Schweres Unglück in Bad Aibling: „Züge prallten mit hoher Geschwindigkeit aufeinander“
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat angesichts des Zugunglücks in Bad Aibling von einer „schweren Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland“ gesprochen. Die Unfallstelle habe ein erschreckendes Bild abgegeben, sagte er am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.
Die beiden Züge seien wohl mit hoher Geschwindigkeit aufeinandergeprallt, sagte der Minister nach einem Besuch der Unfallstelle. Dort seien Geschwindigkeiten von rund 100 Stundenkilometer möglich. Dobrindt dankte den rund 500 Rettungskräften. Sie seien bereits wenige Minuten nach dem Unfall vor Ort gewesen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, die Einsatzkräfte seien „mit schwerstem Leid und unglaublichen Verletzungen“ konfrontiert worden. Nach Behördenangaben wurden zehn Menschen getötet, 18 Menschen schwer und 63 leicht verletzt. Am frühen Abend wurde laut Polizei noch eine Person vermisst.
Wegen des Zugunglücks von Bad Aibling hat die CSU ihren traditionellen Politischen Aschermittwoch abgesagt. Dies meldete das Parteiorgan „Bayernkurier“ und zitierte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer mit den Worten: „Aus Respekt vor den Opfern des tragischen Zugunglücks findet der morgige Politische Aschermittwoch der CSU nicht statt.“ Wenig später sagten auch die anderen großen Parteien ihre Veranstaltungen ab. Angesichts des Zugunglücks in Bayern sagte auch die CDU eine Veranstaltung zum Politischen Aschermittwoch mit Kanzlerin Angela Merkel in Demmin in Mecklenburg-Vorpommern ab. Das teilte die CDU-Zentrale am Dienstagabend in Berlin mit.
Bei dem Frontalzusammenstoß auf der Strecke Holzkirchen-Rosenheim waren am Dienstagmorgen zwei Nahverkehrszüge auf einer eingleisigen Strecke zusammengestoßen. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren die beiden Regionalzüge mit etwa 150 Fahrgästen besetzt.
Derzeit werde alles getan, um den Unfallhergang aufzuklären. Die Züge hätten sich fahrplanmäßig in dem Ort Kolbermoor begegnen sollen. „Warum es eine Abweichung vom Fahrplan gab, muss jetzt ermittelt werden“, sagte Herrmann. Derzeit würden mit Hochdruck die in den Zügen befindlichen Blackboxen ausgewertet. Zwei Blackboxen seien bereits gesichert, eine weitere befinde sich noch in einem verkeilten Zugteil. „Auch wenn es die hundertprozentige Sicherheit nie geben kann, müssen wir alles dafür tun, um menschliches wie technisches Versagen so weit wie möglich auszuschließen“, sagte Herrmann.
Das den Bahnverkehr in Deutschland sichernde System „Punktförmige Zugbeeinflussung“ (PZB) war im Fall des Zugunglücks von Bad Aibling erst vor rund einer Woche technisch überprüft worden. Dabei habe es keine Probleme gegeben, sagte der Konzernbevollmächtigte der Deutschen Bahn (DB) für Bayern, Klaus-Dieter Josel, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Bad Aibling.
Bei dem System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett. Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.
Betroffen sind zwei sogenannte Meridian-Züge des Betreibers Transdev. Sie verkehrten auf der sogenannten Mangfalltalbahn. Transdev richtete unter der Nummer 0395 - 43084390 eine zentrale Hotline für Angehörige ein. Dem Unternehmen zufolge verkeilten sich die Fahrzeuge bei dem Zusammenprall ineinander.
Die Bayerischen Oberlandbahn (BOB) betreibt die Züge auf der Unfallstrecke. Das Unternehmen gehört zum französischen Eisenbahnunternehmen Transdev. Die Transdev GmbH ist in Deutschland mit mehr als 5000 Mitarbeitern und einem Umsatz von knapp 850 Millionen Euro einer der größten privater Nahverkehrsanbieter im lokalen Bahn- und Busbereich.
Regionalbahnen werden seit vielen Jahren von den Ländern ausgeschrieben. Die Deutsche Bahn hat dadurch inzwischen fast 30 Prozent der Nahverkehrsleistung auf der Schiene an private Konkurrenten verloren. Der Mutterkonzern Transdev ist mit 83.000 Mitarbeitern in 20 Ländern tätig. Zu den Anteilseignern gehören die staatliche Bank Caisse des Dépôts sowie Veolia Environnement.
„Der Unfall ist ein Riesenschock für uns. Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen“, sagte Bernd Rosenbusch, der Geschäftsführer der BOB. Bahnchef Rüdiger Grube versprach die ermittelnden Behörden bei der Aufklärung der Unfallursachen in vollem Umfang zu unterstützen.
Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben den Opfern des Zugunglücks in Oberbayern ihr Mitgefühl ausgesprochen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sagte laut einer Mitteilung, er sei er „in Gedanken und im Gebet“ bei den Betroffenen, vor allem bei den Angehörigen der Toten. „Es ist etwas Fürchterliches, wenn man zur Arbeit fährt, mitten im Alltag ist, und so etwas Schlimmes passiert“, sagte Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist.
Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, reagierte betroffen. „Mit großer Erschütterung fühlen wir uns den Angehörigen der Opfer als Kirche verbunden“, sagte der Erzbischof von München und Freising einer Mitteilung zufolge. Er bete für die Opfer und ihre Angehörigen: „Wir erbitten Gottes Beistand und Trost für sie.“
Die Regionalbischöfin für München und Oberbayern, Susanne Breit-Keßler, sprach den Familien, Rettungskräften und der Polizei ebenfalls ihr Mitgefühl aus. In ihrer Fürbitte denke sie an die, „die schwer verletzt sind, und an die, die alle Kraft brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten“. Vor Ort stünden Pfarrer und Seelsorger bereit, um den Angehörigen und Verletzten Trost und Hilfe zu geben.