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Après-Ski-Industrie Exzesse vor der Kamera: Ein Tiroler Fotograf hält Ischgl den Spiegel vor

Tausende Touristen steckten sich in dem Tiroler Skiort Ischgl mit dem Coronavirus an. Den Fotokünstler Lois Hechenblaikner verwundert das kaum.
23.04.2020 - 12:59 Uhr 7 Kommentare
Corona: Ischgl-Urlauber verlangen Schadenersatz Quelle: Lois Hechenblaikner
Betrunkene und Menschenmassen in Ischgl (2003)

Als ein Brennpunkt der Corona-Pandemie erlangte der österreichische Skiort traurige Berühmtheit.

(Foto: Lois Hechenblaikner)

Wien Ischgl ist gefährlich. Der Fotograf Lois Hechenblaikner hat das bei seiner Arbeit am „Ballermann der Alpen“ am eigenen Leib erfahren. Als er in dem Tiroler Skiort ein streitendes Paar mit der Kamera festhalten wollte, stürmte der Ehemann wutentbrannt auf ihn zu. Selbst die Flucht in das nahegelegene Hotel eines Bekannten nutzte am Ende nichts. Der 62-jährige Tiroler bekam von dem deutschen Touristen einen schmerzhaften Schlag zwischen die Beine verpasst, an dem er monatelang litt.

Die örtliche Polizei nahm nicht einmal die Personalien auf. „Die Polizei hält maximal die Gosch’n. Sie ist politisch angepasst. Es gibt ein stilles Abkommen“, sagt Hechenblaikner. Eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung wurde von der Staatsanwaltschaft Innsbruck eingestellt. Touristen stehen in Ischgl unter Artenschutz – außer es ist Coronakrise.

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Denn weltweite traurige Berühmtheit erlangte das früher boomende Touristendorf in Tirol im März. Offenbar hatten sich Tausende Skitouristen in den berüchtigten Après-Ski-Bars mit dem Coronavirus infiziert. Obwohl Länder wie Island und Norwegen bereits Anfang März warnten, ging das Geschäft in Ischgl weiter.

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    Die Behörden und Politiker ignorierten in der Anfangsphase weitgehend das Problem oder redeten es klein. Als das außerhalb der Saison nur 1500 Einwohner große Dorf schließlich unter Quarantäne gestellt wurde, war es zu spät. Ischgl war längst zu einer globalen Virenschleuder geworden. Nun droht den Verantwortlichen eine Schadenersatzklage von hunderten von Betroffenen.

    Hechenblaikner ist ein Tiroler Mannsbild. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert fotografiert er in Ischgl den alpinen Ausnahmezustand. „Ich habe den Ischglern immer gesagt, ihr bezahlt einen Preis dafür“, sagt der 62-Jährige. „Kein Dorf hat die alpintouristische Berauschungsindustrie so hoch kalibriert wie dieses.“

    Der Fotograf hat den gewaltigen Aufschwung der alpin-touristischen Industrie im Paznauntal wie ein Ethnologe verfolgt. „Mich interessiert die Wandlung von ärmlichsten Bergbauern hin zu hochprofitablen Alkoholhändlern“, sagt Hechenblaikner und meint das keinesfalls ironisch.

    „Ischgl ist der Inbegriff der alpintouristischen Durchgeknalltheit“, sagt Fotograf Hechenblaikner. Quelle: Lois Hechenblaikner
    Champagner-Flasche im Hosenschlitz (2016)

    „Ischgl ist der Inbegriff der alpintouristischen Durchgeknalltheit“, sagt Fotograf Hechenblaikner.

    (Foto: Lois Hechenblaikner)

    Seine Bilder sind witzig, hintergründig, aber auch verstörend und unbarmherzig ehrlich. Er ist ein fotografischer Thomas Bernhard. Hechenblaikner fixiert mit seiner Kamera Touristen im Schnee mit Penis auf dem Helm oder der Champagner-Flasche im Hosenschlitz, die visuelle Entweihung des Hauskreuzes mit Alkoholflaschen oder eine fingierte Vergewaltigung mit einer Plastikpuppe bei Vollsuff im Schnee.

    „Ischgl ist für mich der Inbegriff der alpintouristischen Durchgeknalltheit“, sagt der Künstler aus dem Tiroler Alpbachtal, das ungefähr eineinhalb Stunden von Ischgl entfernt liegt.

    Seine Technik: Er kommt nicht als Fotograf, sondern als Tourist. Er ist dort, wo Gäste aus aller Welt die Sau rauslassen, beispielsweise in der legendären Trofana-Skibar. Hechenblaikner kennt keine Berührungsängste bei seinen Langzeitbeobachtungen. „Ich nehme daran teil ohne daran teilzunehmen“, sagt er.

    Fast immer ist er allein unterwegs. Nachts schläft er im Campingbus – der Ruhe und des Geldes wegen. Nur einmal war seine Ehefrau in Ischgl dabei und reiste schockiert wieder ab. „Ischgl ist ein hormoneller Schwarzmarkt. Der ideale Nährboden für Fremdgänger, Blindgänger und Draufgänger. In Ischgl ist alles zur Ware geworden“, sagt er.

    In der durch die Coronakrise notwendigen Isolation widmet er sich ganz und gar Ischgl. Denn im Herbst wird beim Göttinger Steidl-Verlag sein rund 250 Seiten großes Fotobuch „Ischgl“ erscheinen. Hechenblaikner und der Verleger Gerhard Steidl arbeiten seit Jahren eng zusammen und haben viele Bücher (Hinter den Bergen, Winter Wonderland) gemeinsam auf den Markt gebracht.

    „Von ärmlichsten Bergbauern hin zu hochprofitablen Alkoholhändlern.“ Quelle: Lois Hechenblaikner
    Männer auf Bierfässern vor einer Après-Ski-Hütte (2006)

    „Von ärmlichsten Bergbauern hin zu hochprofitablen Alkoholhändlern.“

    (Foto: Lois Hechenblaikner)

    Für sein Ischgl-Buch kann das Tandem aus 9000 Bildern auswählen. Auf dem Titel wird eine giftgrüne Kunstpalme vor der Seilbahnstation Idalp, dem Zentrum des Ischgler Skizirkus, zu sehen sein, die als Garderobe für BH und Unterhose dient.

    Hechenblaikner und Steidl sind auf ihre Art Radikale, wenn es um Kunst und Qualität geht. Das verbindet. Der Fotograf wird sich in seiner österreichischen Heimat mit dem Werk voraussichtlich nicht viele Freunde machen. Denn das Buch wird eine schonungslose Abrechnung mit dem Alpin-Tourismus.

    „Mein Buch wird zur visuellen Gewissensprüfung für das Land“, verspricht Hechenblaikner. „Das Dorf ist von Herrgottwinkeln durchsetzt. Trotzdem gibt es keine Hemmschwelle mehr beim Kommerz.“ Das Buch werde die Après-Ski-Industrie zeigen und damit „die Beschleunigung der Entgrenzung“.

    „Diabolisches Geschäftsmodell“

    Die Touristen spricht Hechenblaikner nicht frei von Schuld. „Der Gast ist auch ein Komplize. Denn es geht nur, wenn der Gast mitmacht“, sagt Hechenblaikner in Anspielung auf die vielen deutschen Ischgl-Besucher und das „diabolische Geschäftsmodell“ der Einheimischen.

    Die Anziehungskraft von Ischgl hat viele Gründe. Die Seilbahnen sind erster Klasse und das Skigebiet zählt zu den Besten auf der Alpennordseite. „Den Deutschen nimmt man nicht so leicht das Geld ab. Erst ab 0,5 Promille bis ein Promille – erst dann hat man einen Zugriff“, berichtet er.

    „Es geht nur, wenn der Gast mitmacht.“ Quelle: Lois Hechenblaikner
    Fröhliche Männerrunde in Ischgl (2012)

    „Es geht nur, wenn der Gast mitmacht.“

    (Foto: Lois Hechenblaikner)

    „Gäste auf Betriebstemperatur bringen, können aber nicht nur die Ischgler, sondern auch die Nachbarn in St. Anton und anderswo.“ Deshalb ist Ischgl für den Fotokünstler vor alle eine schrille Metapher für die touristischen Exzesse.

    „Diese Freizeitindustrie ist in Wahrheit gegen das Leben gerichtet. Die Menschen kommen nicht erholt zurück, sondern ermattet“, sagt Hechenblaikner in Erinnerung an den schwäbischen Unternehmer Reinhold Würth, der diese Erkenntnis frühzeitig zum Thema gemacht hat. „Ischgl ist ein Überdruckventil für die Leistungsgesellschaft. Das Produkt ist Loslassen gegen Bezahlen.“

    Wird die Coronakrise alles ändern? Hechenblaikner hat darauf keine Antwort. Doch selbst in der größten Not funktioniert das Après-Ski-Mekka. Als der Fotokünstler die Abreise von Hunderten ausländischen Mitarbeitern, insbesondere aus Osteuropa, in Ischgl und dem benachbarten St. Anton fotografieren wollte, verhinderte das die österreichische Polizei trotz Journalistenausweises.

    Während der Ausreise der osteuropäischen Mitarbeiter durfte er nicht ins Tal einfahren. „Dies dient zur Sicherheit von Ihnen oder vielleicht auch von Personen, die mit Ihnen in Kontakt kommen könnten“, wurde ihm von einem Beamten beschieden.

    Der lokale Ordnungshüter war sensibilisiert für die Gefahr, die von Hechenblaikners Bildern ausgehen können. Das macht seine Fotografie so einzigartig und wertvoll.

    Mehr: Österreich droht wegen Ischgl eine Sammelklagen-Flut

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    7 Kommentare zu "Après-Ski-Industrie: Exzesse vor der Kamera: Ein Tiroler Fotograf hält Ischgl den Spiegel vor"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Es hätte zu einer anderen Jahreszeit in jedem anderen Land in Europa passieren können: Mallorca Schinkenstrasse, München Oktoberfest, Spring Break in Florida oder jeden Freitag Abend in einer beliebigen englischen Stadt... die Aufzählung ließe sich unbegrenzt fortführen. - Möglicherweise hat Ischgl zu spät reagiert ja - aber die Ischgler sind nicht kommerzialisierter als der Rest Europas.

      Den Photographen scheint eine merkwürdige Hassliebe mit Ischgl zu verbinden.

      Für mich auch weiterhin ein wunderbares Skigebiet! - Man kann dort auch ohne Saufen einen schönen Skitag verbringen. - Es steht jedem frei ob er das tut oder nicht. Moralapostel sollten erst mal vor der eigenen Haustüre kehren.


    • ..."Das nennt man Wirtschaft und Ökonomie"...
      ICH nenne das SPÄTRÖMISCHE DEKADENZ - die Entwicklung der "Spaß- und Party-Gesellschaft" wird ihr natürliches Ende finden... MIT oder OHNE Corona Covid-19

    • Den tritt in seine Testikel hat er sich wahrlich verdient. Er kann fotografieren wenn er vorher fragt. Wie und in welche Richtung sich Ischgl entwickelt hat? Das nennt man Wirtschaft und Ökonomie. Und wegen dem Virus?
      Ischgl hat innerhalb einer Woche reagiert und dies bei dieser hohen Anzahl von Gästen; Gratulation. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand wissen wie rasend sich der Virus verbreitet.

    • Der Fotograf fährt jahrelang inkognito nach Ischgl? Klingt irgenwie pathologisch. Was tut man nicht alles für einen reißerischen Artikel...

      Ich habe mich selbst in Ischgl mit Corona infiziert, was aufgrund der Ski- und Apres-Ski-Kultur nun mal passieren kann. Es hätte genauso gut eine andere Großveranstaltung sein können.

      Retrospektiv kann man immer sagen, es hätten früher Maßnahmen ergrifen werden müssen. Das gilt für viele andere Länder ebenso, siehe Frankreich, England etc. Sollten wichtige Maßnahmen verzögert worden sein, würde die Staatsanwaltschaft sicherlich die Erkenntnisse publik machen. Ich habe bisher nichts gehört bis auf Anschuldigungen.

      Ischgl ist ein wunderbarer Ort zum Skifahren und gepflegt Apres Ski genießen. Die Aufnahmen des Fotografen geben ein verzerrtes Bild von Ischgl wieder. Exzesse sieht man natürlich, wenn man jahrelang heimlich danach sucht. Diese gibt es auch anderswo in jedem Dorf bei verschiedenen Gelegenheiten.

    • Mich wundert die geringe Zahl der Kommentare. Wir hier der Zustand beschrieben, Geschäftsführer mimt den ehrbaren Bürger und geht heimlich zur Domina. Gleicher Antrieb, nur andere Hülle.

    • @Herr Max MusterStudent,
      Irgendwann mal von einem Herren namens Henri de Toulouse-Lautrec gehört?

    • (...) Sich als Tourist tarnen und in Bars gehen, feiern, saufen und dann heimlich Fotos von Prominenten oder Personen in peinlichen Situationen machen... Früher hat man solche Leute Paparazzi genannt. (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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