Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Buchtipp: „The Office“ Warum ein scheinbar ödes Kleinstadtbüro die Amerikaner seit 15 Jahren nicht loslässt

Ein Buch erzählt, wie die amerikanische „Stromberg“-Variante zum ewigen Serienliebling wurde – und selbst Steve Jobs und Warren Buffett zu Fans machte.
07.05.2020 - 15:35 Uhr Kommentieren
Die sechs ins Deutsche übersetzten Staffeln gibt es auf Amazon Prime Video. Quelle: imago/Cinema Publishers Collection
Szene aus „The Office“

Die sechs ins Deutsche übersetzten Staffeln gibt es auf Amazon Prime Video.

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

San Francisco Es ist Billie Eilishs „seltsame Sucht“. Die 18-jährige Sängerin, der größte Popstar des Moments, ist besessen von der Serie „The Office“. „Ich schaue es auf dem Smartphone, wenn ich morgens aufstehe. Wenn ich ins Bad und aufs Klo gehe. Wirklich ständig“, sagt Eilish, die im vergangenen Jahr fünf Grammys in allen wichtigen Kategorien gewonnen hat.

In einem Song auf ihrem ausgezeichneten Album hat sie sogar Dialoge aus der Serie gesampelt, er heißt „My Strange Addiction“. Zwölfmal habe sie die Serie von Anfang bis Ende gesehen, sagte Eilish im Mai 2019. Alle neun Staffeln, 201 Folgen, fast 100 Stunden.

Vielleicht ist es nicht bemerkenswert, dass Eilish einer Sitcom auf Netflix verfallen ist – bemerkenswert ist eher, dass die Serie fast so alt ist wie sie selbst. „The Office“ lief am 24. März 2005 an. Sie machte Steve Carell als den kindlich-trotteligen Filialmanager Michael Scott zum Weltstar und begründete Karrieren wie die von John Krasinski („Jack Ryan“, „A Quiet Place“).

Nicht nur Eilish ist „Office“-Superfan – ganz Amerika ist es. Jahre nachdem die letzte neue Folge ausgestrahlt worden war, war „The Office“ immer noch die meistgestreamte Serie in der Netflix-US-Bibliothek. 100 Millionen Dollar pro Jahr zahlte Netflix an den US-Sender NBC, der die Serie einst produziert hatte. Trotzdem holte NBC „The Office“ für seinen Streamingdienst „Peacock“ zurück.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zum 15. Geburtstag der Serie hat nun „Rolling Stone“-Autor Andy Greene ein Buch über das Phänomen „The Office“ geschrieben. Darin lässt er vor allem die Schauspieler, Autoren, Produzenten und Kritiker zu Wort kommen. Es lehrt viel über das Fernsehen im Streamingzeitalter, über Lagerfeuer-Erlebnisse in einer individualisierten Fernsehwelt. Über den Zauber des scheinbar so langweiligen Büros, in das sich in Coronazeiten so viele zurücksehnen. Und über Humor, so universell, dass ein Teenager ohne jede Nostalgie davon genauso gefesselt ist wie seine Eltern.

    Andy Greene: The Office – The Untold Story of the Greatest Sitcom of the 2000s.
    Dutton, E.P.
    464 Seiten
    25,99 Euro

    So lohnt sich das Lesen des Buchs auch für deutsche Leser, die die Serie vielleicht noch nicht kennen. Denn anders als etwa „Die Simpsons“ oder „Friends“ gaben die deutschen Sender „The Office“ nie eine große Chance: Nur zwei Staffeln lang lief sie als „Das Büro“ auf Super RTL. Deutschland hatte bereits „Stromberg“, die fiesere Schwesterserie, die viele Merkmale, aber wenig von dem Geist des amerikanischen Pendants hat.

    Beide stammen vom britischen Original „The Office“ ab. Inspiriert von den frühen Reality-Show-Formaten führten der Comedian Ricky Gervais und sein Partner Stephen Merchant darin den Mockumentary-Stil in die Sitcom ein: Ein Fernsehteam verfolgt mit einer teils wackeligen Handkamera den Alltag von Angestellten eines drögen Büros in einer drögen Branche, die mit den Eskapaden ihres furchtbaren Chefs leben müssen und in Einzelinterviews die Realität ihrer seelenzerfressenden Existenz kommentieren.

    Die Ur-Serie um Gervais als David Brent, den unausstehlichen Filialmanager eines kriselnden Papiergroßhändlers im englischen Slough, endete nach zwei Staffeln. Trotzdem fand das revolutionäre Konzept Nachahmer in der ganzen Welt: von „Le Bureau“ in Frankreich bis „Os Aspones“ in Brasilien. In Deutschland bediente sich Schwestersender Pro Sieben für „Stromberg“ reichlich bei den Ideen des britischen Originals, räumte das aber erst ein, als die BBC mit einer Klage drohte.

    Für das US-Remake tat sich Gervais mit dem Greg Daniels zusammen, der schon als „Simpsons“-Autor sein Talent für Loser-Protagonisten bewiesen hatte. Damals folgten die erfolgreichen Sitcoms wie „Sex and The City“, „Friends“ oder „How I Met Your Mother“ einem bewährten Muster.

    „Friends war „eine großartige Serie, aber das Schlimmste, was Sitcoms passieren konnte“, zitiert Greene seinen Kritikerkollegen Alan Sepinwall. „Sie überzeugte jeden, dass man nicht mehr brauchte als ein paar extrem gut aussehende Schauspieler. Der Markt wurde überflutet mit Multi-Kamera-Serien über attraktive junge Menschen in New York.“

    Stargast Warren Buffett

    Anders dagegen „The Office“. Die künstlichen, eingespielten Lacher, damals eine Selbstverständlichkeit in Sitcoms, strich Daniels und ersetzte sie durch oft schmerzhaft lange Pausen, etwa wenn dem Chef mal wieder eine Pointe missglückt war. Die Serie sollte Charaktere zeigen, in denen sich durchschnittliche Amerikaner wiederfinden.

    So spielte sie in einer Filiale des kriselnden Papiergroßhändlers Dunder Mifflin, dessen Geschäft schon damals Digitalisierung und Discounter-Konkurrenten bedrohten. Schauplatz war die bröckelnde Kohle- und Stahlstadt Scranton in Pennsylvania. Bei aller Komik sind Fremdsteuerung, Angst um die Arbeitsplätze und die Sisyphus-Aufgabe, einem Sackgassen-Job in einer zunehmend überflüssigen Branche Sinn abzugewinnen, ständige Themen der Serie.

    Statt Stars wurden eher unbekannte Schauspieler gecastet. Statt dem erfahreneren Paul Rudd bekam John Krasinski die Rolle des intelligenten, aber desillusionierten Verkäufers Jim Halpert. Einzig Steve Carell hatte aus der „Daily Show“ und einer Nebenrolle in „Bruce Allmächtig“ ein einigermaßen bekanntes Gesicht.

    Die erste Folge, ein fast wörtliches Remake der britischen Pilotfolge, wurde von den Kritikern als schlechte Kopie des britischen Originals zerfetzt. Gervais“ brutaler Fremdschäm-Humor funktionierte in England besser als in den USA. Nach sechs Folgen sollte das US-Office eigentlich abgesetzt werden.

    Zur Rettung kamen zwei ganz reale Topmanager: NBC war 2004 vom Kühlschrank- und Turbinenhersteller General Electric übernommen worden, dessen Chef Jeff Immelt über Wohl und Wehe von Serien mitentschied. Im Fall von „The Office“ überstimmte er sogar NBC-Chef Jeff Zucker und verlangte eine zweite Staffel.

    Steve Jobs mochte „The Office“ so gerne, dass er Ende 2005 eine Weihnachtsfolge auf dem ersten Video-iPod vorinstallieren ließ. Überhaupt liebten die echten Chefs diese Serie, die ihresgleichen als Knallchargen darstellte: Als in einer späten Staffel ein Nachfolger für Michael Scott gesucht wird, hat ein weißhaariger Bewerber einen kurzen Auftritt, in dem er um die Höhe des Kilometergelds und das Recht auf Privattelefonate feilscht: Es ist Warren Buffett.

    Von Folge zu Folge begannen Daniels und seine Autoren, Michael Scott weitere Facetten zu geben. Scott ist mehr Wicht als Bösewicht: Als „Corporate“ ihn drängt, einen Kollegen zu entlassen, schiebt er die Entscheidung bis zum Monatsletzten hinaus – und muss das Trennungsgespräch dann im Halloween-Kostüm führen.

    „Der größte Unterschied zwischen mir und Donald Trump ist, dass mir ,You’re fired‘ zu sagen keine Freude bereitet“, sagt Scott mit Trump-Stimme über den Programmplatz-Nachbarn und künftigen Präsidenten. Scott will, dass seine Kollegen seine Freunde sind – weil er sonst keine hat.

    Ein Trottel als Hauptfigur

    „Mein Charakter ist ein Arschloch“, zitiert Greene Ricky Gervais. „Steves Charakter ist ein Trottel.“ Carells Michael Scott beginnt die Serie als Verlierertyp im mittleren Management. Er ist begeisterungsfähig, aber viel zu unreif für seinen Job. Er ist aber auch ein guter Ex-Vertriebler, der als gelebtes Peter-Prinzip in eine Führungsposition geraten ist, in die er nie gehörte.

    Wie Scott bekommen alle Hauptcharaktere eine Tiefe und Ambivalenz, die Gervais“ David Brent oder Stromberg nie erreichten. Daniels“ Naturalismus und Humanismus machen „The Office“ zu einem Denkmal für den vergessenen Kleinstädter mit unbedeutendem Job, der im Büro einen großen Teil seines Lebens verbringt. Der dort manchmal Liebe und Freundschaft, wenigstens aber Kameradschaft im Kampf mit dem öden Alltag und der gefühlten Dauerkrise des Kapitalismus findet.

    In diesen gewöhnlichen Charakteren den Witz zu finden, ohne sie zu Witzfiguren zu machen, macht die Serie zeitlos und universell. „Die peinlichen Situationen, die entstehen, wenn man mit seltsamen Leuten zusammenarbeitet, sind ein Thema, das für immer aktuell bleiben wird“, sagt J. J. Abrams, der vor seinen „Star Wars“-Filmen auch mal bei einer „Office“-Folge Regie führte.

    So erklärt sich auch das Paradox, dass eine fürs Fernsehen gedrehte, dort mittelmäßig erfolgreiche Serie das Streamingzeitalter dominiert. Das Diktat der Empfehlungsalgorithmen fördern scheinbar eher spezielle als universelle Stoffe, eher Zombie-Komödie rund um ein kalifornisches Makler-Ehepaar als eine Sitcom um ein Büro mit Alltagscharakteren.

    Darum auch gibt es nur wenige Serien, deren Humor so leicht zugänglich ist, dass man sie während des Staubsaugens auf einem zwischen zwei Finger geklemmten Smartphone ansehen und genießen kann. Die aber dennoch so subtil und durchdacht sind, dass sie auch bei der achten Wiederholung noch Geheimnisse und zweite Ebenen preisgeben – wie „The Office“.

    Für Streamingdienste sind Evergreens ein Lebenselixier. Sie halten Abonnenten bei der Stange, die sich nicht von neuer Serie zu neuer Serie hangeln wollen. Wer 100 Stunden schaut, kündigt sein Abo einige Monate nicht. Wer 100 Stunden zwölfmal schaut, bleibt einige Jahre dabei.

    Nun hat Netflix seinen „Office“-Ersatz bereits gefunden, bringt dafür alte Bekannte zusammen: Die neue Arbeitsplatz-Satire, die am 29. Mai anläuft, parodiert die im realen Leben von US-Präsident Donald Trump erdachte „Space Force“. In der Hauptrolle: Steve Carell. Produzent: Greg Daniels.

    Mehr: Filmproduktionen im Stresstest: Gehen Sendern und Streamingdiensten bald die Inhalte aus?

    Startseite
    Mehr zu: Buchtipp: „The Office“ - Warum ein scheinbar ödes Kleinstadtbüro die Amerikaner seit 15 Jahren nicht loslässt
    0 Kommentare zu "Buchtipp: „The Office“: Warum ein scheinbar ödes Kleinstadtbüro die Amerikaner seit 15 Jahren nicht loslässt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%