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AusstellungNetsuke-Sammlung: Wie eine schlafende Ratte nach Köln kam

Kunstvoll geschnitzte Miniaturskulpturen aus Japan erfreuen sich großer Beliebtheit. Der Topmanager und Sammler Karl-Ludwig Kley zeigt seine bedeutendsten Gürtelanhänger jetzt in Köln.Peter Brors 28.11.2023 - 16:57 Uhr

Köln. Als Karl-Ludwig Kley 1987 für den Bayer-Konzern als noch recht junger Manager nach Japan ging, wollte er vor allem seine beruflichen Qualifikationen mit operativer Auslandserfahrung ergänzen. Um sich damit indirekt für höhere Aufgaben zu empfehlen, was nach objektiven Kriterien rückblickend als höchst gelungen zu bewerten sein dürfte. Denn Kley wurde bald darauf Finanzvorstand der Lufthansa, anschließend Vorstandsvorsitzender beim Spezialchemie- und Pharmahersteller Merck KGaA, und später Multi-Aufsichtsrat bei BMW, Eon und Lufthansa.

Der Manager stieg auf zu einer zentralen Figur der sogenannten Deutschland AG, ausgestattet mit einem eng gewebten Netzwerk, das bis heute belastbarer sein dürfte als der allsommerliche und von Flugausfällen geplagte Streckenplan der Lufthansa. Aber das ist eine andere Geschichte. Diese hier handelt davon, dass der heute 72-Jährige bei einem Stadtbummel in Tokio vor mehr als 35 Jahren eher zufällig in einem Schaufenster eine Schnitzerei entdeckte, die sein Interesse weckte: eine kleine Sumo-Ringerfigur aus Elfenbein, die er kaufte und auf seinem Schreibtisch ausstellte.

Dass er damit ein Netsuke (ausgesprochen Netske) erworben hatte, erfuhr Kley erst etwas später. Es war der Moment, als er damit begann, sich intensiver mit der hohen Kunst der Netsuke-Schnitzerei zu beschäftigen. „Es hat mich einfach gepackt: die Kunst, die Geschichte, das Handwerk.“

Netsuke sind, verkürzt gesagt, künstlerisch gestaltete Knöpfe für Kimonos. Sie dienen als Befestigung für kleine Lackdosen und Stoffsäckchen an der grundsätzlich taschenlosen Kleidung. Netsuke werden vorwiegend aus Wurzelholz, Bambus, Elfenbein oder Bernstein Detailversessen handgefertigt. Die berühmtesten Schnitzer stammen aus der alten Kaiserstadt Kyoto.

Eines der Lieblingsstücke des Sammlers ist die schlafende Ratte von Masanao, der in Fachkreisen auch als „der Michelangelo der Netsuke-Schnitzer“ bezeichnet wird. Dazu erzählt Kley eine kurze Geschichte. „Nachdem ich die Ratte gekauft hatte, ließ ich mir diese ins Büro schicken. Es erschien der für die Sicherheit verantwortliche Mitarbeiter und sagte: ,Jemand hat Ihnen eine tote Ratte geschickt, wahrscheinlich Tierschutzaktivisten‘. Was ich damit ausdrücken will: So unglaublich realistisch wirkt dieses Netsuke.“

Netsuke sind seit vielen Jahrzehnten auch veritable Objekte der Begierde einer kleinen, aber feinen Sammlerschar, die für einzelne Exponate in seltenen Fällen bis zu 100.000 Euro zu zahlen bereit ist. In Deutschland ist es das renommierte Kölner Kunsthaus Lempertz, das immer wieder ein in der Szene viel beachtetes Angebot aus Asien präsentiert und in seinen Auktionen zum Kauf anbietet. Lempertz-Experte Adrian Heindrichs erklärt: „Netsuke stellen einen wachsenden Markt voller interessanter Facetten dar, den wir gerne bedienen“.

Dass Lempertz in den vergangenen Jahren auch immer wieder Netsuke an den inzwischen zum leidenschaftlichen Sammler avancierten Top-Manager Kley verkauft hat, mögen beide Seiten weder bestätigen noch dementieren. Nur so viel: „Herr Kley hat in den vergangenen 30 Jahren zweifelsfrei eine der schönsten Privatsammlungen für Netsuke in Europa aufgebaut“, sagt Lempertz-Experte Heindrichs.

Und jetzt wird das alles an zentraler Stelle in Köln zusammengeführt. Kleys Heimatstadt feiert aktuell nicht nur die 60-jährige Städtepartnerschaft mit Kyoto, sondern besitzt deutschlandweit auch das wohl angesehenste Museum für Ostasiatische Kunst. Direkt am Aachener Weiher in Innenstadtnähe gelegen, werden fortan die schönsten Exponate aus Kleys Sammlung zu sehen sein, und zwar bis Ende März.

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Kurator Bas Verberk sagt: „Wir wollen die Städtepartnerschaft mit Kyoto in unserem Haus natürlich angemessen zelebrieren, und da ist die Netsuke-Sammlung mit den vielen Exponaten aus der Kyoto-Schule wie ein Geschenk des Himmels, noch dazu und vor allem, weil diese Sammlung praktisch hier in direkter Nachbarschaft unseres Museums zusammengetragen wurde“.

Kley und Verberk haben sich mehrfach getroffen, um die Sammlung gemeinsam in Augenschein zu nehmen und daraus 60 Stücke aus Kyoto, in Analogie zur 60-jährigen Städtepartnerschaft, für die Ausstellung im Museum zu bestimmen. Die Auswahl folgte dabei strikt künstlerisch-qualitativen Kriterien. Die besten Schnitzmeister aus Kyoto wie Masanao, Tomotada und Okatomo sollten genauso dabei sein wie die ganze Spannbreite der Motive: Tiere, Sagengestalten, aber auch japanische Alltagsfiguren wie eben der Sumo-Ringer.

Das erste Netsuke, das Kley Ende der 1980er-Jahre in Tokio erwarb, ist übrigens bei der Ausstellung in Köln nun nicht dabei. Der Sumo-Ringer stammte von Hodo. Einem Künstler, den der damalige Bayer-Manager sogar in seinem Atelier besuchte und fasziniert bei der Arbeit beobachtete.

Später realisierte Kley indes, dass es keine bedeutende Arbeit war und Hodo auch nicht zu den bekanntesten neuzeitlichen Schnitzern zählte. Und auch als Motiv verlor der Sumo-Ringer in seiner Sammlung an Bedeutung, weil sich die besten Netsuke-Meister vorwiegend mit anderen Figuren beschäftigen, die deutlich mehr künstlerische Varianten zulassen.

Kleine Skulpturen, die Energie verströmen

So entdeckte Kley in der Folge vor allem die Darstellungen der zwölf Tiere des Zodiak, der chinesischen Tierkreiszeichen, die auch in Japan zu Hause sind. Entsprechend finden sich in der Kölner Ausstellung Netsuke mit einem Drachen, einem Pferd, einem Hahn und einem Hund. Dazu kommen die Schnitzerarbeiten von Fabelwesen, etwa eines Schlangenmenschen oder auch des Wächterlöwen Shishi.

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Ein weiteres Lieblingsmotiv Kleys ist die dramatische Darstellung der versehentlichen Ermordung der kaiserlichen Hofdame Kesa durch ihren Liebhaber Morito im 12. Jahrhundert. „Dessen verzweifelter Gesichtsausdruck, als er seinen Irrtum entdeckt, wie plötzlich alle Spannung aus seinem Körper weicht, das sind wirklich meisterhafte, weil überaus plastische Darstellungen“, berichtet Kley. Und schwärmt: „Netsuke-Schnitzer waren Meister haptischer Kleinkunst, die einen ebenso beruhigt, wie sie Energie verströmen kann.“

„Kyotos Netsuke – Meister & Mythen“, Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, bis 1. April 2024 Katalog: Hanstein Verlag, 29 Euro (auch an der Museumskasse); ISBN-Nr.: 978-3-981-2666-8-9

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