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Digitalisierung in der BelletristikGefilterte Wahrheiten: Was können wir im Internet noch glauben?

Die Zahl der Romane, die sich mit den neuen Medien befassen, steigt. Sie werfen essenzielle Fragen auf: Was macht das Internet mit unserer Gesellschaft?Claudia Panster 30.04.2022 - 08:27 Uhr Artikel anhören

Auch in der Literatur werden essenzielle Fragen der heutigen Zeit aufgegriffen: Was macht das Internet mit unserer Gesellschaft und wo hilft oder schadet es?

Foto: imago images/Shotshop

Düsseldorf. Stundenlang sitzt Tiff am Computer, muss Bildern Namen und Beschriftungen zuweisen, Aufnahmen mit Menschenmengen markieren, richtige Benennungen anklicken, Namen von schlecht gescannten Zetteln in eine Datenbank eintragen.

Die junge alleinerziehende Tiff ist ein sogenannter Automaton – die auf der Plattform Automa diese eintönige Arbeit verrichtet. Ihr Arbeitgeber jedoch gibt vor, dies geschehe nicht von Menschenhand, sondern durch eine Künstliche Intelligenz.

Wegen einer Angststörung kann Tiff ihre Wohnung kaum verlassen, hat kaum soziale Kontakte – von ihrem Sohn im Kita-Alter und zwei Nachbarn abgesehen – und hält sich mit diesem Online-Job über Wasser, wegen dessen halbseidenem Konzept sie zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet ist.

Tiff ist die Protagonistin in „Automaton“, einem Roman in einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen, die sich mit dem Internet, sozialen Medien und Digitalisierung auseinandersetzen – und essenzielle Fragen der heutigen Zeit aufwerfen: Was macht das Internet mit unserer Gesellschaft, mit dem Zusammenhalt? Wo hilft, wo schadet die durch die weltweite Vernetzung erst möglich gewordene Globalisierung? Was ist sozial, was real – und was inszeniert? Was und woran können wir noch glauben?

Berit Glanz: Automaton. Berlin Verlag Berlin 2022 288 Seiten 22 Euro Foto: Handelsblatt

„Die Rolle des Internets und der sozialen Medien in Romanen wird immer größer – und immer normaler“, sagt Magdalena Pflock, Philologin an der Universität Greifswald. „Es ist wie selbstverständlich da, muss nicht mehr eingeführt werden, sondern ist natürlicher Teil des Erzählten.“
So wie in „Automaton“ von Berit Glanz, in dem Tiff nicht nur ihren Job online erledigt, sondern auch viele ihrer Kontakte darüber pflegt. Oder in „Tick Tack“, dem neuen Roman von Julia von Lucadou, in dem die 15-jährige Mette versucht, über Tiktok-Videos Anerkennung zu erlangen.

Oder in „Fake Accounts“ von Lauren Oyler, in dem eine junge Frau merkt, dass ihr Freund eine Art Doppelleben führt und auf Instagram Verschwörungstheorien verbreitet, und der dann tödlich verunglückt, noch ehe sie die Beziehung offiziell beenden kann.

Julia von Lucadou: Tick Tack. Hanser Berlin Berlin 2022 256 Seiten 23,00 Euro Foto: Handelsblatt

„Literatur war schon immer daran interessiert, die Medien aufzugreifen, die sie umgeben“, sagt Björn Hayer, Germanistik-Dozent an der Universität Koblenz-Landau. Früher waren es das Telefon oder der Fernseher, heute Handy und Internet – mit den dazugehörigen Begleiterscheinungen. „Meist handelte es sich um eine eher kritische Betrachtung.“

Ob „Ruhm“ von Daniel Kehlmann (2010), „Lookalikes“ von Thomas Meinecke (2011), „Circle“ von Dave Eggers (2014) oder „Follower“ von Eugen Ruge (2016) – sosehr sie sich auch in ihren Geschichten und Erzählweisen unterscheiden, so eint diese Romane das Ansinnen, die durch die neuen Medien veränderte Wahrnehmung der Welt darzustellen und einzuordnen. Es geht um Eintönigkeit im Netz, aber auch um Fake News, Fake Videos, also um im wahrsten Sinne des Wortes gefilterte Wahrheiten.

Lauren Oyler: Fake Accounts Berlin Verlag Berlin 2022 368 Seiten 24 Euro Übersetzung: Bettina Abarbanell Foto: Handelsblatt

Einer, der dies auf wegweisende Art zu vermitteln vermochte, ist Thomas Hettche mit „Animation“. Darin beschrieb er bereits 1999 die Effekte der Digitalisierung für die menschliche Wahrnehmung. Ausgehend von Goethes Reise nach Italien, zeichnet Hettche darin Bilder Venedigs, von anatomischen Veröffentlichungen bis hin zu computergenerierten Verfahren, bei denen am Ende Zweifel entstehen, ob sie real sind – oder Venedig doch nur ein Mythos ist.

Über allem steht die Frage, was aus der Sprache wird, wenn die Macht der Bilder überhandgewinnt. Eine Frage, die angesichts von russischen Propagandafotos aktueller scheint denn je.

„Die Entwicklung, die in Romanen häufig beschrieben wird, nämlich, dass Figuren ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr wissen, ob etwas real ist oder nicht, erleben wir in ähnlicher Weise gerade auch im Ukrainekrieg“, sagt denn auch Germanist Hayer. „Wir sehen viele Bilder, bei denen wir uns fragen, ob sie echt sind. Die Literatur hat diese Entwicklung schon sehr früh vorhergesehen.“
Hayer sieht zwei Richtungen: „Die Kulturpessimisten, die starke Kritik am Internet üben, die Dystopien schreiben. Und die Medienoptimisten, die die Vorteile einer großen Kommunikationsgesellschaft hervorheben. Sie sehen den Möglichkeitsraum.“ Die Zahl derer, die in ihren Werken deutliche Kritik an den modernen Medien üben, überwiegt dabei.

Sei es Elfriede Jelinek in ihrer „Winterreise“ oder Sibylle Berg in „GRM“ – oder dem daran anschließenden „RCE“, das in der kommenden Woche erscheint und dessen abgehacktes Schriftbild allein schon als Medienkritik verstanden werden kann.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. Kiepenheuer & Witsch Köln 2022 704 Seiten 26 Euro Foto: Handelsblatt

Auch in „TickTack“ von Julia von Lucadou ist zu sehen, wie sich die Art zu schreiben durch die heutigen Medien verändert. Im Mittelpunkt steht ein Social-Media-Account der Protagonistin, in jedem Kapitel kann der Leser verfolgen, wie viele Follower Mette hinzugewonnen hat – und wie sehr sie sich darüber selbst immer weiter verliert, weil sie an die falschen Leute gerät.
Aber, so beobachtet Philologin Pflock, zunehmend gibt es Veröffentlichungen, die die Wirkung des Internets „ auch etwas optimistischer sehen und auf positive Aspekte, wie etwa die Möglichkeiten zur Vernetzung und Solidarisierung, eingehen.“ So wie bei Berit Glanz‘ Automaton.

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Eines Abends, als die Protagonistin Tiff wieder einmal scheinbar öde Überwachungsvideos ansieht, um mögliche Bewegungen festzuhalten, wird sie vor dem Bildschirm Zeugin eines Verbrechens, das die Überwachungskameras festgehalten haben. Doch was tun, wo sie doch zu Geheimhaltung verpflichtet ist?

Mithilfe ihres Automaton-Netzwerks schafft Tiff, das Verbrechen nicht nur aufzuklären, sondern dem Geschädigten auch noch zu helfen. Am Ende ist das Werk damit eine Erzählung von Gemeinschaft und Zusammenhalt, wie sie ohne das Internet nicht möglich gewesen wäre.
Die Kritik, dass die Angestellten ausgebeutet werden, den Auftraggebern der Einsatz einer KI vorgegaukelt wird und das Unternehmen sich damit am Rande der Rechtschaffenheit bewegt, schwebt zwar über dem Erzählten. Aber letztlich ist „Automaton“ eine Geschichte über die Chancen der Globalisierung.

Über Zusammenhalt, Solidarität, Hilfsbereitschaft. Werte, die auch in der realen Welt wünschenswert sind. Und gibt so Zuversicht, dass die Chancen durch die neuen Medien gegenüber den Risiken überwiegen.
Und, so resümiert auch Germanist Hayer: Die Medienkritiker würden ihre Geschichten verstanden wissen wollen „als Appell an Verantwortung, um das Internet nicht als rechtsfreien Raum zu sehen“. Eine Kritik, die in die Zukunft gewandt ist.

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