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Buchtipp: „Too Much and Never enough“ Neues Enthüllungsbuch von Mary Trump: Wie Donald Trump zu dem Mann wurde, der er ist

Braucht es wirklich noch ein Buch über den US-Präsidenten? In diesem Fall ja. Denn Trumps Nichte verknüpft Familienbiografie glaubwürdig mit psychologischer Analyse.
16.07.2020 - 13:53 Uhr Kommentieren
„Die Kinder waren im Grunde ohne Mutter“, schreibt Mary Trump über seine Zeit des Aufwachsens. Quelle: AFP
US-Präsident Donald Trump

„Die Kinder waren im Grunde ohne Mutter“, schreibt Mary Trump über seine Zeit des Aufwachsens.

(Foto: AFP)

Washington Der Charakter von Donald Trump brach bereits in seiner Kindheit durch, als ihm Kartoffelbrei übers Gesicht rann. Sein Bruder Fred, genannt Freddy, war 14, als Donald und er am Küchentisch stritten. Fred stülpte seinem sieben Jahre jüngeren Bruder kurzerhand eine Schüssel samt Püree über den Kopf.

„Alle im Raum brachen in Lachen aus, außer Donald“, weiß Freds heute erwachsene Tochter und einzige Nichte von Donald Trump, Mary Trump, aus Familienerzählungen zu berichten. „Es war das erste Mal, dass Donald von jemandem gedemütigt wurde, von dem er glaubte, er sei ihm eigentlich unterlegen.“ Bis heute habe Donald Trump den Vorfall nicht vergessen, schreibt sie. Selbst als Präsident im Weißen Haus habe er noch davon gesprochen.

Die Stampfkartoffel-Episode ist eine Szene von etlichen, die im Trump-Bestseller des Jahres zusammengeflochten werden. „Zu viel und nie genug: Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ heißt das Buch. In dieser Woche erschien es in den USA, Ende des Monats kommt es in Deutschland auf den Markt. Die 55-jährige Mary Trump will darin zeigen, wie Familientraumata ihren Onkel zu dem Mann gemacht haben, der er heute ist.

Ihr Fazit lautet: Donald Trumps Persönlichkeit ist das Resultat einer emotional abwesenden Mutter und eines soziopathischen Vaters. Trump sei unwissend, unfähig und „verloren in seiner Wahnvorstellung“, schreibt sie. „Sein Ego ist fragil. Es muss ständig gestärkt werden, weil er tief im Inneren weiß, dass er nichts von dem ist, was er behauptet zu sein. Er weiß, dass er nie geliebt wurde.“

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    Klingt nach Küchenpsychologie? Nur auf den ersten Blick. Mary Trumps Expertise als promovierte Psychologin verleiht dem Buch, das die Familienbiografie mit psychologischer Analyse verknüpft, Glaubwürdigkeit.

    Mary L. Trump: Too Much and Never Enough
    Verlag Simon & Schuster
    ISBN: 978-1-4711-9013-1
    240 Seiten (Englisch)
    19,99 Euro
    Die deutsche Version erscheint am 31.08.2020.

    Dabei gibt es bereits viele Versuche, das Phänomen Trump zu erklären. Über seine Karriere als Immobilienmagnat, Playboy und Betrüger wurden seit den 80er-Jahren mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben. Seit er ins Weiße Haus gewählt wurde, kamen mindestens ebenso viele Abhandlungen dazu. In den vergangenen Jahren erschien eine Flut politischer Enthüllungsbücher, von eher klatschlastigen wie „Fire and Fury“ von Michael Wolff bis zu seriösen wie „Fear“ von Bob Woodward.

    Braucht es also tatsächlich noch ein Trump-Buch? In diesem Fall schon. Mary Trump ist das erste Familienmitglied, das in dieser schonungslosen Form über den Clan schreibt. Und sie nimmt sich die Freiheit, bislang unbekannte Details zu entblößen, nach dem Motto: Wo keine Brücken sind, kann man keine mehr abbrennen. Nach einem Erbstreit entfremdete sie sich von einigen Verwandten, im vergangenen Jahr war sie die Topquelle für eine „New York Times“-Geschichte über Trumps künstlich aufgepumptes Vermögen.

    Kein Platz für Wärme

    Folgt man den Schilderungen Mary Trumps, hatten Wärme und Empathie keinen Platz im Alltag der Familie. Als ihr Vater Freddy 1981 im Sterben lag, sei Donald Trump ins Kino gegangen. Und als der Patriarch, Fred Trump senior, Alzheimer entwickelte, habe sich Donald Trump pikiert auf Familienfesten abgewandt – eine Behauptung, die der US-Präsident als Lüge zurückweist.

    Mary Trump beschreibt auch Sexismus und Anzüglichkeiten. Als sie mit 29 in Badeanzug und Shorts zum Familienlunch erschien, habe Donald Trump zur Begrüßung ihre Brüste bestaunt. Und ihr eigener Großvater habe ihr, da war sie gerade einmal zwölf Jahre, feixend das Nacktbild einer Frau in seiner Brieftasche gezeigt.

    Einige dieser Szenen werden sich genauso zugetragen, andere dürften sich durch das Weitererzählen Dritter verwaschen haben. Und bei manchen Vorwürfen ist der Wahrheitsgehalt schwer zu überprüfen. Dass Trump für seinen Aufnahmetest an der University of Pennsylvania einen inzwischen verstorbenen Kumpel bezahlt haben soll, kann man sich zwar gut vorstellen. Allerdings weist dessen damalige Ehefrau die Darstellung zurück.

    Ihre Expertise als promovierte Psychologin verleiht dem Buch Glaubwürdigkeit. Quelle: action press
    Mary Trump

    Ihre Expertise als promovierte Psychologin verleiht dem Buch Glaubwürdigkeit.

    (Foto: action press)

    Mary Trumps Buch zu lesen, das fühlt sich so ein bisschen an wie Malen nach Zahlen: Die Umrisse eines Bildes waren schon vorher klar, doch die Farbe fehlte, und die Autorin füllt sie aus. Unter anderem beleuchtet sie das Familiendrama um Trumps Mutter, Mary Anne.

    Der erste Satz des Buchs lautet: „Papa, Mama blutet!“ Donald Trumps Schwester, die damals zwölfjährige Maryanne, rief demnach um Hilfe, als sie ihre bewusstlose Mutter auf blutüberströmten Badezimmerfliesen fand. Nach der Geburt ihres fünften und letzten Kindes wäre sie fast an schweren Komplikationen gestorben.

    „Sie war die Art von Mutter, die ihre Kinder benutzte, um sich zu trösten, anstatt sie zu trösten“, schreibt Mary Trump. „Sie war emotional und körperlich abwesend. Die Kinder waren im Grunde ohne Mutter.“ Ähnlich vernichtend sind Mary Trumps Beschreibungen des Vaters von Donald Trump. Fred Trump senior sei ein gefühlloser, herrschsüchtiger Workaholic gewesen. Seinen ältesten Sohn Freddy habe er „zerlegt“, indem er „jeden Aspekt seiner Persönlichkeit und Fähigkeiten abwertete“ und ihn erniedrigte.

    Freddy Trump ist seit knapp 40 Jahren tot. Er starb an einem Herzinfarkt, nach Komplikationen durch Alkoholismus. Der Patriarch habe „auch Donald zerstört“, indem er dessen Fähigkeit unterdrückte, „das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen zu entwickeln“.

    Mary Trump geht so weit, von emotionalem Missbrauch zu schreiben, der ein Zuhause voller Gefühlskälte prägte. Heute seien Trumps „Grausamkeiten“ als Präsident „eine reine Machtdemonstration. Sie sollen uns und ihn selbst von seinem Versagen ablenken.“

    Die Diagnose scheint plausibel, weil sie zum Bild passt, das Trump selbst jeden Tag aus dem Weißen Haus heraus der Welt vermittelt. Bereits 2017 bescheinigten Fachleute dem US-Präsidenten Narzissmus, eine wahnhafte Loslösung von Wirklichkeit, Frauenhass, Boshaftigkeit und eine „Bewunderung für Diktatoren“. Doch viel weiter gediehen die Bemühungen, Trumps Psyche zu ergründen, bislang nicht.

    Die sogenannte Goldwater-Regel in der Medizin-Ethik verbietet es Psychiatern, sich über Menschen des öffentlichen Lebens per Ferndiagnose zu äußern. Mary Trump umgeht diesen Kodex, indem sie das Buch aus Perspektive eines Familienmitglieds schreibt.

    Verzicht auf Etikettierung

    Dennoch tut man auch nach der Lektüre gut daran, Trump nicht reflexartig als „irre“ oder „verrückt“ zu bezeichnen. Im Buch nennt Trumps Nichte ihn auch kein einziges Mal „crazy“. Vielleicht, weil so ein Etikett die Tatsache relativiert, dass seine Kriegsdrohungen, sein Personalverschleiß und sein fahrlässiger Umgang mit der Coronakrise sehr real sind. Und dass viele Anhänger und Verwandte ihn weiter für Amerikas Retter halten.

    So umrahmen Trumps Kinder Ivanka, Tiffany, Eric und Don Jr. ihren Vater als ewig lächelnde Verteidiger. Auch First Lady Melania steht, trotz Vorwürfen sexueller Nötigung und Schweigegeldzahlungen an einen Pornostar, an Trumps Seite. Trumps Schwestern Maryanne und Elizabeth greifen ihn zumindest öffentlich nicht an. Und sein Bruder Robert versuchte, aus Loyalität zum Präsidenten gerichtlich gegen das Buch vorzugehen, am Ende ohne Erfolg.

    Politisch schaden wird das Buch Trump im laufenden Wahlkampf auch deshalb wahrscheinlich nicht. Wer jetzt noch zu ihm hält, kommt auch durch ein Buch nicht ins Zweifeln. Es gibt andere Umstände, die an Trumps Wiederwahlchancen kratzen: Massenarbeitslosigkeit, eine schwindende Anhängerschaft und ein demokratischer Konkurrent, der als solide Alternative in maximal verunsichernden Zeiten gilt.

    Doch ganz gleich, was im November passiert: Historiker werden sich mit der Persönlichkeit Trumps auseinandersetzen müssen. Und Mary Trumps Buch wird ein Mosaikstück in dieser Aufarbeitung sein.

    Mehr: US-Richter erlauben Veröffentlichung von Mary Trumps Buch

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