Buchkritik: Was die Gesellschaft der Zukunft Computern nicht überlassen kann
Bildung ist der Schlüssel zu freiem Unternehmertum, sagt Harald Christ.
Foto: dpaMittelständische Unternehmen sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Sie stehen für innovative Entwicklungen. Hier wird getüftelt, erprobt und verbessert. Während die Giganten global protzen und die Welt über ihren Kamm scheren, gehen ausgereifte Produkte aus dem Sauer- oder Siegerland geduldig ihren Weg, nicht selten vom tollkühnen Start-up zum heimlichen Weltmarktführer.
Oft sind es Familienbetriebe in dritter oder vierter Generation. Der Chef kennt seine Mitarbeiter und möchte, dass es ihnen gut geht. Die Kunden wissen: Hier gilt das gesprochene Wort nicht weniger als der unterschriebene Vertrag. Harald Christs neues Buch ist ein Who‘s who für Firmen ebenjener Kategorie, ihre Gesichter und ihre Geschichten.
Christ zählt sich selbst dazu. Sein Weg nach oben war ein Aufstieg aus eigener Kraft. Arbeiterhaushalt. Kein Abitur, kein Studium, aber begabt, interessiert, engagiert. Nach der Hauptschule Übergang zur Wirtschaftsfachschule. Solide Ausbildung als Industriekaufmann. Seine Erfolge – auch seine Narben – sind selbst und ehrlich erworben.
Er versteht seine Entfaltung als sozialdemokratisch begründet. Bei ihm löste die Partei ihr Aufstiegsversprechen ein. Aber er wollte ganzheitlich denken, sich mit erkannten Defiziten nicht abfinden und auch die Rosse wechseln, wenn sie unbedingt in die Sackgasse wollten.
„Zukunftsfest“. Sein Buch weckt Sympathie. Es hat Gewicht, weil es eben nicht die Erörterung akademischer Theorien versucht, sondern praxisnahe Beobachtungen und Erkenntnisse sammelt mit der Empathie eines Verteidigers bedrohter Arten. Er fordert vom Leser keine Gefolgschaft, aber ehrliches Abwägen. Er rechnet vor und ab, wenn Chancen vergeudet werden und Talente brachliegen.
Drei Faktoren sind entscheidend: Bildung, Bildung, Bildung. Die Wissensgesellschaft der Zukunft kann vieles dem Kollegen Computer überlassen. Eines nicht: das Lernenlernen. Ohne Bildung und – ebenso wichtig – Ausbildung keine gedeihliche Zukunft. Die Soziale Marktwirtschaft ist und bleibt das „Möglichkeitsfeld der offenen Chancengesellschaft“. Freies Unternehmertum und soziale Verantwortung sind nicht Gegensatz, sondern Junktim.
Christ schreibt parteiübergreifend. Er pendelt zwischen den Welten Politik, Wirtschaft, Bildung. Seine „Stiftung für Demokratie und Vielfalt“ forscht, verbindet und verknüpft. Er argumentiert breit und vielseitig mit Erfahrungen aus dem sozialdemokratischen Parteibetrieb und Schattenkabinett des Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier.
Richtig angekommen ist er jedoch erst bei den Liberalen. Nun kann er aufschreiben, was er immer schon gedacht hat. Bundesschatzmeister der FDP will er dennoch nicht mehr lange bleiben. In der neuen SPD, die pragmatisch agiert, hätte er wohl auch eine wichtige Rolle spielen können.
Aus deren Reihen gab es ja eine Reihe von Reformvorstellungen – ich weiß, wovon ich spreche, die vor 30 Jahren entwickelt und aufgeschrieben wurden. Sie liegen nicht beim alten Eisen! Man könnte – in heutiger Kulisse – das gleiche Stück auf den Spielplan setzen. Es wäre nicht nostalgisches Remake, sondern immer noch nahrhaft, gültig und „zukunftsfest“.
Am Freitag übergibt Harald Christ sein Buch in Berlin der Öffentlichkeit. Es liest sich als Autobiografie des Autors. Es ist gelebte Erfahrung als die Frucht forschenden Nachdenkens. Auch seine politischen Forderungen sind Werdegang. Man bezweifelt vielleicht die eine oder andere These, aber man glaubt dem Verfasser.
Rat an den Autor, es am 3. Februar 2047, dem Morgen seines 75. Geburtstags, wieder hervorzuholen. Wenn er dann feststellt, dass auch nur 25 Prozent seiner Forderungen Realität wurden, dann dürfen er und sein Land von einer Erfolgsstory sprechen. Dann wird vergessen oder unterschlagen, wie schwer es war, immerhin so weit zu kommen.