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Hermann Stenner Haus BielefeldRefugium für Expressionisten

Dem Bauunternehmer Ortwin Goldbeck verdanken die Bielefelder ein kleines Museum für die Moderne. Er erwarb eine klassizistische Villa in Sichtweite der Kunsthalle. Nutzer für die nächsten 15 Jahre ist die Stiftung Hermann Stenner Haus mit der Sammlung Bunte.Christiane Fricke 12.08.2015 - 12:38 Uhr Artikel anhören

Bielefeld.

Die Kunsthalle Bielefeld bildet mit ihrem Skulpturenpark und dem Museum Waldhof ein an sich schon attraktives Ensemble. Nun erhält sie substanzielle Verstärkung durch das noble „Hermann Stenner Haus Bielefeld. Galerie der Klassischen Moderne“ gegenüber. In das klassizistische Gebäude der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe sollen ab Oktober die Werke des gleichnamigen westfälischen Expressionisten und seiner Malerfreunde einziehen.

Skizze zu einem Selbstbildnis, die Hermann Stenner 1912 auf grober Sackleinwand malte. Rückseitig zeigt das Bild eine Landschaft. Quelle: Sammlung Bunte, Bielefeld

Foto: Sammlung Bunte

Offen auch für den Blauen Reiter

Möglich machen es die in Bielefeld ansässige „Goldbeck-Stiftung“ und Hermann-Josef Bunte, Sammler, Anwalt und Rechtsgelehrter. Die Goldbeck Stiftung erwarb in letzter Minute die ehemalige sogenannte „Villa Weber“ und will nach Klärung letzter Details mit dem „Freundeskreis Stenner“ einen langfristigen, auf 15 Jahre angelegten Nutzungsvertrag schließen. Er soll nach aufsichtsrechtlicher Genehmigung auf die zu gründende „Stiftung Hermann Stenner Haus“ übertragen werden.

Bunte bringt als Dauerleihgabe seine umfangreiche Privatsammlung ein. Sie umfasst ca. 950 Arbeiten, schwerpunktmäßig von Stenner und dem Hölzel-Kreis. Das Stenner Haus will sich laut Bunte thematisch jedoch nicht auf die westfälischen Expressionisten eingrenzen, sondern auch die anderen Expressionisten einbeziehen, vor allem den „Hölzel-Expressionismus“ neben „Brücke“ und „Blauer Reiter“.

Der Sitz der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe soll in eine "Galerie der klassischen Moderne" umgewandelt werden: Das Hermann Stenner Haus Bielefeld. Quelle: Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe

Foto: Handelsblatt

Die Rolle der Kunsthalle

Über die große, wenn auch späte Ehrung gut 100 Jahre nach dem frühen Tod Stenners zeigte sich der Großneffe des Künstlers, Götz Keitel, hoch erfreut. Für Bielefeld und die ganze Region sei es ein großes Glück, einen Großteil der Werke Stenners und seiner Malerkollegen dauerhaft sehen zu können. Außerdem artikulierte der Vorstand des Freundeskreises den Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Bielefeld und anderen Museen.

Repräsentieren ein starkes Familienunternehmen: Ortwin Goldbeck mit seinen Söhnen. Von links: Joachim Goldbeck, Jörg-Uwe Goldbeck, Ortwin Goldbeck und Jan-Hendrik Goldbeck.

Foto: Goldbeck

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Pressekonferenz zur Ausstellung der Sammlung Bunte im Frühjahr letzten Jahres (Handelsblatt Printausgabe v. 21.4.2014). Damals formulierte Direktor Friedrich Meschede mit Blick auf die künftige Nutzung der Villa Weber die Idee eines Hermann Stenner Hauses bzw. eines Museums für den westfälischen Expressionismus; ein Ort für die Sammlung Bunte und für Ausstellungen rund um die westfälische Moderne, die bekanntlich auch in der Kunsthalle mit wichtigen, wenngleich im Depot verwahrten Beständen vertreten ist. Meschede wollte Fürsprecher und Geld einsammeln; alles Pläne, die in eine Absichtserklärung mündeten, die Bunte und die Kunsthalle im August 2014 unterzeichneten. Darin war auch angedacht, dass die Kuratorenschaft künftig bei der Kunsthalle liegt.

Keine Konkurrenz zum Erweiterungsbau

Unabhängig davon ventilierte die Kunsthalle die schon vor 20 Jahren erstmals diskutierten Pläne für den dringend notwendigen Erweiterungsbau. Denn sie hat nicht genug Platz für beides, die dauerhafte Sammlungspräsentation und Wechselausstellungen. Den Erweiterungsbau wollte Ortwin Goldbeck mit 10 Millionen Euro unterstützen. Da es jedoch nach drei Jahren Planungszeit immer noch viele ungeklärte Punkte gab, habe sich seine Familie spontan entschlossen, die einmalige Gelegenheit zu nutzen, die Villa Weber zu kaufen und dem Freundeskreis Hermann Stenner für Kunstausstellungen der klassischen Moderne zu überlassen, präzisiert der Unternehmer.

Goldbeck (76), der jahrelang als Präsident der Industrie und Handelskammer Ostwestfalen und der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft wirkte, gründete 1969 ein Unternehmen, das sich zu einem der erfolgreichsten Bauunternehmen Westfalens entwickelte und heute ca. 3.800 Mitarbeiter beschäftigt. Sein Spezialgebiet ist der schnelle, systematisierte Hochbau mit vorgefertigten Elementen. Die „Goldbeck Gruppe“ machte im letzten Geschäftsjahr 1,6 Milliarden Euro Umsatz.

Die Kunsthalle Bielefeld mit ihrem charakteristischen roten Mainsandstein und ausgeprägtem Volumen. Errichtet wurde sie 1968 von dem amerikanischen Architekten Philip Johnson. Foto: Matthias Benirschke/dpa

Foto: dpa

Hermann Stenners Aquarell und Zeichnung "August" von 1913. Die Kunsthalle Bielefeld verfügt mit sechs Ölgemälden (davon zwei rückseitig bemalt) und mehr als zwei Dutzend Papierarbeiten die meisten Arbeiten von Stenner unter den Museen.

Foto: Kunsthalle Bielefeld

Jutta Hülsewig-Johnen, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle, erinnert sich, Goldbeck habe zuletzt im Pressegespräch zur Villa Weber bekräftigt, dass er zu seinem Engagement für den Erweiterungsbau weiter stehen würde. Er sehe keine Konkurrenz zwischen beiden Projekten. Goldbeck selber formuliert, später darauf angesprochen, vorsichtiger, „dass der Erweiterungsbau der Kunsthalle zu einem späteren Zeitpunkt möglich sei.“

Hermann Stenners Porträt „Grüne Frau mit gelbem Hut II“ (1913) platzierte der Sammler Hermann-Josef Bunte aus strategischen Gründen auf dem Markt. Es erzielte Ende 2011 inkl. Aufgeld 132.000 Euro (Taxe: 40.000 bis 50.000 Euro)

Foto: LEMPERTZ

In die unerwartet schnell vonstatten gegangenen Ereignisse um die Villa Weber sei die Kunsthalle im Übrigen noch nicht involviert, erklärte Hülsewig-Johnen auf Anfrage. Doch soll nun auf der nächsten Aufsichtsratssitzung geprüft werden, ob die Kunsthalle – wie vom Freundeskreis Stenner vorgeschlagen – als Gründungsmitglied im Stenner Haus mitwirken darf. Diese Entscheidung kann nämlich der Direktor nicht fällen, nur der Kunsthallenträger, eine gGmbh (gemeinnützige GmbH), bestehend aus der Stadt, der Sparkasse Bielefeld und der Kulturstiftung Pro Bielefeld.

Offen für andere Sammlungen

Zwei Ausstellungen im Jahr sind für das Haus Stenner ins Auge gefasst. Den Anfang soll die Sammlung der Kunsthalle und die Sammlung Bunte machen. Anschließend könnte sich Bunte eine Ausstellung über die Künstlerfreundschaft zwischen Oskar Schlemmer und Stenner vorstellen. Nicht zuletzt soll das Stenner Haus aber auch für andere Sammlungen offen stehen. Damit gibt es vielleicht auch wieder eine Perspektive für eine Annäherung an das Haus Oetker, das 1998 im Zusammenhang mit dem Namensstreit ihre Dauerleihgabe aus der Kunsthalle abgezogen hatte.

Öffentliche Mittel erhält das Stenner Haus zunächst nicht für den Betrieb, der jährlich rund 450.000 Euro zu Buche schlagen wird. Dem gegenüber stehen erwartete Einnahmen von 300.000 Euro. Die Stiftung Hermann Stenner Haus muss also 150.000 Euro Unterdeckung auffangen und ist deshalb auf Spenden angewiesen. Der Umbau der Villa Weber soll bis zum 12. März 2016, dem 125. Geburtstag Hermann Stenners, soweit vorangeschritten sein, dass zumindest ein Teil eröffnet werden kann.

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Wenn alle Beteiligten zu ihrem Wort stehen und das Stenner Haus auch langfristig Bestand haben wird, dürfte für Bielefeld etwas Gutes herauskommen. Erstens wird der Expressionismus ein Zugpferd und Quelle für entsprechend frequentierte Ausstellungen, so wie es etwa in Bonn das Macke Haus und das Kunstmuseum mit seinen Beständen des Rheinischen Expressionismus vormachen. Zweitens profitiert die Kunsthalle in jeder Hinsicht von der Aufwertung des Standorts, allein schon durch das Stenner Haus. Drittens dürfte die Investition auch für den Stifter Ortwin Goldbeck Sinn machen. Und viertens hat Hermann-Josef Bunte seinen Riesenbestand Stenner am rechten Ort untergebracht, wobei er Kritikern mit der ausdrücklichen Versicherung begegnet, es gehe „nicht um private Interessen, etwa um die Aufwertung der Sammlung Bunte, sondern um die Aufwertung Bielefelds als Kulturstandort“.

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