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Kolumne: Zeit ist Geld Was Uhren made in Germany wirklich wert sind

Der Sammler und Experte Gisbert L. Brunner über die Besonderheiten von Uhren aus Deutschland. Manche sind preislich ganz oben anzusiedeln.
14.08.2020 - 09:31 Uhr Kommentieren
Nach dem unternehmerischen Comeback 1990 hat sich A. Lange & Söhne zu einem der Top Player entwickelt. Quelle: Glashütte
Präzisionsarbeit

Nach dem unternehmerischen Comeback 1990 hat sich A. Lange & Söhne zu einem der Top Player entwickelt.

(Foto: Glashütte)

Wer im deutschsprachigen Raum nach einem echten Experten für kostbare Uhren sucht, kommt an Gisbert L. Brunner nicht vorbei. Der mittlerweile pensionierte bayerische Beamte hat Hunderte von kostbaren Zeitmessern gesammelt, aber auch Dutzende von Büchern über die unterschiedlichsten Marken geschrieben.

Im fünften Teil der Kolumne „Zeit ist Geld“ erklärt Brunner die Besonderheiten von Uhren made in Germany – und deren Preise. Wenn Sie selbst Fragen zum Thema Haute Horlogerie an ihn haben – schreiben Sie uns: [email protected]

Welchen Stellenwert billigen Sie Uhren made in Germany generell zu?
Im Konzert des internationalen Uhrengeschehens spielt die deutsche Geige wohl eine eher hintergründige Rolle. Das betrifft die Stückzahlen ebenso wie die Umsätze. Ungeachtet dessen darf die Bedeutung der deutschen Marken und Manufakturen freilich nicht unterschätzt werden. Das Spektrum des Gebotenen reicht von Uhrmacherei auf allerhöchstem Niveau bis hin zu zahlreichen Produkten für Einsteiger.

Qualitativ und preislich ganz oben ist zweifellos die deutscheste aller deutschen Traditionsmanufakturen angesiedelt. Gemeint ist A. Lange & Söhne im sächsischen Uhrenmekka Glashütte. Nach dem unternehmerischen Comeback im Jahr 1990 entwickelten Günter Blümlein und Walter Lange das Unternehmen anfangs mit tatkräftiger Schweizer Hilfe zu einem der Top Player.

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    Die erste Kollektion nach 50-jährigem Dornröschenschlaf ging 1994 an den Start. Wer die damals vorgestellte, auf insgesamt 200 Exemplare limitierte Lange Tourbillon „Pour le Mérite“ mit Antrieb über Kette und Schnecke erworben hat, kann sich heute über einen beachtlichen Wertzuwachs freuen.

    Als deutsche Armbanduhr-Ikone der Neuzeit kann indes die „Lange 1“ mit Großdatum und asymmetrischem Zifferblattdesign gelten. Sie gibt es seit 26 Jahren, und es ist nicht abzusehen, dass diese Armbanduhr einmal unmodern wird. Dass A. Lange & Söhne mit der „Lange 1“ absolut richtig lag, zeigt sich an etlichen Marken, die das Erscheinungsbild aufgegriffen und in modifizierter Form verwendet haben.


    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren. Quelle: Privat, Patek Phillippe
    Der Autor

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren.

    (Foto: Privat, Patek Phillippe)

    In den sportlichen Bereich mit Edelstahlgehäuse ist A. Lange & Söhne inzwischen auch vorgedrungen. Die „Odysseus" debütierte 2019, muss sich allerdings gegen angestammte Klassiker wie die „Royal Oak“ von Audemars Piguet oder die „Nautilus“ von Patek Philippe behaupten. Alle von A. Lange & Söhne verbauten Uhrwerke entstammen eigener Manufaktur, was auch für den benachbarten Glashütter Uhrenbetrieb gilt, der seine Erzeugnisse unter dem Namen Glashütte Original offeriert.

    Apropos: Dieses Jahr feiert Glashütte 175 Jahre Uhrmacherkunst in dem kleinen Tal der Müglitz. Was gibt’s dort heute sonst noch?
    Nach dem 8. Mai 1945, dem letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, als russische Jagdflieger dem Mekka der deutschen Präzisionsuhrmacherei schwerste Schäden zufügten und Bodentruppen schließlich mitnahmen, was ihnen noch brauchbar erschien, herrschte nur ein Jahr Ruhe. Schon 1946 produzierten die zähen Sachsen ihre ersten Nachkriegsuhrwerke.

    Am 1. Juli 1951 entstand der VEB Glashütter Uhrenbetriebe (GUB), in dem alle ehemaligen Glashütter Uhr-Aktivitäten zusammengefasst wurden. Seine 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter produzierten in den sozialistischen Blütejahren jährlich rund eine Million Zeitmesser.

    Vom einstigen Glanz blieb allerdings kaum etwas übrig. Die neuen Machthaber verlangten einfache Uhren fürs eigene Volk, bessere zum Exportieren sowie hochwertige Chronometer für die Marine. Mit Luxusprodukten hatten sie nichts im Sinn.

    Nach der deutschen Wiedervereinigung ging es beim VEB GUB zunächst drunter und drüber. 1993 stieg der Rohwerke-Fabrikant France Ebauches ein, um sich selbst zu sanieren. 1994 schloss die Treuhandgesellschaft einen Vertrag mit Heinz W. Pfeifer und Alfred Wallner. Die fränkischen Unternehmer brachten Ruhe in das Unternehmen und setzten auf neue, zuverlässige Mechanik-Kaliber.

    Am 31. Dezember veräußerten sie 51 Prozent des Aktienkapitals an die schweizerische Aureus Private Equity. Seit Oktober 2000 befindet sich die Manufaktur mit einer Fertigungstiefe von gut 95 Prozent im Eigentum der Bieler Swatch Group und fertigt alle Arten von Uhrwerken bis hin zu Chronographen, Tourbillons, Weltzeit-Mechanismen und Kalendarien unter eigenem Dach.

    Wer hat den größten Aufstieg erlebt?
    Bei Nomos Glashütte sprechen Zahlen für den Erfolg: Allein in den Jahren 2013, 2014, 2015 und 2018 konnte die 1990 von Roland Schwertner gegründete Manufaktur ihren Umsatz und die jährlich produzierten Stückzahlen mindestens verdoppeln. Beredter Ausweis für vorzügliches Handeln ist auch die Bonität: Schon fünf Mal in Folge hat die Deutsche Bundesbank das Prädikat „notenbankfähig“ verliehen, was einem „AA+“ bei Ratingagenturen gleichzusetzen ist und somit niedrige Kreditzinsen bei Investitionen garantiert.

    Mehr als elf Millionen Euro hat Nomos Glashütte während sieben Jahren allein in die Entwicklung des sogenannten „Swing“-Systems gesteckt. Dahinter verbirgt sich ein eigenes Assortiment. Das für mechanische Armbanduhren, und nur solche offeriert Nomos Glashütte seit 1992, essenzielle Set bestehend aus Unruh, Unruhspirale, Anker und Ankerrad beschert dem Unternehmen die beabsichtigte Unabhängigkeit von Schweizer Lieferanten. Einzig die Rohspiralen fertigt Nomos Glashütte nicht selbst.

    In welchen Uhrwerken das eigene System „swingt“, geht aus der mit DUW (Deutsche Uhrenwerke Nomos Glashütte) eingeleiteten Kaliberbezeichnung hervor. Hinsichtlich der produzierten Stückzahlen kann Nomos heute als die deutsche Nummer eins gelten. Alle Uhrwerke, egal ob mit manuellem oder automatischem Aufzug, entstammen eigener Manufaktur. Und die ist zu vergleichsweise günstigen Preisen zu haben. Klassiker und Ikone seit der ersten Stunde ist die schnörkellose, ans Bauhaus-Design erinnernde „Tangente“.

    Zu den weiteren Uhrenherstellern mit Manufakturanspruch oder exklusiven Kalibern gehören in Glashütte auch Moritz Grossmann, Nautische Instrumente Mühle, Tutima Glashütte und die Wempe Chronometerwerke. Letztgenannte machen ihrem Namen auch dadurch alle Ehre, dass sie nach längerer Pause in amtlichem Auftrag wieder eine „Offizielle Deutsche Chronometerprüfung“ durchführen. Selbiger müssen sich ausnahmslos alle Armbanduhren mit der Signatur Wempe unterziehen.

    Moritz Grossmann strebte von Beginn an eine Position im oberen Luxusbereich an. Hier werden selbst die verwendeten Zeiger unter dem eigenen Dach gefeilt und poliert. Mühle und Tutima fahren eine gemischte Strategie, indem sie neben aufgewerteten Schweizer Uhrwerken auch selbst entwickelte und gefertigte Kaliber offerieren. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis wird dabei großgeschrieben.

    Und das ist noch nicht alles: Seit 2001 fertigt Lang & Heyne im benachbarten Dresden exklusive Armbanduhren. Das Mitglied der Tempus-Arte-Gruppe, welche auch über die Münchner Firma Leinfelder und die Uhren-Werke-Dresden gebietet, produziert jährlich weniger als 100 Zeitmesser auf sehr hohem uhrmacherischen Niveau. Dementsprechend ist es auch um die verlangten Preise bestellt.

    Und wie ist es um das Preis-Leistungsverhältnis deutscher Uhren generell bestellt?
    Wer Spaß hat an einer mechanischen Uhr aus Sachsen, kann sein Handgelenk ab etwa 1000 Euro entsprechend zieren. In dieser Preisregion starten die Produkte von Mühle und Nomos. Made in Germany und mehr als 50 Prozent Glashütter Wertschöpfung sind dabei garantiert. Nach oben ist das Preisspektrum beinahe offen.

    Ein Uhrenklassiker der Manufaktur aus Sachsen. Quelle: Glashütte
    Nomos Tangente

    Ein Uhrenklassiker der Manufaktur aus Sachsen.

    (Foto: Glashütte)

    Unverzügliche Wertsteigerung darf man wie bei allen Uhren, welche es sofort und unlimitiert beim Fachhandel oder im Internet zu kaufen gibt, nicht erwarten. Aber auch bei limitierten Modellen ist das nicht unbedingt der Fall. Wer jedoch die nötige Zeit mitbringt und auf Klassiker setzt, kann, wie die Charts der „Lange 1“ und Nomos „Tangente“ zeigen, sein Investment eines Tages wieder hereinspielen. Ein bemerkenswert gutes Preis-Leistungs-Verhältnis zeichnet übrigens auch viele tickende Produkte aus dem übrigen Deutschland aus.

    Welche anderen Marken gibt es außerhalb Glashüttes denn noch zu entdecken?
    Manufakturarbeit und eine exklusive Silizium-Unruhspirale zeichnen etliche Modelle des in Regensburg beheimateten Familienunternehmens Damasko aus. Dornblüth & Sohn in Kalbe nutzt bekannte und bewährte Basis-Handaufzugskaliber aus dem Hause Unitas/Eta. In Kalbe werden diese in kleinen Stückzahlen sorgfältig veredelt und in klassisch runde Gehäuse verpackt.

    Durch Direktvertrieb oder ein Depotsystem können die Firmen Sinn Spezialuhren in Frankfurt oder der im Schwarzwald beheimatete Chronographenspezialist Hanhart ihre Produkte relativ preisgünstig anbieten. Sinn offeriert unter anderem Armbanduhren für spezielle Einsatzzwecke.

    An der Spitze stehen die exklusiven Meisterbund-Modelle, welche einer Kooperation mit den Uhren-Werken-Dresden (UWD) entspringen. Hanhart knüpft beispielsweise an das Erbe als Lieferant der deutschen Luftwaffe an. Zu den Markenzeichen gehört ein roter Chronographendrücker. Dessen Geschichte beginnt mit der besorgten Gattin eines Kampffliegers. Damit er den Flyback-Drücker nicht versehentlich betätigte, färbte sie das Teil mit rotem Nagellack ein.

    Nicht weit entfernt von Hanhart, im württembergischen Schramberg, ist Junghans seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu Hause. Im Spitzenjahr 1904 produzierte Deutschlands größter Uhrenhersteller 4,2 Millionen Zeitmesser. Noch 1956 rangierte Junghans auf dem Gebiet offiziell geprüfter Zeitmesser fürs Handgelenk weltweit hinter Rolex und Omega auf Platz drei. Davon ist das Familienunternehmen heute weit entfernt.

    Von November 2000 bis 2008 hieß der Junghans-Eigentümer Egana, ein Uhren- und Schmuck-Multi mit Firmensitz in Hongkong. Nach einer Insolvenz der chinesischen Mutter gelangten der Unternehmer und Politiker Hans-Jochem Steim und sein Sohn Hannes an Bord.

    Eine eigene Mechanik-Manufaktur ist kein Thema mehr. Stattdessen basiert die neue Mechanik-Philosophie auf eidgenössischen Kalibern von Eta und Sellita, teilweise aufgewertet mit Modulen des Spezialisten Dubois-Dépraz. Wichtigster Markt ist Deutschland mit rund 450 Verkaufspunkten, von denen manche aber nur noch aus alter Verbundenheit existieren. Zu den Bestsellern gehört schon seit 1997 die schlichte, aber zeitlose Uhrenlinie „Max Bill by Junghans“. Das Handaufzugsmodell mit Stahlgehäuse gibt es für weniger als 650 Euro. Bei diesem Preis kann man fast nichts falsch machen.

    In welchen deutschen Manufakturen, die man vielleicht gar nicht auf dem Radar hat, lassen sich sonst noch interessante oder besondere Uhren entdecken?
    Philosophen unter den Uhrenliebhabern sollten dem in Münster beheimateten Familienunternehmen MeisterSinger etwas nähertreten. Es setzt auf Zeitmesser mit nur einem Zeiger, wie es vor vielen Jahrhunderten schon der Fall war. Zusammen mit der Bieler Firma Synergies Horlogères entwickelte MeisterSinger die exklusiven Circularis-Kaliber. Sie sind mit manuellem (MSH) oder automatischem Aufzug (MSA) erhältlich und bieten nicht alltägliche Mechanik zu einem moderaten Preis.

    In Corona-Zeiten gewinnt das traute Heim einen neuen Stellenwert. Eine gemächlich tickende Wanduhr sorgt dort definitiv für Atmosphäre. Und auch auf diesem Gebiet hat Deutschland einiges zu bieten. In München fertigt Erwin Sattler Pendeluhren nahezu aller Größen.

    Wer selbst einmal Uhrmacher sein möchte, keine zwei linken Daumen und ein Mindestmaß an Gespür für technische Zusammenhänge mitbringt, kann sich einen der Mechanica-Uhrenbausätze M1 bis M4 bestellen. Im Karton findet sich alles, was es zur Montage des eigenen Kunstwerks braucht. Die Qualität der Komponenten muss keinen Vergleich mit den fertigen Pendeluhren der Manufaktur scheuen.

    Hundertprozentige Manufakturarbeit liefert schließlich auch Matthias Naeschke aus Haigerloch. Der Langläufer „NL126 RH“ trägt seinen Namen völlig zu Recht. Das Rostpendel zur Kompensation von Temperaturschwankungen misst 1,77 Meter. Nur einmal im Jahr müssen die Besitzer das Gewicht in die Höhe ziehen.

    Das durchbrochene Uhrwerk besitzt eine spezielle „Drops“-Ankerhemmung und zwölf Präzisionskugellager. Gäste werden ihre Blicke nur schwer von diesem majestätischen Objekt wenden können. Man sieht jedenfalls: Auch Deutschland hat jede Menge Zeit.

    Mehr: Lesen Sie hier Folge vier der Kolumne: Fünf Regeln für den Kauf alter Uhren

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