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Kolumne: Zeit ist Geld Welche Uhren aus Asien auch für Sammler interessant sind

Uhrenexperte Gisbert L. Brunner erklärt die Besonderheiten des japanischen Uhrenmarkts. Dort werden nicht nur billige Quarz-Geräte produziert.
28.08.2020 - 14:50 Uhr Kommentieren
Die Geschichte der japanischen Seiko-Uhren reicht bis ins Jahr 1881 zurück. Quelle: Bloomberg
Marke mit Historie

Die Geschichte der japanischen Seiko-Uhren reicht bis ins Jahr 1881 zurück.

(Foto: Bloomberg)

Wer im deutschsprachigen Raum nach einem echten Experten für Uhren sucht, kommt an Gisbert L. Brunner nicht vorbei. Der mittlerweile pensionierte bayerische Beamte hat Hunderte von kostbaren Zeitmessern gesammelt, aber auch Dutzende von Büchern über die unterschiedlichsten Marken geschrieben.

Im siebten Teil der Kolumne „Zeit ist Geld“ erklärt Brunner die Besonderheiten des asiatischen Uhrenmarkts, wo nicht nur billige Quarz-Geräte produziert werden.

Haute Horlogerie aus Fernost – gibt’s das überhaupt?
Mit Haute Horlogerie in Asien oder anderen Teilen der Welt ist das tatsächlich so eine Sache. Als wirklich namhafte, zuverlässige und langlebige Mechanik-Marke in der High-End-Liga, die ihre Produkte zudem auch in Europa anbietet, fällt mir nur Seiko ein. 

Eine Marke mit Historie?
Die Geschichte des chronometrischen Global Players reicht sogar zurück bis 1881. Damals gründete der 22 Jahre alte Kintaro Hattori in Tokio eine Firma, die sich später zum größten Uhrenhersteller der Welt entwickeln sollte. Danach dauerte es allerdings 43 Jahre, bis der Markenname Seiko überhaupt erstmals auf dem Zifferblatt einer Uhr verwendet wurde und so die Welt der Zeitmessung erobern konnte. In der japanischen Sprache bedeutet Seiko nichts anderes als „genau“. Bei vielen Europäern gilt der japanische Uhrengigant traditionsgemäß als Massenhersteller.

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    Stimmt’s etwa nicht?
    Doch. Jährlich verlassen mehr als 350 Millionen Uhrwerke und über 16 Millionen Fertiguhren die verschiedenen Fabrikationsstätten. Wirklich enorme Zahlen! In diesem Umfeld gerät freilich gerne in Vergessenheit, dass Seiko alle benötigten Komponenten, von der winzigen Unruhspirale bis hin zu den Zeigern, Zifferblättern, Gehäusen, Saphirgläsern und Schmiermitteln, selber produziert.

    In den 1950er-Jahren dominierte Seiko den Heimatmarkt bei dortigen Genauigkeitswettbewerben. Der Grund: intensive und kontinuierliche Verbesserung der Qualität eigener Handaufzugskaliber. Zum Beispiel gewann die Seiko Marvel von 1956 bei Genauigkeitstests des Central Inspection Institute of Weights and Measures of Japan problemlos die ersten neun Plätze. Das verwendete Handaufzugskaliber mit Zentralsekunde musste sich in technischer Hinsicht keinesfalls hinter einer vergleichbaren Omega 30T2, Peseux 260 oder Zenith 135 verstecken. 

    Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Seiko und Grand Seiko?
    Das erwähnte Handaufzugswerk wurde aufgrund seiner außergewöhnlichen Qualität in optimierter Form als 3180 in die ersten Grand Seiko Chronometer eingebaut. Just im Jahr 1960, als die japanischen Genauigkeitswettbewerbe endeten, startete diese Marke. Folglich feiert das fernöstliche Spitzenprodukt dieses Jahr seinen 60. Geburtstag. Im Zuge der 1969 ausgelösten Quarzrevolution erlebte sie wie viele andere zwar erst mal eine Abkehr von der traditionellen Mechanik. 1975 brachte sogar eine vorübergehende Einstellung der Grand Seiko, welche im Land der aufgehenden Sonne echten Kultstatus besaß und auch heute wieder besitzt.

    In Europa konnte die Produktlinie wegen außerordentlich hoher Preise und einer diesbezüglich unterentwickelten Vertriebsstruktur nicht punkten. Echte Fans und Freaks brachten ihr Exemplar aus Japan mit. An dieser Tatsache änderte sich auch nach 1988 nur wenig, als steigende Nachfrage in Japan zu einer Renaissance führte. Zehn Jahre lieferten hauptsächlich oszillierende Quarze den Zeittakt.

    Aber dann kehrte doch die gute alte Mechanik zurück. An Verkaufspunkte in Europa dachte das japanische Management weiterhin nicht. Die relative geringe Stückzahl, die sich traditionsgemäß im Promille-Bereich der Gesamtproduktion des Hauses Seiko bewegte, reichte gerade einmal zur Versorgung des Heimatmarkts.

    Gibt’s mittlerweile auch hierzulande Shops der Marke?
    Seit 2015 und dem 55. Geburtstag der „Grand Seiko“, welche die japanische Traditionsmanufaktur als eigene Marke führt, sind Armbanduhren mit dieser Signatur auch auf dem europäischen Kontinent präsent. Seit Kurzem gibt es in Paris sogar eine eigene Europazentrale.

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren. Quelle: Privat, Patek Phillippe
    Der Autor

    Gisbert L. Brunner ist Experte für kostbare Uhren.

    (Foto: Privat, Patek Phillippe)

    Gut Ding braucht freilich Weile. Nur wenige der potenziellen Kunden begreifen den Spagat zwischen preisgünstig und angemessen teuer. Schließlich tragen die Zifferblätter da wie dort den Namen Seiko. Die Bedeutung des zusätzlichen Wortes „Grand“ und die dadurch erzeugte Verknüpfung mit höchster Uhrmacherkunst ist in vielen Köpfen noch nicht so recht angekommen.

    Auch weiß kaum jemand, dass Seiko in Morioka, 500 Kilometer nordöstlich von Tokio, eine spezielle Fabrikationsstätte unterhält. Dort entsteht das Feinste, was Japans Uhrenindustrie zu bieten hat. Die Uhrwerke, man höre und staune, sind in einem Ausmaß handgefertigt, das man in der Schweiz vielerorts nicht mehr findet. Die Gehäuse bestechen durch eine aufwendige „Zaratsu“-Handpolitur.

    Und die amtliche Schweizer Chronometernorm wird von jenen Uhrwerken, die sich in den neuen „Grand Seiko“-Modellen finden, sogar noch unterboten. Die akzeptierte Toleranz bewegt sich im statischen Zustand zwischen minus drei und plus fünf Sekunden täglich. Daher verdient die „Grand Seiko“ durchaus Beachtung. Fürs verlangte Geld bieten die solcherart signierten Armbanduhren nämlich einiges.

    Und was gibt’s zum Jubiläum?
    Zum 60. Geburtstag präsentiert Seiko unter anderem ein neues Automatikmodell. Die auf 1500 Exemplare limitierte Referenz SBGH281 kostet 6200 Euro. Erkennbar ist sie am blauen Zifferblatt, am roten Sekundenzeiger und an der gleichfarbigen Beschriftung. Letztere weist auf hochfrequente Oszillationen der Unruh des Automatikkalibers 9S85 hin. Die Vorteile von stündlich 36.000 Halbschwingungen bestehen unter anderem in geringer Empfindlichkeit gegenüber Stößen und Lageveränderungen.

    „Spron 530“ nennt sich die moderne, hinsichtlich ihrer thermischen, magnetischen und schockresistenten Eigenschaften deutlich optimierte und selbstverständlich unter dem eigenen Dach gefertigte Unruhspirale. Anker und Ankerrad entstehen im fotolithografischen MEMS-Verfahren (Micro Electro Mechanical Systems). Die Verwendung von Silizium lehnt Seiko unter anderem wegen der inhärenten Bruchgefahr derzeit noch konsequent ab.

    Und sonst gibt es in Asien nichts zu entdecken?
    Von einem derartigen Mechanik-Niveau ist Citizen, ein weiterer japanischer Uhrengigant, jedenfalls weit entfernt. Nichts Geringeres, als dass die Erzeugnisse des 1918 ins Leben gerufenen Shoko‑Uhrenforschungsinstituts „von allen Bürgern geschätzt und immer gerne genutzt werden“, wünschte sich damals ein gewisser Shinpei Gotho. Der Name Citizen, zu Deutsch „Bürger“, sollte seinen Wunsch unterstreichen.

    Deshalb kann besagter Herr Gotho, der von 1911 bis 1925 in Tokio Bürgermeister war, als Taufpate der Uhrenmarke Citizen gelten. Allerdings stand das Thema Uhr beim Shoko‑Institut zunächst lediglich im Forschungsprogramm. Erst im Dezember 1924 gingen tatsächlich auch Zeitmesser in Gestalt von signierten Taschenuhren an den Start. Bis zur Gründung der Citizen Watch Co. Ltd. in Tokio zogen weitere sechs Jahre ins Land.

    Und wie ging’s dann richtig los?
    Am 28. Mai 1930 legte Yosaburo Nakajima das Fundament für ein weltumspannendes Uhren‑ und Handelsimperium. Innovativ zeigte sich die Citizen Watch Co. von Anbeginn. Allerdings ging das Management zunächst eher diskret mit Neuerungen um. 1956 präsentierte Citizen die „Parashock“ als erste japanische Armbanduhr mit Stoßsicherung. 1958 folgte der erste Armbandwecker fernöstlicher Provenienz. 1959 wurde die wasserdichte „Parawater“ präsentiert, 1966 die „X-8“, Japans erste Elektronik-Armbanduhr.

    Von diesem Zeitpunkt an stand Elektronik im Mittelpunkt der Citizen‑Zeitmessung. Japanische Stimmgabeluhren gelangten 1971 durch eine Kooperation mit Bulova auf den Markt. Citizens erste Quarz-Armbanduhr folgte 1973. LCD-Quarzuhren mit Wecker und erste Analog‑Quarzuhren mit Solarmodul waren 1976 verfügbar. 1980 stand im Zeichen des ersten japanischen LCD‑Chronographen (1/100 Sek.) sowie der kleinsten Analog‑Quarzuhr für Damen.

    1982 gelangte die flachste, bis 100 Meter wasserdichte Armbanduhr, 1985 die erste Taucherarmbanduhr mit elektronischem Tiefenmesser auf den Markt. Als gegenwärtiger Superlativ kann die „Eco-Drive One“ gelten. Bei ihr handelt es sich um die flachste Armbanduhr mit elektronischem Innenleben und Solartechnologie. Das Uhrwerk baut nur einen Millimeter hoch. Pro Monat geht es etwa 15 Sekunden falsch.

    Mechanische Uhrwerke im Einsteigerbereich und in Millionenauflage auch für die Dritte Welt bietet die Tochter Miyota. Zu den bekannten Automatikkalibern gehört das teilweise auch von europäischen Marken verbaute Kaliber 8315. Seine Ganggenauigkeit bewegt sich im breiten Spektrum zwischen minus 20 und plus 40 Sekunden pro Tag. Das Premiumprodukt mit Selbstaufzug, 9015 genannt, bringt es auf eine tägliche Gangabweichung im Bereich zwischen minus 10 und plus 30 Sekunden. Von offiziellen Chronometernormen sind diese Werke also weit entfernt.

    Hat China dem irgendetwas entgegenzusetzen?
    Wer sich ein echtes mechanisches Tourbillon für deutlich weniger als 1000 Euro ans Handgelenk legen möchte, wird bei chinesischen Produzenten durchaus fündig. Oder bei europäischen Marken, die ihre Zeitmesser im Reich der Mitte produzieren lassen. In Peking, Schanghai oder anderen chinesischen Metropolen findet man sogar Doppeltourbillons und andere Komplikationen wie etwa retrograde Anzeigen zu sehr moderaten Preisen.

    Allerdings wage ich vorsichtig zu bezweifeln, ob derartige Anschaffungen für lange Zweisamkeit taugen. Niemand weiß, was im Fall eines Defekts passiert, der sich in einigen Jahren einstellen könnte. Auch um das Renommee dieser Marken ist es nicht sonderlich gut bestellt. Hinzu gesellt sich der Ruch des Epigonentums und fortwährender Produktpiraterie. Zum Beispiel wird in China inzwischen das Chronographenkaliber 4130 von Rolex nahezu komplett kopiert.

    Allein beim Gangregler scheiden sich noch die Geister. Die damit erzeugten „Daytonas“ lassen sich äußerlich nur noch schwer von den Originalen unterscheiden. Von solchen Armbanduhren würde ich ganz persönlich die Finger lassen und mir lieber ein preisgünstiges Produkt europäischer oder japanischer Provenienz kaufen. Falsche Uhren sind in meinen Augen etwas für falsche Zeit-Genossen, auch „Mehrscheiner“ genannt.

    Mehr: Lesen Sie hier Folge sechs der Kolumne: Ewige Kalender – wo Zeit wirklich kostbar wird

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