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Kunstkrimi aus München Eine Urkundenfälschung kommt den Bildschnitzer Veit Stoß teuer zu stehen

Unter dem flotten Titel „Kunst & Kapitalverbrechen“ erinnert das Bayerische Nationalmuseum an den Maler und spätgotischen Bildhauer Veit Stoß.
18.02.2021 - 16:55 Uhr Kommentieren
Mit sprechenden Gesten erzählt Veit Stoß, wie Herzogin Gailana den Verwalter und den Koch zur Ermordung des Bischofs anstiftet. Quelle: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt
Veit Stoß: „Kilians-Legende“

Mit sprechenden Gesten erzählt Veit Stoß, wie Herzogin Gailana den Verwalter und den Koch zur Ermordung des Bischofs anstiftet.

(Foto: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt)

München Die Kunstgeschichte kennt Bilder großer Menschlichkeit, gelegentlich aber steht sie auch in direktem Zusammenhang mit Mord oder Betrug. Unter dem bewusst reißerischen Titel „Kunst & Kapitalverbrechen“ taucht das Bayerische Nationalmuseum München (BNM) tief ein in die von einer Straftat begleitete Geschichte von Veit Stoß und dem Münnerstädter Altar.

Bislang gehörte die Aufmerksamkeit da stets Tilman Riemenschneider. Der innovative Bildschnitzer schuf 1490/92 die Skulpturen und Reliefs, die bei geöffnetem Altar die Legende der Büßerin Maria Magdalena packend erzählen. Noch nie aber ist dieser spätgotische Altar als Wendepunkt im Leben des berühmten Bildhauers Veit Stoß mit einer Ausstellung und einer üppigen Publikation bedacht worden.

Die Gelegenheit dazu ergab sich durch die Restaurierung der Münnerstädter Kirche. Eine bessere Lösung öffentlichkeitswirksamer Verwahrung des Altars hätte es kaum gegeben. Auch wenn die gut arrangierte Ausstellung zurzeit nicht besucht werden darf, bieten Fotografien und Aufsätze im Katalog eine anschauliche Alternative.

Die Tafeln der Werktagsseite des Klappaltars sind die einzigen für Veit Stoß gesicherten Gemälde. Ohne ein Vergehen hätten die Werke für die Kirche St. Maria Magdalena im Norden Frankens wohl nicht auf seiner Agenda gestanden.

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    In Nürnberg war er als Bildschnitzer erfolgsverwöhnt und ruhmreich. Sein überschüssiges Vermögen legte Veit Stoß bei kapitalhungrigen Tuchhändlern an. Als er ausgetrickst wurde, fälschte der Künstler einen Schuldschein. Für das Mittelalter fiel die Strafe milde aus: Nicht den Tod, sondern das Durchstechen seiner Wangen mit glühendem Eisen ordnete das Gericht an.

    Veit Stoß war gebrandmarkt, geächtet, entehrt und mit Reiseverbot belegt. Er floh dennoch nach Münnerstadt, wo sein Schwiegersohn und ein Auftrag als Maler warteten.

    Voller andeutungsvoller Zeichen stellte die vierte Tafel die Bestrafung der Mörder und der Herzogin Gailana dar. Quelle: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt
    Veit Stoß: „Kilians-Legende“

    Voller andeutungsvoller Zeichen stellte die vierte Tafel die Bestrafung der Mörder und der Herzogin Gailana dar.

    (Foto: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt)

    An dieser Stelle setzt die Ausstellung ein. Die Skulptur der Maria Magdalena mit ihrem wundersamen Haarkleid aus dem Bestand des BNM ist wieder umringt von den Heiligenfiguren und Aposteln, die schon Riemenschneider an ihre Seite stellte.

    Ein paar Schritte weiter zeigt eine Animation das mögliche Gesamtbild des Altars. Denn schon um 1650 wurde er demontiert und zum Teil verkauft. Eine Farbfassung besitzen die Riemenschneider-Figuren heute nicht mehr. In diesem holzsichtigen Zustand fand sie auch Veit Stoß 1504 vor, bevor er den Auftrag zu ihrer farblichen Gestaltung begann und die Kilians-Legende auf die vier Tafeln der Altaraußenseite malte. 

    Dass Stoß im Schatten seines eigenen Vergehens den blutrünstigen Auftragsmord an dem frühchristlichen Bischof Kilian darstellen musste, mag eine Pikanterie gewesen sein. Die klaustrophobische Architektur und die gedrängte Szenerie der Tafelbilder aber provoziert schon lange die Frage: Ist der zufällig Maler gewordene Stoß so gut wie der gefeierte Bildschnitzer?

    Während bis in die Nachkriegszeit wenig schmeichelhaft von einer „harten Bildhauermalerei“ gesprochen wurde, betonen Wissenschaftler heute die nahsichtige Komposition und die reduzierte Bildsprache. In der kompakten Dramatik liegt die Betonung auf Gesten und Details.

    Das Martyrium des Kilian beginnt mit der Mahnpredigt an das fränkische Herzogpaar Gotzbert und Gailana. Quelle: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt
    Veit Stoß „Kilians-Legende“

    Das Martyrium des Kilian beginnt mit der Mahnpredigt an das fränkische Herzogpaar Gotzbert und Gailana.

    (Foto: Benjamin Brückner/Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt)

    „Er ist ein Meister der Hände“, betonte Frank Matthias Kammel, Generaldirektor des BNM im Gespräch mit dem Handelsblatt. Ein Verschwörungsnest assoziieren die gelobenden Finger des skrupellosen Kochs und die unerbittlich fordernde Pose der Mordanstifterin aus der Heiligen-Legende etwa im Zentrum der zweiten Kilians-Tafel.

    Katalog und Ausstellung lassen ahnen, wie der Künstler zwischen finanzieller Notwendigkeit und Selbstbehauptung die Ausdrucksmittel wechseln musste. Besonders an dem zusammengeschobenen Figurenarsenal der großen Reliefs der sogenannten „Volckamerschen Gedächtnisstiftung“ von 1499 wird deutlich, wie das künstlerische Denken des Bildhauers das Gestalten des im Zeichnen geübten Malers beeinflusste.

    Die Skulptur befindet sich in München, weil die Münnerstädter Kirche restauriert wird. Quelle: Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt, Foto: Matthias Weniger
    Tilman Riemenschneiders „Heilige Elisabeth“

    Die Skulptur befindet sich in München, weil die Münnerstädter Kirche restauriert wird.

    (Foto: Kirchenstiftung St. Maria Magdalena, Münnerstadt, Foto: Matthias Weniger)

    Nach seiner Rückkehr nach Nürnberg 1505 bekam der Geächtete kaum noch lukrative Aufträge für Skulpturen. Auch Stoß“ Versuche in der Druckgrafik waren wenig erfolgreich. Zehn Motive kennt die Forschung heute. Auf den besten Blättern macht sich Stoß wiederum die Virtuosität des Bildhauers zunutze. In der „Beweinung Christie“ etwa bläht er die Umhänge von Maria und Johannes zu einem expressiv faltenreichen und raumgreifenden Zelt auf.

    Um seine geringeren Einnahmen zu kompensieren, führte Veit Stoß nun einen Laden an der Nürnberger Frauenkirche und verkaufte Kleinkunstwerke, Kruzifixe und Madonnen für den Hausgebrauch. Im Kunsthandel tauchen Werke von ihm nur alle 50 Jahre auf, schätzt Florian Eitle von der Kunsthandlung Böhler.

    Massenprodukte mit einem klangvollen Label

    Hin und wieder werden Stücke des Meisters sogar mit Signatur angeboten. „Aber die Qualität hält dem Namen in der Regel nicht stand“, so der Skulpturenspezialist zum Handelsblatt. Möglicherweise kannte Stoß schon um 1500 den Trick heutiger Markenhersteller: Massenprodukten ein klangvolles Label verpassen. Das letzte überzeugende Spitzenwerk von Veit Stoß kam 2018 bei Sotheby’s zum Aufruf. Die 34 Zentimeter große Figur des gekreuzigten Christus sicherte sich für 1,1 Millionen Pfund das finanzkräftige Getty Museum in Kalifornien.

    Mehr: Spätgotik: Spik versteigert einen seltenen Hausaltar

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