Galerienrundgang: Paris – Das neue Gravitationszentrum des europäischen Kunstmarkts
Paris. Frischer Wind belebt die Kunstszene in Paris. Neben Messen, bekannten Museen und Privatsammlungen mit eigenem Ausstellungsprogramm tragen vermehrt auch internationale Galerien zu einer quicklebendigen Szene bei. Galerien, die jüngst in Paris Dependancen eröffneten, profitieren alle von einem neugierigen und informierten Publikum — aus aller Welt.
„Viele internationale Sammler besuchen regelmäßig Paris, was man von keiner anderen europäischen Stadt in diesem Ausmaß sagen kann“, bemerkt Peter Kilchmann von der gleichnamigen Galerie aus Zürich und seit kurzem auch aus Paris. Eine Vielzahl von Kunst fördernden Institutionen, der Brexit in England, die vielen freigewordenen Gewerbeflächen während der Covid-Pandemie und die Senkung der französischen Mehrwertsteuer auf Kunstkäufe führten dazu, dass sich große ausländische Galerien mit internationalem Renommee in Paris niedergelassen haben.
Die französische Hauptstadt wird immer mehr zum Gravitationszentrum des Kunstmarkts auf dem europäischen Festland. Eine Rolle, die Paris bis zum 2. Weltkrieg inne hatte.
Die Senkung der Mehrwertsteuer von 20 auf 5,5 Prozent vom Gesamtverkaufspreis von Kunst mag kein Auslöser für die Ansiedlung ausländischer Galerien sein. Doch sie trägt zur Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs bei und fördert die Einfuhr von Kunstwerken nach Europa. Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz ist seit dem 1. Januar 2024 in Kraft.
Für Kilchmann spielte der Mehrwertsteuersatz von 5,5 Prozent keine Rolle, um eine Zweitgalerie in Paris zu eröffnen: „Die Mehrwertsteuer von 5,5 Prozent war kein Entscheidungsfaktor, in der Schweiz ist sie nicht viel höher.“ Bei Verkäufen aus der Schweiz ins Ausland fallen Importsteuern an, welche immer tiefer sind als die landesüblichen Mehrwertsteuern. Für ihn war es eine wichtig, eine weitere Galerie innerhalb der EU zu eröffnen, um auch dort präsent zu sein.
Der Brexit setzt dem englischen Kunstmarkt schwer zu. Die neuen Regelungen haben viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler von dort vertrieben. Auch europäische Galeristen, die auf der „Frieze“-Messe ausstellten, sahen sich mit zu viel Bürokratie konfrontiert — und wollen künftig nicht mehr teilnehmen.
Der Brexit habe bei der Entscheidung für Paris eine Rolle gespielt, sagt Kilchmann: „London war früher viel professioneller, aber Paris hat stark aufgeholt. Viele amerikanische Sammler waren gewohnt, in London zu kaufen. Jetzt kaufen sie vermehrt in Paris oder sogar nur ausschließlich dort. Dasselbe gilt auch für auch für Sammler aus Asien.“
Paris mit seinen Galerien, wichtigen Ausstellungen in weltberühmten Museen und seinen großen Kunstmessen zieht zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler an. Maja Bajević etwa, deren Ausstellung bis 2. März in der Galerie Peter Kilchmann im 3. Arrondissement zu sehen ist, wird international von Kuratoren und Sammlerinnen geschätzt. Sie lebt seit langem in Paris.
Die Galerie Kilchmann legt auch Wert darauf, verstärkt französische Künstler in ihr Programm aufzunehmen: „Im März eröffnen wir erstmals in Zürich eine Ausstellung mit der Pariser Künstlerin Eva Nielsen.“
Familiäre Umstände und die Gelegenheit einer attraktiven Ausstellungsfläche brachten Esther Shipper dazu, sich an der Place Vendôme niederzulassen. Sie kombiniert dort eine Ausstellungsfläche mit der Idee eines künstlerischen Salons. Schipper zeigt gerade ihre Ausstellung von Gabriel Kuri in Paris: „Bei der Vorbereitung wussten wir, dass Gabriel Kuri in Frankreich bereits ein fest verankertes Publikum hat — entsprechend positiv waren die Reaktion der Besucher in den letzten zwei Monaten, darunter viele Kuratoren und Vertreter öffentlicher Institutionen.“
Die Galerie Mendes Wood DM wurde 2010 in Sao Paulo gegründet. Nach Filialeröffnungen in Brüssel und New York ließ sie sich auch in Paris nieder. Warum? „Einige unserer Künstlerinnen und Künstler haben Projekte in Frankreich und stellen so leichter Verbindungen zu Institutionen her“, erklärt Nicolas Nahab, Direktor der Galerie. Die Galerie Mendes Wood DM war die Kraft hinter der Ausstellung des brasilianischen Minimalisten Lucas Arruda in der Bourse du Commerce. Daneben organisierte sie eine große Ausstellung von Neïl Beloufa im Palais de Tokyo.
Der Kölner Galerist Thomas Zander sieht seine neue Galerie in der Rue Jacob mehr als Schaufenster, denn als Verkaufsplattform. Ihm geht es vor allem um das Entdecken und Präsentieren von neuen Künstlerinnen und Künstlern. Für den Fotografie-Experten ist es wichtig, ein zweites Standbein in St-Germain des Prés zu haben, wo er sich auch der Geschichte der Fotografie widmen und zudem französische Künstler ausstellen kann.
Paris wird zur Durchgangsstation für Kunst
Die Künstlerin Tarrah Krajnak, deren Ausstellung bis zum 29. Februar 2024 läuft, hat eine enge Verbindung zum Surrealismus wie zu St-Germain des Prés als Ort. In der Serie „Mask & Mirror“ erzählt Krajnak die Geschichte einer Maske, die sie in einer Familienhütte fand. Es handelt sich dabei um eine Maske der Semar, einer Figur der javanischen Mythologie. Der Name bedeutet dunkel und geheimnisvoll. Geschickt bezieht sich Krajnak auf den Surrealismus, die Welt von Claude Cahun, Germaine Krull und Man Ray.
„Paris wird zu einer Art Durchgangsstation für Kunst. Es ist eine Stadt, in der sich die ganze Welt trifft und es ist wichtig, dort zu sein,“ sagt Nicolas Nahab von Mendes Wood DM. Die Galerie hatte bereits zuvor ein großes Netzwerk durch die Projekte ihrer Künstler in Frankreich sowie durch die Teilnahme an den Messen „Fiac“ und „Paris +“. Jetzt erweitert sie ihr französisches Netzwerk.
„Paris zieht enorm viele Ausländer an“, ergänzt Nicolas Nahab. Das ermutigt nicht nur Kenner der zeitgenössischen Kunst wie Nahab und Peter Kilchmann. Auch der Altmeister-Experte Fabrizio Moretti möchte in Paris französische und ausländische Kunden bedienen.
Giulia Giustiniani leitet seit der Eröffnung im September 2023 die Pariser Dependance der Kunsthandlung, deren Hauptsitz in London ist. Moretti Fine Art erweitert das Angebot italiensicher Altmeister um Klassiker aus dem 20. Jahrhundert. Bis 22. Februar werden an der Place du Louvre Gemälde des italienischen Surrealisten Corrado Cagli aus den Jahren 1949 bis 1959 gezeigt.
„Auch wenn der Austausch mit London seit dem Brexit schwieriger geworden ist, bleibt es wichtig, dort einen Stützpunkt zu haben, um die dortigen Kontakte aufrechtzuerhalten,“ räumt Giustiniani ein. „Nach Monaco und London noch eine Galerie in Paris zu eröffnen, ermöglicht es uns, Beziehungen zu neuen Sammlern zu knüpfen.“