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Buchrezension Eine ungewöhnliche Ehrenrettung der ökonomischen Zunft

Die Nobelpreisträger Abhijit Banerjee und Esther Duflo räumen mit wirtschaftswissenschaftlichem Irrglauben auf – und zeigen, was ihr Fach künftig besser machen kann.
11.10.2020 - 08:49 Uhr Kommentieren
Ihre Rolle als Ökonomen vergleichen die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger mit der eines Klempners. Quelle: Reuters
Esther Duflo und Abhijit Banerjee

Ihre Rolle als Ökonomen vergleichen die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger mit der eines Klempners.

(Foto: Reuters)

Berlin Der wichtigste Satz von Abhijit Banerjee and Esther Duflo findet sich am Ende des Buchs: „Die Ökonomie ist zu wichtig, als dass man sie den Ökonomen überlassen dürfte“, schreiben die beiden Wirtschaftswissenschaftler vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Aus diesen Worten spricht nicht nur die ungewohnte Bescheidenheit zweier Wirtschaftsnobelpreisträger, sondern auch die Erkenntnis, dass die wirtschaftliche Realität so komplex ist, dass man ihr nur mithilfe anderer Disziplinen beikommen kann. Und darum geht es den Autoren: um eine realistische Bestandsaufnahme der drängendsten wirtschaftlichen Probleme und um praktische Handlungsempfehlungen.

Bekannt geworden sind der Inder Banerjee und die Französin Duflo durch ihren Bestseller „Poor Economics“. In dem Buch von 2011 befassen sich die beiden Volkswirte mit den wirtschaftlichen Problemen vieler ärmerer Entwicklungsländer. In ihrem neuen Buch wenden sie sich nun den reicheren Industrieländern und der dort wachsenden Ungleichheit zu.

„Die Reichen und die Hochqualifizierten wandern in die glänzenden Regionen des wirtschaftlichen Erfolgs ab, wo sie sich mühelos integrieren, aber allzu viele der Übrigen haben das Nachsehen. Dies sind die Bedingungen, die Donald Trump, Jair Bolsonaro und den Brexit hervorbrachten und die uns noch viele weitere Katastrophen bescheren werden, wenn wir nichts dagegen tun“, schreiben sie.

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    Um die Bedeutung der wissenschaftlichen Beiträge von Banerjee und Duflo zu ermessen, muss man sich die Lage des ökonomischen Gewerbes klarmachen: Die Finanzkrise von 2008 wurde von den meisten Volkswirten viel zu spät erkannt. Und auch die Schattenseiten der Globalisierung, die den Brexit erst möglich gemacht und Trump 2016 zum Wahlsieg verholfen haben, hat die Zunft übersehen.

    Abhijit V. Banerjee, Esther Duflo: Gute Ökonomie für harte Zeiten. Sechs Überlebensfragen und wie wir sie besser lösen können.
    Penguin
    München 2020
    560 Seiten
    26 Euro

    Banerjee und Duflo sehen die Ökonomie deshalb in der Pflicht, gerade in Krisenzeiten konkrete Vorschläge zu machen, um das Leben der Menschen zu verbessern. In diesem Fall das Leben all jener, die in den Industrieländern vom technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt abgehängt werden.

    So räumen die Autoren mit dem alten Glauben auf, dass der Freihandel für alle Beteiligten unter dem Strich immer positiv sei. Am Beispiel der USA zeigen sie, dass die Wohlfahrtsgewinne nicht nur oft kleiner als gedacht, sondern auch kleiner als ihre sozialen und politischen Kollateralschäden sein können. Sie knüpfen damit an Erkenntnisse ihres MIT-Kollegen David Autor an, der mit seiner These vom „China-Schock“ schon früh auf gefährliche Nebenwirkungen der Globalisierung nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO 2001 hingewiesen hat.

    Ähnlich rigoros und unbefangen untersuchen die Wissenschaftler auch andere Zeitfragen wie den Klimawandel oder die Massenmigration. Dabei zeigen sie auch, wie wirtschaftliche Fehlurteile und schlechte Wirtschaftspolitik die Lage verschlimmbessert haben.

    Banerjee und Duflo belassen es aber nicht bei der kritischen Analyse falscher Lehrmeinungen: „Unser Buch will zeigen, dass es in den Wirtschaftswissenschaften keine unumstößlichen Gesetze gibt, die uns daran hindern, eine humanere Welt aufzubauen. Allerdings gibt es viele Menschen, die mit ihrem blinden Glauben, Eigennutz oder schlicht ihrem fehlendem Verständnis der Wirtschaftswissenschaften genau das behaupten.“

    Ihre Rolle als Ökonomen vergleichen die beiden mit der eines Klempners: „Wir lösen Probleme mit einer Kombination aus wissenschaftlich unterfütterter Intuition, erfahrungsgeleiteter Spekulation und jeder Menge praktischem Herumprobieren.“ So schlagen sie etwa vor, Firmen und Arbeitnehmern die Anpassungen an den technischen Fortschritt oder die globale Arbeitsteilung mit staatlichen Zuschüssen zu erleichtern.

    Dahinter steht die Erkenntnis, dass Menschen sich viel langsamer neuen Entwicklungen anpassen, als die Modelle der Wirtschaftswissenschaftler es nahelegen.

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