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Kunsthändler Michael Hertz Wie Picasso aus dem Kommunisten einen Kapitalisten machte

Die Kunsthalle Bremen beleuchtet den Picasso-Markt der Nachkriegszeit am Beispiel ihres Hauptlieferanten Michael Hertz. Das gelingt verblüffend unterhaltsam.
07.02.2021 - 08:11 Uhr Kommentieren
Michael Hertz sitzt am Schreibtisch in seiner Galerie im Sommer 1955. Quelle: Staatsarchiv Bremen/ Zadik
Rudolph Stickelmann

Michael Hertz sitzt am Schreibtisch in seiner Galerie im Sommer 1955.

(Foto: Staatsarchiv Bremen/ Zadik)

Hamburg Hinter jedem erfolgreichen Künstler steht ein gut vernetzter Kunsthändler. Oder ein überaus aktiver Galerist. So einfach ist das. Und gleichzeitig so kompliziert. Ein brillantes Beispiel für diese Art von lust- und leidvoller Abhängigkeit, mit allen Höhen und Tiefen, ist der deutsche Galerist für Picasso-Grafik, der Bremer Michael Hertz.

Ihm und sich selbst hat die Bremer Kunsthalle eine beeindruckende Recherche gewidmet, zu der auch eine Ausstellung gehört. Die allerdings ist noch nicht eröffnet und soll sobald als möglich anlaufen. Mit dem vorzüglichen Katalog ist dem Museum ein Blick in den Maschinenraum des Kunsthandels gelungen. Gut recherchiert und dabei auch unterhaltsam – das hat Seltenheitswert.

Hertz, geboren 1912, hatte vor seinem großen Erfolg als Picasso-Händler in Deutschland eine durchaus oszillierende Biografie. Er lernte den Buch- und Kunsthandel von der Pike auf, war mal Reisevertreter einer Bilderleistenfabrik. Als Feuerwehrmann arbeitete er, um nicht in den Kriegsdienst eingezogen zu werden. Nach dem Krieg war er für eine elsässische Kunstdruckanstalt unterwegs. Eines seiner Ziele war dabei immer wieder die Kunstmetropole Paris.

Dort besuchte er die Galerie Louise Leiris, die der international bereits bestens vernetzte deutsch-französische Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler führte. Kahnweiler, das reizte Hertz besonders, vertrat auch das Werk von Picasso. Viele Händler wollten zu dieser Zeit über Kahnweiler in Kontakt kommen mit Picasso, dem Ausnahmekünstler.

Kahnweiler, so erinnert sich Hertz, „stellte mich dem Genie vor, für das ich als Deutscher – eine damals in Paris seltene Gattung – eine echte Attraktion zu sein schien, denn ich wurde mit Fragen geradezu überschüttet. Dabei spielte der Umstand, dass Kahnweiler mich als Kunsthändler eingeführt hatte, offenbar überhaupt nicht mit. Vielmehr hatte seine beiläufige Bemerkung von einer gewissen Rolle, die ich in der deutschen Sektion der internationalen Friedensbewegung spielte, Picasso fasziniert, der mit dieser Bewegung selber aktiv sympathisierte.“

Der Farblinolschnitt entstand 1959 (Ausschnitt). Quelle: Kunsthalle Bremen / Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 202
Pablo Picasso „Die Lanze (rot und gelb)“

Der Farblinolschnitt entstand 1959 (Ausschnitt).

(Foto: Kunsthalle Bremen / Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 202)

Als Kunsthändler wäre Hertz abgeblitzt, als Kommunist aber, er war schon vor 1939 in die KPD eingetreten, war er für Picasso interessant. Kurz darauf mutierte Hertz vom Kommunisten zum kunstbegeisterten Kapitalisten, Picasso sei Dank.

Zuerst handelte Hertz in Absprache mit Kahnweiler in Norddeutschland mit Picassos Grafik. Er begann in seiner Heimatstadt Bremen, an die Kunsthalle zu verkaufen. Ihr Direktor war Günter Busch, der die Chance für sein Haus erkannte und für seine Treue zum Kunsthändler Hertz immer mal wieder mit kleineren Schenkungen fürs Museum belohnt wurde.

Preisnachlässe waren die andere Art der Kundenbindung, die Hertz virtuos einzusetzen verstand. So erhielt Bremen die Linolschnittfolge „45 gravures sur Linoleum 1958 – 1960“ für durchschnittliche 2182 D-Mark pro Blatt. Auf dem Kunstmarkt wurden dafür 1960 bereits Preise zwischen 4000 und 6000 Mark pro Blatt gezahlt.

Ziel waren Alleinverkaufsrechte

Die Eröffnungen seiner Ausstellungen waren begehrt. Die geschickt komponierte Zusammenstellung der Gäste machte sie zu gefragten Events, bei denen für die illustre Gästeschar luxuriöser Cognac ausgeschenkt wurde. Den Marketingmix beherrschte Hertz perfekt, die ‚Connections‘ waren sein Talent.

Doch vor dem steilen Aufstieg als Händler gab es Unwägbarkeiten, zu denen etwa der unzureichende Gebietsschutz in Deutschland zählte. Hertz wollte ohne Wenn und Aber Alleinverkaufsrechte für das gesamte geteilte Deutschland, für BRD und DDR und Berlin. Ein hochgestecktes Ziel. Dafür musste er gut gegenüber dem Gatekeeper Kahnweiler argumentieren. In dem Moment spielten ihm die Auktionsergebnisse in die Karten.

„Porträt einer Frau mit Pomponhut und bedruckter Bluse“ (Ausschnitt aus dem Hochformat) Quelle: Kunsthalle Bremen / Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Pablo Picasso

„Porträt einer Frau mit Pomponhut und bedruckter Bluse“ (Ausschnitt aus dem Hochformat)

(Foto: Kunsthalle Bremen / Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Das Auktionshaus Ketterer versteigerte gerade Picasso-Grafik, hatte die Preise, um Publikum zu locken, niedrig angesetzt. Es gab trotzdem kein hinreichendes Interesse, und die Arbeiten mussten letztlich noch unter dem Schätzpreis abgegeben werden.

Dieses Desaster wurde von Hertz sofort als „ein deutlicher händlerischer Affront gegen die Nachkriegsgrafik Picassos“ nach Paris gemeldet. Die Marktpreise drohten, aus der Sicht von Hertz, dramatisch zu verfallen. Das brachte Kahnweiler zum Einlenken. Hertz erhielt das Recht „des absoluten Alleinverkaufs für ganz Deutschland (BRD, DDR, Berlin)“.

Die Staatlichen Museen zu Berlin kauften gut 42 Prozent ihres Picasso-Bestands von Hertz, das Museum Folkwang in Essen 43 Prozent, die Kunsthalle in Hamburg nutzte andere Kanäle und erwarb nur zehn Prozent ihrer Picasso-Grafik bei Hertz. Bremen lag mit 58 Prozent an der Spitze.

Der Katalog präsentiert all diese Zahlen für sieben Museen samt Ankaufspreisen. All das ist übersichtlich in unterschiedlichen Statistiken aufbereitet und nie langweilig. Dabei gehört zur Redlichkeit, auch die anderen Marktteilnehmer zu nennen, die Picassos Werk in deutsche Museen verkauften.

Picasso in der Kunsthalle Bremen

Ab und an kaufte Hertz auch Malerei, zum Beispiel das 1954 entstandene Porträt „Sylvette“. Kahnweiler gab Hertz genau fünf Minuten für die Kaufentscheidung, vor der Tür wartete schon der nächste Interessent. „Ich rechnete und dachte auf das angestrengteste, woher das Geld und an wen mit dem Bild. Bankkredite an einen Kunsthändler hätten um die Mitte der fünfziger Jahre offene Heiterkeit ausgelöst.“

Aber sollte dieses wundervolle Werk ein anderer Händler erhalten? Hertz' Verbindungen zahlten sich abermals aus, er konnte das Bild zügig weiterverkaufen. Es wechselte für 45.000 D-Mark zur Kunsthalle, wo es heute zu Picassos Hauptwerken zählt.

Die Ausstellung ist eine Hommage an einen wichtigen, aber nahezu unbekannten Kunsthändler Deutschlands. Und es ist eine Hommage an die Sammeltätigkeit der Kunsthalle, bei der unhanseatisches Eigenlob durchaus berechtigt ist. Dass Hertz, der 1987 in seiner Geburtsstadt stirbt, nicht nur mit Picasso gehandelt hat, sondern auch Künstler wie Fernand Léger, André Masson, Max Ernst oder Ernst Wilhelm Nay und einige DDR-Künstler vertrat, unterstreicht seine Bedeutung. Seinen Erfolg aber verdankt er Picasso.

Mehr: Nachruf auf Richard L. Feigen: Er war ein Sammler im Händlergewand

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