dollar zugeschlagen wurde. Anreger dieser Preisentwicklung war nicht zuletzt die geschmacksprägende Valentin-Ausstellung im Metropolitan Museum und im Louvre.


Abseits von diesen Preisexplosionen gibt es im breiten Markt für Caravaggisten noch genug Spielraum für den Sammler. Unterbewertet sind neben dem eingangs erwähnten Dirck van Baburen der in seinem Gesamtwerk nicht immer gleichwertige Matthias Stomer und die in Rom arbeitenden Franzosen Nicolas Tournier und Claude Vignon.
Selbst wenn eines der raren Gemälde des früh vollendeten Bartolomeo Manfredi unter den Hammer kommt, bringt es noch keinen niedrigen Millionenpreis, wie ihn in den letzten drei Jahren Werke des Caravaggio-Zeitgenossen Guido Cagnacci oder des nachgeborenen Bartolomeo Schedoni erreicht haben – Maler, die bis dato als Repräsentanten der zweiten Riege galten, aber Kinder einer kontinuierlichen Aufwertung sind.





