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KunstauktionenChristie’s und Phillips – Zeitgenössische Kunst für Millionenpreise

Die zeitgenössischen Auktionen von Christie’s und Phillips verliefen glänzend. Die Lieblinge des Marktes fuhren zweistellige Erträge ein.Barbara Kutscher 24.05.2018 - 19:46 Uhr Artikel anhören

Das Großformat kostete 4,3 Millionen Dollar.

Foto: Phillips

New York. Zwei Wochen hat der Frühjahrs-Auktionsmarathon in New York gedauert. Erst die Rockefeller-Versteigerungen, dann die Impressionisten und ganz am Ende die zeitgenössische Kunst. Sotheby’s konnte dank afroamerikanischer Künstler etliche Rekorde und ein sehr gutes Ergebnis von 392,3 Millionen Dollar verbuchen (Handelsblatt vom 18. Mai).

Sehr viel liquides Geld sucht Anlagemöglichkeiten, das hebt den Wert sogenannter Blue-Chip-Kunstwerke auf hohe zweistellige Millionenpreise an. Ein Teil der Zeitgenossen-Sammler kann bei derart astronomischen Vorgaben nicht mehr mithalten, steigt aus oder sucht sich ein neues Sammelgebiet.

Phillips und Christie’s bildeten am 17. Mai mit ihrem Angebot an zeitgenössischer Kunst die Schlusslichter. Waren es Ermüdungserscheinungen des Publikums? Jedenfalls wollte sich die schier elektrisch aufgeladene Stimmung, die noch am Vorabend bei Sotheby’s zu beobachten war, nicht einstellen. Aber unterm Strich gab es in dem von beiden Häusern gut gewählten Angebot von insgesamt fast 100 Losen nur neun Rückgänge. Solide Preise bewilligten Sammler vor allem für superfrische Ware.

Diese drei Meter hohe Aluskulptur (1994-2014) ist rund 22,8 Millionen Dollar wert. Es gibt sie in fünf Versionen.

Foto: CHRISTIE'S IMAGES LTD. 2018

Rasant verteuerte sich bei Phillips Jean-Michel Basquiats überzeugende Komposition „Flexible“ aus dem Jahr 1984, als seine ersten internationalen Erfolge feierte. Die dunkle Figur auf weiß gestrichenem Lattenzaun, die auf einen westafrikanischen Stammesfürsten anspielt, war Basquiats beste Arbeit in dieser Saison.

Sie kam frisch aus dem Nachlass, der häufig über Phillips verkauft wird und jetzt (unveröffentlicht) mindestens 20 Millionen Dollar erwartete. Nach einem dreiminütigen Bietgefecht mit mindestens vier Interessenten, unter ihnen der New Yorker Händler Jeffrey Deitch, war „Flexible” auf 45,3 Millionen Dollar brutto geklettert.

Zu Phillips’ marktfrischen Raritäten gehörte auch Robert Motherwells schwarz-weißes Großformat „At Five in the Afternoon“ (1971) aus seiner bekannten Serie „Elegies to the Spanish Republic“. Seit 1981 hatte das Bild die Chicagoer Wohnung der Designerin Holly Hunt geziert. Der Zuschlag lag bei elf Millionen (mit Aufgeld 12,6 Millionen) Dollar. „Dieses Ergebnis hebt ihn in eine neue Preiskategorie“, schwärmte Phillips-Chairwoman Cheyenne Westphal.

Das Angebot kann kaum die Nachfrage decken

Seit 2012 hatte Motherwells höchster Auktionspreis bei 3,7 Millionen Dollar stagniert. Einen Karriereschub erfährt auch gerade die fast 80-jährige und immer noch aktive Pat Steir. Vor wenigen Monaten erst wechselte sie zur internationalen Powergalerie Lévy Gorvy. Dominique Lévy meldete sich auch für „Elective Affinity Waterfall“ (1992) in lebhaften blauen und gelben Farben auf rotem Grund, stoppte aber kurz vor dem neuen Rekord von 2,3 Millionen Dollar (Taxe 600.000 – 800.000).

Empfindlich machten sich jedoch die Rückgänge von zwei nicht so attraktiven Bildern Gerhard Richters und Sigmar Polkes bemerkbar, für die Phillips jeweils über zehn Millionen Dollar erwartet hatte. Das Haus setzte die in London begonnene Erfolgssträhne mit insgesamt eingehämmerten 131,6 Millionen Dollar fort, das ist eine 20-prozentige Steigerung gegenüber dem letzten Mai in New York.

Auch für die Tagesauktionen mit Werken des Mittelmarktes verkündeten Phillips und Sotheby’s Superlative. Offenbar kann derzeit das Angebot kaum die Nachfrage decken.

Christie’s wiederum spannte in der Abendauktion am 17. Mai kapitale Werke bewährter Zugpferde wie Warhol, Koons und Rothko ein. Ausgereizte Taxen in zweistelliger Millionenhöhe sahen dann aber nur wenig Wettbewerb, Finanzakrobatik im Vorfeld hatte den Absatz aber sowieso gesichert. Zum höchsten Zuschlag der Woche schaffte es Bacons riesiges „Study for Portrait“, ein etwas düsteres Porträt des damals bereits verstorbenen Liebhabers George Dyer.

Der in Monaco lebende norwegische Sammler Magnus Konow besaß das Bild seit seiner Entstehung im Jahr 1977. Und obwohl Bacons Markt jüngst etwas problematisch war, begeisterte sich bei Christie’s ein Trio von Telefonbewerbern und dazu kurz Großgalerist Larry Gagosian im Saal. „Möchte noch jemand mitmachen?“, fragte Auktionator Jussi Pylkkänen launig bei 41 Millionen in die Runde, dann sauste bei starken 44 Millionen Dollar (49,8 Millionen Dollar brutto) der Hammer zugunsten eines Telefonbieters aufs Pult.

Erfolgreich war Gagosian dann erst bei Jeff Koons’ Aluskulptur „Play-Doh“ aus einer Fünfer-Auflage. Provozierend banal sieht sie aus wie ein überdimensionaler Knetgummiberg. Den kaufte Gagosian ohne viel Mühe für 22,8 Millionen Dollar nach 13 Jahren zurück aus einer europäischen Sammlung.

Christie’s bot auch gleich zwei frühe schwarz-weiße Werke des sich mittlerweile rar machenden Andy Warhol an: Der ehemalige Kasino-Magnat – und neuerdings Kunsthändler – Steve Wynn lieferte „Double Elvis (Ferus Type)“ ein, für den er im Mai 2012 noch 37 Millionen Dollar bezahlt hatte. Kein Geschäft, denn zum selben Preis wechselte es an den Händler Brett Gorvy. Unter der Erwartung ging Warhols zweiteiliges Fahndungsfoto-Bild „No. 11, John Joseph H., Jr.“ (1964) aus der selten angebotenen Verbrecherserie „Most Wanted Men“ für 28,4 Millionen Dollar weg.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Animierten Wettbewerb gab es dagegen um das kubistisch angehauchte Bild „Nude and Forms“ (2014) des heute 60-jährigen George Condo, der einst Basquiat, Warhol und Haring zu seinen Freunden zählte. Elf Telefonbieter hatten sich für den populären Künstler mit den stetig steigenden Preisen eingesetzt. Erst bei 6,2 Millionen Dollar fiel es via Xin Li Cohen, Christie’s Asienchefin, an einen asiatischen Bieter. Sicher hatte da die große Condo-Ausstellung im Maritime Museum in Hongkong im Frühjahr Begehren geweckt.

Erfreulich lief es auch für sämtliche feilgebotenen Gemälde von Joan Mitchell. Eine fürs Jahr 2020 geplante Retrospektive im New Yorker MoMA verspricht künftige Sprünge, außerdem hat vor wenigen Wochen die David Zwirner Gallery Mitchells weltweite Repräsentanz übernommen. Christie’s klopfte ihren neuen Höchstpreis für die schöne Abstraktion „Blueberry” (1969) bei 16,6 Millionen Dollar ein.

Schlüsselfiguren im Kunstmarkt
Es gibt Scharen von Art Advisors, aber nur wenige ersteigern eine De-Kooning-Landschaft für 32 Millionen Dollar. Jeder Berater ist nur so wichtig wie seine Kunden, und die gibt keiner preis. Lässt man Zahlen sprechen, spielt die New Yorkerin Nancy Whyte, die lange bei Christie’s war, ganz oben mit. In den Prestigeauktionen sitzt sie ganz vorn, da, wo die Versteigerer ihre wichtigsten Kunden platzieren. Dort kauft sie, das Handy am Ohr, im Auftrag Spitzenwerke.
Sein Porträt im „New Yorker“ war übertitelt: „Der Kurator, der niemals schläft“. Rastlos taucht der Schweizer Artistic Director der populären Londoner Serpentine Galleries an allen wichtigen Orten der globalen Kunstwelt auf, trifft Künstler, verknüpft Menschen. Tausende Stunden der Künstlerinterviews von HUO sind inzwischen in Dutzenden Büchern veröffentlicht.
Der Unternehmer und Eigentümer des Auktionshauses Christie’s kann sich im nächsten Jahr einen Traum verwirklichen. Da wird der Topsammler von moderner und zeitgenössischer Kunst endlich sein eigenes Museum mitten in Paris eröffnen. Verantwortlich für den Umbau der auf 50 Jahre von der Stadt Paris gemieteten ehemaligen „Bourse de Commerce“ ist wieder der japanische Architekt Tadao Ando, der schon in den 2000ern Pinaults venezianische Ausstellungsräume im Palazzo Grassi und Punta della Dogana renovierte.
Die Deutsche ist einer der tonangebenden Player im internationalen Zeitgenossenmarkt. Nach über 25 Jahren bei Sotheby’s wechselte Cheyenne Westphal 2017 zum kleineren, aber immens ehrgeizigen Konkurrenten Phillips. Dort ist sie als Chairman, direkt unter dem CEO, kategorienübergreifend für Kunst und Design des 20. und 21. Jahrhunderts verantwortlich – und erfolgreich mit ihren Neuerungen.
Über Studiobesuche begeistert sich auch Larry Gagosian immer noch. Sehr bescheiden startete der Erfinder der Galerieausstellung von Museumsqualität vor fast 40 Jahren in Los Angeles mit einem Shop für billige Kitschposter. Viele Zufälle und eine untrügliche Spürnase für Qualität katapultierten ihn zum unangefochtenen Giganten des Marktes. Sein Jahresumsatz liegt angeblich über einer Milliarde Dollar, es gibt 16 Niederlassungen in neun Städten.

Gewagt war dagegen Christie’s Entscheidung, gleich zwölf Gemälde Richard Diebenkorns in die Abendauktion aufzunehmen, um den kalifornischen Künstler einem internationalen Publikum vorzustellen. Doch die Rechnung ging auf. Alle, von den frühen Figurenbildern bis zu den späten Abstraktionen, wurden oft über der Taxe zu insgesamt 43 Millionen Dollar abgesetzt.

Die Bilder hatte – für eine Garantie – die Zucker Family Foundation eingeliefert, die ihr Vermögen New Yorker Immobilien verdankt. Topstück war die perfekt erhaltene Abstraktion „Ocean Park #126” von 1984. Sie fiel zu fast 24 Millionen Dollar – ein neuer Weltrekord – an Brett Gorvy. Überschüssiges Geld ist da.

Das beweist auch der neue Preis für eine entfernt an ein Chemielabor erinnernde Bar aus Neusilber. François-Xavier Lalanne hatte sie für die Brüsseler Sammler Mayersdorff 1966 entworfen. Von drei Bietern umworben, fiel der Hammer erst bei 4,6 Millionen Dollar. Beim letzten Auftritt im Jahr 2010 in Paris hatte das Möbel nur 380.000 Euro gekostet.

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