Städteranking „Global City Power Index“: Warum Berlin die lebenswerteste Stadt der Welt ist
Die deutsche Hauptstadt ist bei der Lebensqualität die Nummer eins der Welt.
Foto: dpaTokio. Wer glaubt, dass der Brexit Londons Anziehungskraft brechen könnte, muss umdenken. Das wenigstens ist die Botschaft einer globalen Vergleichsstudie von 44 Weltstädten.
Brexit hin oder her, im renommierten „Global City Power Index“ der japanischen Mori Memorial Foundation festigt die Metropole an der Themse ihre Führung vor New York, Tokio und Paris. Auf Platz acht rangiert Deutschlands Hauptstadt Berlin, die als globaler Führer in der Rubrik „Lebenswert“ fast noch Seoul überholt hätte.
Nicht einmal ein Nach-Brexit-Kater dürfte London vom Thron stürzen, den die Stadt mit den Olympischen Spielen 2012 von New York erobert hat. „Wir haben simuliert, was eine Nach-Brexit-Krise für London bedeuten würde“, erklärt Mariko Matsuda, Wissenschaftlerin am Institute of Urban Strategies der Mori-Stiftung, die im Gedenken an Minoru Mori gegründet wurde, dem verstorbenen Chef des großen Tokioter Immobilienentwicklers Mori Building.
Die Antwort ist ein Dämpfer für die anderen Weltmetropolen: „London wäre noch immer die Nummer Eins, und zwar wegen der umfassenden Führungsrolle“, sagt Matsuda. „Gerade die kulturelle Attraktion wäre nicht von einem wirtschaftlichen Abschwung betroffen.“ Und da ist London laut dem Index der Stiftung mit Abstand Weltspitze.
Für den Index vergleichen die Wissenschaftler seit 2008 mehr als 100 Kriterien, die in sechs große Bereiche aufgeteilt sind: Wirtschaft, Forschung und Entwicklung, kulturelle Interaktion, Lebensqualität, Umweltschutz und Erreichbarkeit. Bei den ersten beiden Aspekten und der Verkehrsanbindung ist London unter den Top 3. Aber bei der kulturellen Interaktion führt die Stadt an der Themse mit 371,8 Punkten deutlich vor New York, das „nur“ auf 276,9 Punkte kommt.
Trotz Brexit ist die britische Hauptstadt die attraktivste Stadt der Welt.
Foto: dpaDie Anziehungskraft der Stadt bestimmtem besonders Indikatoren wie die Zahl von Weltklasse-Kulturevents. New York hingegen punktet besonders bei kreativen Aktivitäten und der reinen Zahl von Theatern und Konzerthallen, Paris bei den Museen. Tokio wiederum ist top in materialistischen Ausdrücken unserer Kultur wie Shopping und Dining-Optionen. Kein Wunder: In keiner Stadt der Welt hat der Guide Michelin mehr Sterne an Restaurants vergeben als in Japans Hauptstadt.
Berlin wiederum darf sich derzeit wenigstens Weltmeister des Standards „Lebenswert“ nennen. Dabei misst Moris Institut für urbane Strategien Faktoren wie Arbeitszeiten, Jobzufriedenheit, gesellschaftliche Freiheiten, wirtschaftliche Gleichheit, Zahl der Ärzte, Mieten und Hauspreise.
Ein anderer Pluspunkt der deutschen Hauptstadt ist das Umfeld für Start-ups, bei dem sich Berlin nach diesem Index nur San Francisco geschlagen geben muss. Die Verkehrssituation und -anbindung (Platz 29) und die Wirtschaftsdaten (Platz 26) verhindern, dass Berlin in diesem globalen Kräftemessen näher an die Spitzengruppe heranrückt.
Auch eine andere deutsche Weltstadt schneidet nicht schlecht ab. Hier geht es allerdings mal nicht um München oder Hamburg: Die Japaner messen nur Frankfurt. Und die Mainmetropole liegt in punkto Lebenswert hinter Berlin, Amsterdam, Toronto, Barcelona und Madrid immerhin auf dem sechsten Platz. Insgesamt ist Frankfurt allerdings vom zwölften auf den 15. Platz abgerutscht. Das liegt nicht daran, dass sich die Stadt nicht verbessert. Aber andere Städte haben in diesem Index Frankfurt schlicht überholt.
Die größte Megacity der Welt schneidet im Index schlechter ab als erhofft.
Foto: dpaDie große Enttäuschung für die Japaner ist das Abschneiden Tokios. Gerade der Vater des Global City Power Index, der ehemalige Professor für Stadtplanung und Stiftungsdirektor Hiroo Ichikawa, hatte angenommen, dass Tokio wie London die Olympischen Spiele im Jahr 2020 als Start für eine Aufholjagd nutzen könnte.
Voriges Jahr hatte die größte Megacity der Welt auch die Lücke zu New York verkleinert. „Doch Tokio hat nicht so viel durch die Vergabe der Olympischen Spiele zugelegt, wie wir erwartet haben“, erklärt die Städteplanerin Matsuda.
New York hingegen machte einen riesigen Satz. Diese Entwicklung ist zum Teil der Steuersenkung von US-Präsident Donald Trump und dem Wirtschaftswachstum in den USA zu verdanken. Aber auch die Änderung bei den Indikatoren spielte eine wichtige Rolle.
Chinas Metropolen rutschen ab
So haben die Bewerter dieses Mal eher erbsenzählerische Werte wie Bürofläche pro Mitarbeiter durch qualitative Kriterien ergänzt, die auf einen Wandel der Arbeitskultur hindeuten. Dazu zählt das Angebot von Gemeinschaftsbüros vom Schlage WeWork. Und in New York belegt WeWork bereits mehr Fläche als alle anderen Konzerne.
Auch für andere asiatische Metropolen ist der neue Fokus auf moderne Lebens- und Arbeitswelten eine Bremse. Gerade Chinas Metropolen Peking und Schanghai sind im Vergleich zum Vorjahr um zehn auf den 23. und 25. Platz abgerutscht. Ein Faktor sei das langsamere Wachstum, sagt Matsuda. „Aber sie haben langsamer als andere Städte neue Welttrends in der Lebens- und Arbeitswelt aufgegriffen.“
Die ersten zehn Städte des Rankings: 1. London, 2. New York, 3. Tokio, 4. Paris, 5. Singapur, 6. Amsterdam, 7. Seoul, 8. Berlin, 9. Hongkong, 10. Sydney.