Handelsblatt-Musterdepots: Das Dynamik-Depot: An der Börse sind Unsicherheit und Pessimismus der Nährboden für eine mögliche Erholung
Die Strategen (v. l.): Laetitia-Zarah Gerbes (Acatis Investment), Gabriele Hartmann (Perspektive Asset Management) sowie David Wehner (Do Investment)
Foto: privatAn diesem Donnerstag wurde Geschichte geschrieben. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zum ersten Mal seit der Finanzkrise die Zinsen erhöht und damit eine Dekade der extremen geldpolitischen Lockerung beendet.
Im vergangenen Oktober beschrieb die EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Auseinandersetzung mit der steigenden Inflation noch als „soul searching“. Übersetzt würde man von einem „Gewissenskampf“ sprechen. Ihre deutsche EZB-Kollegin Isabel Schnabel ließ sich zu der Aussage hinreißen, dass ihr die Inflation Ende des letzten Jahres sogar zu niedrig war. Mittlerweile wurde die EZB von der Realität eingeholt, und das EZB-Direktorium hat den Ernst der Lage erkannt.
Der Kapitalmarkt hat in der Spitze acht Zinserhöhungen durch die EZB vorweggenommen. Das ist gut ablesbar an den Renditen für Bundesanleihen und steigenden Risikoprämien für südeuropäische Staatsanleihen in den vergangenen Monaten.
In den gängigen finanzwirtschaftlichen Medien werden der EZB ihr ultralockerer geldpolitischer Kurs und ihre Zögerlichkeit vorgeworfen. Ich teile diese Ansicht nur eingeschränkt. Die Zögerlichkeit der letzten Monate ist für mich ebenfalls nicht nachvollziehbar. Allerdings will ich festhalten, dass es in der Nachbetrachtung immer einfach ist, Entscheidungen zu kritisieren, da die Konsequenzen dann schon bekannt sind.
Die EZB befindet sich seit der Finanzkrise in einem nahezu durchgehenden Krisenmodus, welcher während der Covid-19-Pandemie seinen Höhepunkt fand. Dabei muss sie den geldpolitischen Kurs für die gesamte Euro-Zone definieren, deren Mitgliedstaaten wirtschaftlich betrachtet nicht unterschiedlicher sein könnten.
Zudem steckt die Euro-Zone mitten in einem wirtschaftlichen Abschwung, eine Rezession ist wahrscheinlich. Die EZB befindet sich in einem Dilemma, und ein geldpolitischer Fehler könnte das Vertrauen in den Euro und die EZB erschüttern. Das ist Christine Lagarde und dem EZB-Direktorium bekannt und erklärt auch die Ausarbeitung eines neuen Krisen-Tools, welches die Fragmentierung der europäischen Staatsanleihen verhindern soll.
Steigende Zentralbank-Zinsen sind allerdings noch lange kein Garant für abklingende Inflationsraten. Die US-Notenbank Federal Reserve musste diese Erfahrung in den letzten Monaten machen. Die US-Inflation lag im Juni bei über neun Prozent. Nächste Woche tagen Jerome Powell und die Fed erneut. Der Kapitalmarkt spekuliert in Abhängigkeit der veröffentlichten Konjunkturdaten über einen Zinsschritt von 50 bis 100 Basispunkten im Juli.
Die Welt im Krisenmodus
Wenn wir den Blick von der Zentralbankpolitik abwenden, ist ein Wort besonders auffällig: Krise. Man kommt derzeit nicht an diesem Wort vorbei. Energie-Krise, Gas-Krise, Wirtschafts-Krise, Hitze-Krise und Klima-Krise. Zudem belasten der Ukraine-Krieg und die hohe Inflation. Wo man hinschaut: Krise.
Vorbei ist die Zeit, als noch Hoffnung auf eine Wiederholung der „goldenen Zwanziger“ in diesem Jahrzehnt bestand. Ich selber habe das Wort Krise im ersten Abschnitt viermal verwendet. Kurz gesagt, die Stimmung ist gedämpft.
Für diese Erkenntnis genügt ein Blick in die Zeitung oder an die Börse. Dieser Pessimismus hat auch vor internationalen Fondsmanagern keinen Halt gemacht. Eine Umfrage der US-Investmentbank Bank of America zeigt, dass die Stimmung und somit die Risikopositionierung auf dem Niveau von Oktober 2008 liegen, kurz nach der Insolvenz von Lehman Brothers.
Kurzfristige Trendwende im Blick
Es war bisher ein schwieriges Kapitalmarktjahr, und es ist verständlich, dass Investoren und Fondsmanager sich defensiver positionieren. Ich hingegen halte an meiner chancenorientierten Positionierung im Dynamik-Depot fest – auch wenn der langfristige Trend an den Kapitalmärkten weiterhin durch die bekannten und ungelösten Belastungsfaktoren nach unten gerichtet ist.
Ich möchte betonen, dass ich alles andere als ein Zweckoptimist bin. Mein Szenario ist trotzdem weiterhin eine kurzfristige dynamische Erholung an den Börsen. Die letzten Wochen waren von einem leicht ansteigenden Sägezahn-Markt geprägt – eine regelrechte Achterbahn. Die Unsicherheit bleibt weiterhin hoch, allerdings bestärkt mich die dargestellte Umfrage der Bank of America in meiner Positionierung.
Die Fondsmanager haben sich in den vergangenen Wochen defensiver positioniert, und die global wichtigen Aktienindizes haben keine neuen Tiefststände ausgeprägt. Das könnte ein Anzeichen für eine Bodenbildung sein.
Die Frage, inwieweit es sich bei den bisherigen Tiefstständen um Jahrestiefstände handelt, bleibt offen. Jedoch spiegeln die Aktienmärkte derzeit eine hohe Unsicherheit und Pessimismus wider. Analysten und Kapitalmarktstrategen übertreffen sich mit niedrigeren Preiszielen bei den global wichtigen Aktienindizes.
In solchen Phasen genügt ein Faktor, der die eingepreisten Erwartungen übertrifft, um zumindest eine kurzfristige dynamische Trendumkehr auszulösen. Eine Beruhigung an der Inflationsfront, eine Berichtssaison der Unternehmen über den Erwartungen der Analysten oder eine Reduktion von geopolitischen Risiken können Auslöser für eine kurzfristige Erholung an den Märkten sein.