Börsenguru Marc Faber: „Wir sind auf der Titanic“
Der Wahl-Asiate geht gerne unkonventionelle Wege.
Foto: dpa
Marc Faber hat meist nicht viel Zeit, der unorthodoxe Ökonom ist dauernd auf Reisen. Veranstalter von Konferenzen und Fernsehsender reißen sich um ihn. Der Schweizer und Wahl-Asiate versteht nicht nur viel von Finanzen. Er redet auch Klartext, hat immer starke Thesen und glänzt als Entertainer. In einem halbstündigen Gespräch wird Faber seinem Ruf als Untergangsprophet gerecht: Er erwartet einen bösen Ausgang der Geldexperimente der Notenbanken. Sein Rat: Anleger sollten sich auf Schadensbegrenzung konzentrieren.
Herr Faber, die Finanzmärkte sind momentan ruhig. Ist das ein gutes Zeichen oder die Ruhe vor dem Sturm?
Eher die Ruhe vor einem Sturm. Die Aktienkurse schwanken nur moderat, aber das kann sich schnell ändern. Die großen Notenbanken kaufen Anleihen, Währungen, auch Aktien. Möglich, das wir noch einen Monat Hausse vor uns haben.
Wie beurteilen Sie die Aktionen der Notenbanker?
Manche nennen es Interventionen. Ich nenne es Manipulation. Privatleute würden mit solchen Aktionen im Gefängnis landen. Aber die Notenbanker erlauben sich das. Und die Finanzbranche kritisiert es kaum. Klar, das Gelddrucken der Notenbanken treibt die Wertpapierkurse. So werden die Depots aufgeblasen. Damit steigen die Einnahmen der Vermögensverwalter.
Also alles gut für den Anleger?
Nein, der hat es schwer, sich eine Meinung zu bilden in der Welt der Geldfluten.
Werden wir davon mehr sehen?
Das glaube ich schon. Die Notenbanker dürften noch expansiver werden. Ich halte es für wahrscheinlich, dass sie ihre monatlichen Wertpapierkäufe von jetzt rund 180 auf etwa 300 Milliarden Dollar aufstocken. Wir steuern zwar seit sieben Jahren Expansionskurs, aber die Konjunktur in den Industrieländern ist recht schwach.
Ihr Blick auf die Märkte nach vielen Jahren Aufschwung bei Aktien, Anleihen und Immobilien?
Otto Normalverbraucher bringt das nichts, der hat kaum Aktien. In den USA ist der Lebensstandard gesunken. Nur die Reichen profitierten von der Aktienhausse. Das haben die Notenbanker zu verantworten. Das ist eine Folge ihrer Geldflut und Tiefzinsen.
Sie haben also eine noch schlechtere Meinung von den Notenbankern, als Sie eben sagten?
Ich frage mich, wie die in einer Demokratie so viel Macht anhäufen konnten. Ich würde keinem Akademiker, der noch nie in der Privatwirtschaft gearbeitet hat, einen Job geben. Schon 1998 kritisierte ich den damaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan, weil er den Hedgefonds LTCM rettete. Den Fonds hätte man Pleite gehen lassen müssen. Aber stattdessen bekamen wir auch noch die Aktienblase zur Jahrtausendwende und anschließend die Immobilienblase mit der Finanzkrise.
Was erwarten Sie vom nächsten großen Thema in den USA, den anstehenden Wahlen?
Ob Hillary Clinton oder Donald Trump gewinnt, so groß werden die Unterschiede am Ende kaum sein, rein politisch. Auch der Republikaner kann nur gewinnen, wenn er Kompromisse macht. Schafft es Trump, dann würden sicher russische Aktien und Anleihen gut laufen.
Sind Aktien interessanter als Anleihen und Zinsanlagen?
Wahrscheinlich ja. Aber sicher ist das nicht. Als ich in den 70er-Jahren anfing an der Wall Street zu arbeiten, konnte ich meinen Lohn zu sechs Prozent anlegen. Später stiegen die Zinsen bis auf 15 Prozent. Fast drei Jahrzehnte lang warfen Anleihen jährlich durchschnittlich zehn bis 15 Prozent Ertrag ab. Das reichte völlig für einen Vermögensaufbau. Und heute? Man bekommt vielleicht fünf Prozent Zins, dann aber für eine Anleihe aus Kasachstan mit hohen Risiken.
Haben dann nicht tatsächlich Aktien die besseren Chancen?
An der Wall Street sind sie recht teuer. In Europa könnten sich die stark gefallenen Bankenwerte erholen. Die haben allerdings hohen Kapitalbedarf. Und wenn die Weltwirtschaft schwächelt, würde auch Unternehmen wie BMW oder Daimler das Geldverdienen schwerfallen. Aus regionaler Sicht ziehe ich die Schwellenmärkte vor. Da kann ich mit einem guten Aktienmix eine Dividendenrendite von fünf Prozent schaffen.
Also wäre das eine Lösung?
Wirklich Geld zu verdienen, auch mit größeren Anlagesummen, das ist viel schwerer geworden. In diesem Jahr haben brasilianische Aktien in Dollar zwei Drittel gewonnen. Aber dort würde kein Investor viel Geld anlegen. Oder nehmen wir den kleinen Markt der Goldminenwerte. Da haben sich in diesem Jahr viele Aktien verdreifacht – in den Jahren davor auch vier Fünftel verloren. Es gibt schon Gelegenheiten. Da sind Privatleute immerhin im Vorteil gegenüber Großinvestoren wie Pensionskassen. Sie können da besser zugreifen, aber sie brauchen gute Berater.
Was empfehlen Sie dem Privatanleger?
Er muss sich klar sein, dass das monetäre Experiment desolat ausgehen wird. Die wahnsinnigen Notenbanker tragen die Verantwortung. Sie sind die Schuldigen. Wir steuern auf einen Eisberg zu. Wir sind auf der Titanic. Und was tun wir? Wir streiten über die besten Stühle auf dem Deck. Ich glaube: Im Ernstfall werden Aktien weniger leiden als Anleihen, Edelmetalle können sich gut entwickeln.
Wie gehen Sie privat mit den Problemen um? Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?
Das steckt zu je einem Viertel in Aktien, Cash und Anleihen, Immobilien, Edelmetallen. Bei den Aktien konzentriere ich mich vor allem auf Singapur, Hongkong, Vietnam und Thailand. Bei den Immobilien sind es Thailand und Vietnam. Die Anleihen sind meist Firmentitel aus den Schwellenländern. Das ist vielleicht nichts zum reich werden. Aber ich kann damit ruhig schlafen.
Herr Faber, vielen Dank für das Interview.