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SommerausstellungIn Ferienstimmung Kunst entdecken

Der Schweizer Skiort Engelberg ist auch im Sommer attraktiv. „Backstage“ heißt ein neues Format, das zeitgenössische Kunst gratis ausstellt, wo man sie nicht erwartet: im Speicher eines Hotels, in einer Schusterwerkstatt oder verlassenen Kegelbahn.Susanne Schreiber 09.07.2024 - 08:07 Uhr
Ausgangspunkt für Fabian Martis Installation ist die Tarotkarte des Gehängten. Zu besichtigen im Pfisterhuesli im zentralschweizerischen Engelberg. Foto: Michael Calabrò

Engelberg. Die Blickrichtung zu ändern tut gut und bereichert unser Denken. Die Tarotkarte des „Gehängten“ war der Ausgangspunkt für den Künstler Fabian Marti und seine Frage nach den Grenzen des Wissens. Schillernde Torsi aus Harz mit menschlichem Umriss hängt er kopfüber auf im Dachgeschoss des Pfisterhuesli im zentralschweizerischen Engelberg.

Den Blick ändert, wer in diesem Sommer in das 900 Jahre alte Klosterdorf reist. Was verborgen war, überrascht – in der zeitgenössischen Kunst und in der Architektur des Dorfs, das vom Tourismus lebt.

Den Eiskeller der Benediktinerabtei mieteten einst Engelberger Bierbrauer. Jahrzehnte stand er leer. Jetzt hat Ester Vonplon ihre Videoarbeit „Eiszeit“ dort platziert. Passend zu der ungemütlichen Kälte des begehbaren Kühlraums zeigt sie schmelzende Eisberge der Arktis und bedrohte Rheinauen. Der aufgegebene Ort und das Video über Klimawandel sind beide Teil von „Backstage Engelberg“ (bis 18. August).

Auf Einladung des Züricher Galeristen Peter Kilchmann hat die freie Ausstellungsmacherin Dorothea Strauss diese vorzügliche Sommerschau kuratiert. 53 internationale Künstler aus 18 Nationen an 21 sonst unzugänglichen Orten. 39 Kunstschaffende kommen für „Backstage“ aus ihrem Netzwerk, 14 sind Stammkünstler der Galerie Kilchmann aus Zürich und Paris.

Ein Highlight der kostenlosen Kunstausstellung ist das Schumacherhäuschen der Familie Waser. Seit 1996 geschlossen, ist es jetzt erstmals wieder zu besichtigen. Voll mit Leisten, Nähmaschinen und Werkzeug hat die Werkstatt eines Handwerkers den Charme einer Zeitkapsel, die man gerne besucht.

Den Berliner Künstler Olaf Nicolai hat die eingefrorene Zeit im Schuhmacherhäuschen angeregt, einen suggestiven, mit Gesang unterlegten Film zu machen. Sein Material: Magazinfotos vom wunderschön schillernden Carina-Nebel im Weltraum. Wie in der Werkstatt versinkt die Besucherin in seinem dreiteiligen Film „Gateway“ in der Betrachtung von Zeit und Ewigkeit.

Auch in den Speicher des Hotels Bellevue-Terminus gelangt ein Gast normalweise nicht. Jetzt darf er hoch hinaus, um neue Gemälde über die Erinnerung von Valérie Favre zu erkunden, ein vieldeutiges Reis-Video von Judith Albert oder Lichtboxen von Idil Ilkin.

Gut ausgeschildert lässt sich auch die ehemalige Kegelbahn des Hotels Engelberg ohne Mühe finden. In den feucht-dunklen Schlauch projiziert Zilla Leutenegger Zeichnungen, die den Schatten der Besucher umgehend in die Kunst integrieren.

Eine besondere Station ist das Tal Museum mit Arbeiten zum Thema „Mein mystisches Selbst“. Das geschickt ausgebaute Heimatmuseum verfügt über Sonderausstellungsräume, die ein Floß von Angela Lyn oder das Foto „Home to go # 9“ neutral präsentieren. Adrian Paci bringt hier das Kreuz, das Immigranten zu tragen haben, buchstäblich auf den Punkt.

Melli Ink zeigt im Erlensaal des Hotels Bellevue Terminus die Installation „Super Brain“ von 2009. Foto: Michael Calabrò

Doch ungewöhnlich wird es, wenn die Selbstbefragung von Fabian Marti oder Shirana Shahbazi auf jahrhundertealtes Mobiliar und Vertäfelungen trifft. Unheimlichkeit prallt da auf Gemütlichkeit. Um die Natur der Bergwelt geht es dagegen bei Angela Lyn. Wie poetische Moodboards der eigenen Seele muten Lyns meterlange Collagen an. Malmittel, Skizzen von Gipfeln und Fundobjekte vom Berg werden zu Zeugen einer Beschäftigung mit Engelberg, dem Dreitausender Titlis und den nicht minder beeindruckenden Gipfeln von Rostock, Ruchstock und Rigidalstock.

Dorothea Strauss und Peter Kilchmann haben einen Verein gegründet, in dem neben Schweizer Stiftungen und der Galerie Kilchmann auch die Tourismusbranche vertreten ist. Der Etat liege, sagt die Kuratorin, bei einer halben Million Franken.

Die Qualität der Kunstwerke, Produktionshonorare für ihre Schöpfer, geschulte Aufseherinnen an allen Stationen und eine reichhaltige Website sogar mit Audioführung markieren den hohen Anspruch von „Backstage Engelberg“. Das und die Freude von Künstlern wie Olaf Nicolai, vor Ort zu arbeiten, hebt die Schau deutlich ab von den üblichen sommerlichen Freiluftausstellungen; vor allem von solchen, die Tourismusmanager mit beliebigen Außenskulpturen veranstalten, um mehr Besucher anzulocken.

Jedes Jahr ist indes so viel Aufwand in Engelberg wahrscheinlich nicht zu betreiben. Aber vielleicht, so hört man, alle zwei oder drei Jahre. Schön wäre es für die Kunst, ihre Freunde und das Dorf Engelberg.

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Backstage Engelberg: www.backstageengelberg.ch
Bis 18. August
Donnerstag und Freitag 13 bis 17 Uhr
Samstag und Sonntag 13 bis 18 Uhr
Der Katalog erscheint zur Finissage im Verlag für moderne Kunst.
Er soll über 200 Seiten haben.

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