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KIPakt mit den USA sorgt in Großbritannien für gemischte Gefühle

Der Brexit hat den Weg frei gemacht für eine Tech-Allianz mit den USA. Experten warnen jedoch vor neuen Abhängigkeiten. Eine Preisfrage ist zudem noch offen.Torsten Riecke 24.09.2025 - 14:57 Uhr Artikel anhören
US-Präsident Trump (l.) und der britische Premierminister Starmer: Die Politiker haben eine Technologieallianz vereinbart. Foto: Evan Vucci/AP/dpa

London. In London herrscht KI-Fieber, in Brüssel sorgt der schleppende Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) dagegen für Katzenjammer. Verantwortlich für den Stimmungsunterschied sind US-Präsident Donald Trump und, so sehen es zumindest die EU-Kritiker auf der Insel, der Brexit.

Seit amerikanische Tech-Unternehmen anlässlich des Trump-Besuchs in Großbritannien in der vergangenen Woche Investitionen von insgesamt 150 Milliarden Pfund (etwa 173 Milliarden Euro) in den KI-Ausbau auf der Insel angekündigt haben, sieht Premierminister Keir Starmer sein Land bereits auf dem Weg zu einer „KI-Supermacht“. Auch nach Meinung von Jensen Huang, Chef des US-Chipherstellers Nvidia, befindet sich Großbritannien dank seiner Mischung aus „Talenten, Forschung und Industrie“ in einer perfekten „Goldilocks-Position“ im KI-Zeitalter, also in einer Welt optimaler Bedingungen.

Die KI-Euphorie auf der Insel steht in einem krassen Kontrast zur harschen Kritik, die der ehemalige Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, gerade am schwerfälligen technologischen Fortschritt in der EU geübt hat. Nach Meinung des Italieners verharrt der alte Kontinent in den Technologien des vorigen Jahrhunderts und ist kurz davor, die Fehler der weitgehend verpassten Internetrevolution um die Jahrtausendwende beim Übergang ins KI-Zeitalter zu wiederholen. Der EU-Kommission in Brüssel rät der ehemalige Notenbanker, die im sogenannten „AI Act“ der EU geplante Regulierung für riskante Anwendungen zu stoppen, „bis wir die Nachteile besser verstehen“.

EU-Austritt schafft neue Freiheiten

Die Euroskeptiker auf der Insel fühlen sich bestätigt und sprechen von einer späten „Brexit-Dividende“. So bezeichnet die konservative Tageszeitung „The Telegraph“ das von Trump und Starmer beschlossene „Tech-Wohlstands-Abkommen“ als einen „Wendepunkt“ nach dem EU-Austritt und verweist darauf, dass Großbritannien und die USA die „Förderung innovationsfreundlicher politischer Rahmenbedingungen für KI und Unterstützung der Einführung von KI-Technologien (…)“ vereinbart haben. Mit anderen Worten: Beide Länder wollen im Gegensatz zur EU die Entwicklung der neuen Technologien nicht früh regulieren, weil sie fürchten, die Entwicklung ansonsten durch verfrühte Regeln zu bremsen.

Ursprünglich wollte Starmer mit seiner KI-Politik eine Brücke zwischen der eher strikten Regulierung in der EU und den generell liberaleren Technologieregeln in den USA bauen. Nach Ansicht von Experten hat sich London mit seiner Denkweise jedoch stärker an Washington als an Brüssel angenähert.

„Der Brexit hat uns die Möglichkeit gegeben, engere Beziehungen zu den USA anzustreben“, sagte kürzlich der ehemalige britische Botschafter in den USA, Peter Mandelson, der den Tech-Deal mit eingefädelt hatte. Das Königreich habe nun die Chance, „seine regulatorische Freiheit und Unabhängigkeit vom europäischen Recht zu nutzen“.

„Großbritannien ist sicher einen Schritt weiter als der Rest Europas, wenn es um die Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz geht“, sagte Rowan Wilkinson, Technologieexpertin bei der Londoner Denkfabrik Chatham House. Sie führt das allerdings weniger auf den Brexit als auf die traditionell guten Beziehungen des Königreichs zur KI-Supermacht USA und Standortvorteile wie gut ausgebildete Fachkräfte und weltweit führende Universitäten zurück.

Nvidia-Chef Huang: Der Konzernchef will massiv in Großbritannien investieren. Foto: Bloomberg

Großbritannien beansprucht hinter den USA und China den dritten Platz im globalen KI-Wettrennen. Der Gesamtwert des Tech-Sektors auf der Insel beläuft sich nach Schätzungen der Regierung auf mehr als eine Billion Dollar und wäre damit etwa doppelt so groß wie in Deutschland.

Starmer hatte zu Jahresbeginn zudem einen „KI-Aktionsplan“ vorgelegt. „Wir wollen uns auf die Chancen von KI fokussieren“, sagte der Premierminister. Alle Minister in seinem Kabinett sind angewiesen, der Einführung von KI die höchste Priorität einzuräumen.

„Britische Regierungen haben schon immer eine innovationsfreundliche Politik verfolgt“, sagte dazu Wilkinson. So habe der frühere konservative Premier Rishi Sunak 2023 den ersten weltweiten KI-Gipfel organisiert und damit den Führungsanspruch Großbritanniens unterstrichen.

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Die Investitionen der US-Tech-Konzerne sind für Starmer aber auch ein Mittel, um die chronische Wachstums- und Produktivitätsschwäche Großbritanniens zu überwinden. Allein Microsoft will in den kommenden vier Jahren 30 Milliarden Dollar ausgeben, um die KI-Infrastruktur in Großbritannien zu verbessern. Dazu gehört auch der Bau eines neuen Supercomputers, der dem europäischen Pendant „Jupiter“ in Jülich Konkurrenz machen soll und bei dem Bundeskanzler Friedrich Merz gerade den Startknopf gedrückt hat. Für beide Geräte liefert Nvidia die schnellen KI-Chips.

Ausbau der Kernenergie soll preiswerte Energie für Datenzentren liefern

Als Herzstück der amerikanischen „KI-Invasion“ auf der Insel gilt jedoch die vom ChatGPT-Erfinder Open AI, Nvidia und dem britisch-australischen Start-up Nscale getragene Initiative „Stargate UK“. Dahinter verbirgt sich das Vorhaben, leistungsstarke Datenzentren in Großbritannien zu bauen, auf denen die KI-Anwendungen laufen sollen.

„Bislang ist das Vereinigte Königreich aber nicht in der Lage, die Datenzentren zuverlässig mit kostengünstiger Energie zu versorgen“, sagte Technologieexpertin Wilkinson. Deshalb sei es wichtig, dass die USA und Großbritannien einen Ausbau der Kernenergie mit sogenannten Mini-Atomkraftwerken (SMR) vereinbart hätten.

Eine KI-Supermacht ist nach Einschätzung der Technologieexpertin jedoch weder Großbritannien noch die EU. „Beide sind in der Technologiewelt Mittelmächte“, sagte sie. „Das Königreich übernimmt mehr die Angebote aus den USA, als dass es selbst neue Technologien entwickelt.“

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Tim Wu, Wettbewerbsfachmann von der Columbia University in New York, sieht das ähnlich: „Es ist wichtig, diese Investitionen nicht mit einer starken heimischen Technologieindustrie zu verwechseln“, schreibt er in einem Gastbeitrag. Nach Meinung von Wilkinson von Chatham House müssten Mittelmächte wie Großbritannien diese Abhängigkeiten jedoch in Kauf nehmen, wollten sie im globalen Technologiewettrennen zwischen den USA und China nicht auf der Strecke bleiben.

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