Rezension: Finanzwissenschaft: Weshalb sich die Neuauflage dieses Nachschlagewerks lohnt
Die Verfasser des Lehrbuchs interpretieren den Bereich des von ihnen vertretenen Fachgebiets sehr umfassend.
Foto: dpaEs dauerte dreizehn Jahre, bis nach der 2009 herausgekommenen fünften Auflage dieses im deutschen Sprachraum gut etablierten Lehrbuchs nunmehr die sechste Auflage erschienen ist. Dieser lange Zeitraum dürfte nicht zuletzt der beruflichen Karriere von Ewald Nowotny geschuldet sein.
Denn während Co-Autor Martin Zagler seinem Beruf an der Universität Piemont und der Wiener Wirtschaftsuniversität treu blieb, wurde Nowotny, zuvor Professor für Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien, von September 2008 bis August 2019 mit dem arbeitsintensiven Amt des Gouverneurs der Österreichischen Nationalbank – und damit einem Sitz im EZB-Rat – betraut.
Eine Folge dieses recht langen Zeitraums ist, dass im Vergleich zur fünften Auflage der Zuwachs an lehrbuchrelevantem finanzwissenschaftlichem Wissen recht deutlich wird. Insofern hat sich das Warten auf diese Neuauflage gelohnt.
Da die Verfasser den Bereich des von ihnen vertretenen Fachgebiets sehr umfassend interpretieren, kann man kaum über eine angemessene Abgrenzung des Inhalts, sondern allenfalls über den Aufbau dieses Textbuchs, sprich die Logik der Reihenfolge der Themenfelder, diskutieren, was aber letztlich Geschmacksache wäre.
Zweifellos didaktisch gelungen ist der Einstieg über das Aufzeigen der Entwicklungslinien der Volkswirtschaftslehre und der diese Disziplin prägenden Denkschulen, besser Paradigmen. Ausgehend von der Abgrenzung und der Entwicklung des öffentlichen Sektors werden dessen Funktionen und charakteristische Merkmale beleuchtet sowie – unter den Stichworten Wohlfahrtsökonomie und Public-Choice-Theorie – wichtige entscheidungstheoretische Grundlagen erörtert.
Der Aufbau dieses kompendiumhaften Textbuchs ist nicht zwingend, aber eingängig. Jeder der 24 (!) thematischen Abschnitte schließt mit Hinweisen auf die einschlägige Basisliteratur und weiterführende Texte ab. Diese Empfehlungen mag man als Dozent teilen oder ablehnen, aber das immer wichtiger werdende Selbststudium erleichtern sie allemal.
Verdienstvoll ist, dass der zunehmend an politischer Relevanz gewinnenden „Finanzwirtschaft der Europäischen Union“ sowie dem Bereich „Sozialversicherung“ recht schlanke eigene Kapitel gewidmet werden. Während der Diskussion der wichtigsten Steuerarten zu Recht ein breiter Raum eingeräumt wird, wird die zunehmend kontrovers diskutierte „Öffentliche Verschuldung“ leider recht knapp behandelt.
Vor allem hätte man sich – im Rahmen des erwähnten schlanken Kapitels über die Finanzwirtschaft der Europäischen Union – eine kurze vorurteilsfreie Diskussion der Pros und Cons der zunehmend wichtiger werdenden „Gemeinschaftsschulden“ als auch – vor dem Hintergrund der eher größer als geringer werdenden ökonomischen Heterogenität namentlich der Euro-Länder – einige grundlegende Ausführungen zur Sinnhaftigkeit eines europäischen Finanzausgleichs gewünscht.
Kurzum: Diese Neuauflage ist mehr als eine echte Bereicherung des Literaturangebots für das volkswirtschaftliche Grundstudium, sondern auch ein verlässliches Nachschlagewerk für alle, deren akademische Ausbildung einige Jahre zurückliegt – und damit auch für Wirtschaftsjournalisten.