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InvestmentfondsAnleihen feiern ein Comeback

Anleihefonds erleben einen Stimmungswandel und werden zum Absatzrenner. Die Käufer könnten sogar der Inflation ein Schnippchen schlagen, glauben Experten.Ingo Narat 29.07.2023 - 10:28 Uhr Artikel anhören

„Wenn man den Erwartungen an eine fallende Inflation glaubt, dann könnten sich heute Käufe etwa von risikolosen Staatsanleihen lohnen.“

Foto: Getty Images

Frankfurt. Anleihen galten früher als langweilig, zweitweise waren sie mit Negativzinsen sogar garantierte Verlustbringer. Doch mittlerweile werden sie für immer mehr Anleger attraktiv: Im ersten Halbjahr pumpten Investoren in Europa netto 102 Milliarden Euro in Bondfonds – mehr als in jede andere Anlagegruppe. Diese Zahl errechnete die Fondsdatenbank Morningstar.

Es ist der größte Stimmungsumschwung unter allen Fondsgruppen. Im vergangenen Jahr waren Anleger nach den Börseneinbrüchen im Frühjahr als Folge des Ukrainekrieges und hoher Inflation aus sämtlichen Risikoinvestments geflohen und hatten in diesem Zuge auch für netto 84 Milliarden Euro Bondfonds verkauft.

„Aber jetzt sind wir in einer historischen Lage: Der Zins ist zurück“, sagt Ali Masarwah, Chef der Fondsplattform Envestor. Das treibe die Stimmungswende an: „Es ist durchaus möglich, dass wir im Gesamtjahr in Europa auf 200 Milliarden Euro Nettokäufe bei den Anleihefonds kommen.“

Er glaubt auch, dass die Käufer recht behalten und am Ende sogar eine positive Realrendite erzielen könnten, dass also nach Einrechnung der Inflation noch ein Ertrag übrig bleibt.

„Wenn man den Erwartungen an eine fallende Inflation glaubt, dann könnten sich heute Käufe etwa von risikolosen Staatsanleihen lohnen“, meint Masarwah. Derzeit beträgt die Inflation im Euro-Raum nach bereits deutlichen Rückgängen noch 5,5 Prozent, in Spanien sind es tiefere 1,6 Prozent. Für die Kalkulation einer möglichen Endrendite nach Inflation spielen die Zinsen eine entscheidende Rolle. Und die haben einen strammen Weg nach oben hinter sich.

Der Zins ist zurück – und Anleihen wieder attraktiv

Die US-Notenbank setzte die Bewegung im Frühjahr letzten Jahres in Gang. Bei stark gestiegener Geldentwertung startete sie die historisch schärfste und schnellste geldpolitische Straffung aller Zeiten.

Das veränderte die Zinslandschaft radikal. Vor etwa zwei Jahren hatten noch rund 20 Billionen Dollar an Anleihen negativ rentiert. Anschließend stieg die Verzinsung beispielsweise der zweijährigen US-Staatstitel von rund null auf fünf Prozent. Nach einem extremen Anstieg des generellen Zinsniveaus gibt es praktisch keine negativ rentierenden Bonds mehr.

In anderen Anleihebereichen änderten sich die Verhältnisse ähnlich dramatisch. Eine zehnjährige Bundesanleihe wirft momentan 2,5 Prozent ab, eine zweijährige 3,1 Prozent. Euro-Firmenanleihen mit gutem Rating kommen auf vier Prozent. Anleihen mit schlechter Bewertung, sogenannte Hochzinspapiere, erreichen sogar sieben bis acht Prozent.

„Die vier Prozent bei den Investment-Grade-Titeln sehen wir das erste Mal seit über zehn Jahren“, sagt Volker Kurr. Der Marktstratege bei Legal & General Investment Management beobachtet: „Anleger fangen an, in Anleihen umzuschichten oder Neugeld hier zu investieren.“ Das gelte für private wie auch institutionelle Investoren.

Immer beliebter werden Laufzeitenfonds, bei denen Papiere mit ähnlicher Endfälligkeit gebündelt und die Fonds zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgelöst werden. Abgesetzt werden sie vor allem in Spanien, Frankreich und Italien. Beim US-Anbieter Muzinich beispielsweise ist ein Produkt auch für deutsche Anleger in der Zeichnung, das in rund vier Jahren liquidiert wird.

Knapp drei Viertel der Fondsgelder stecken in Unternehmenstiteln mit gutem Rating, der Rest in Anleihen von Emittenten mit schlechterer Bonität. „Nach Gebühren kommen wir auf eine jährliche Anlegerrendite von rund fünf Prozent“, sagt Muzinich-Vertreter Clemens Bertram.

Indexfonds werden immer populärer

Ähnlich wie bei den Anleihen finden Anleger nach dem allgemeinen Wertpapier-Crashjahr 2022 auch wieder Gefallen an Aktien. Allerdings ist der positive Stimmungsumschwung hier wesentlich verhaltener als bei den Bonds. Anleger in Europa zogen im vergangenen Jahr für netto 28 Milliarden Euro Geld aus Aktienfonds ab, legten in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres dagegen bisher 18 Milliarden Euro an.

Neben der unterschiedlichen Größenordnung des Stimmungsumschwungs gibt es einen zweiten Unterschied beim Vergleich von Aktien- und Anleihefonds: Die Nettokäufe auf der Bondseite verteilen sich etwa gleichmäßig auf aktiv und passiv verwaltete Produkte. „Bei den ETFs auf Staatsanleihen der Industrieländer und Unternehmensanleihen aus dem Euro-Investment-Grade-Bereich sehen wir in Europa die stärksten Zuflüsse an Neugeldern“, kommentiert David Wenicker vom weltgrößten Asset-Manager Blackrock.

Auf der Aktienseite dagegen entziehen die Anleger den aktiven Fondsmanagern ihr Vertrauen. Ohne die extremen Käufe von börsennotierten Aktienindexfonds, den sogenannten ETFs, wäre das gesamte Aktiensegment tief in den roten Zahlen.

Konkret verkauften die Anleger in Europa aktiv verwaltete Aktienfonds für fast 32 Milliarden Euro, erwarben aber gleichzeitig ETFs auf Indizes wie den MSCI World oder den Dax für 50 Milliarden Euro. Das ergibt den genannten positiven Saldo für die Aktienfonds von insgesamt 18 Milliarden Euro.

„Anleger verlieren ein bisschen ihr Vertrauen in aktive Manager“, urteilt Shannon Kirwin. Die Morningstar-Analystin beruft sich auf die Anlageergebnisse, die oft schlechter ausfallen als die der Indexfonds. „Jedes Jahr kommen mehr ETFs mit geringen Gebühren auf den Markt, und jedes Jahr entdecken neue Anleger diese Produkte“, sagt sie.

Anleihen bieten wieder attraktive Renditen

Jenseits dieser Aktiv-Passiv-Debatte müssen Anleger grundsätzlich neu abwägen bei der Entscheidung zwischen Unternehmensbeteiligung und Zinspapier. Die Frage lautet: „Kaufe ich lieber Aktien oder Anleihen beziehungsweise entsprechende Fonds?" Es gehe immer um „relative Attraktivität“, sagt Kurr von Legal & General Investment Management.

„In den letzten Jahren bei sehr tiefen Zinsen oder sogar Negativzinsen war es richtig, keine Anleihen zu kaufen.“ Doch heute sei die Zinslandschaft fundamental anders. Und fundamental anders sei auch die Lage an den Aktienmärkten – aber nach entgegengesetzter Bewegung.

Anleihen böten nach ihren Kursverlusten wieder interessante Renditen, während die Aktienmärkte heute nahe ihren historischen Höchstständen liegen würden. Kurr folgert mit dem Argument der relativen Attraktivität: „Wenn wir in ein paar Jahren auf heute zurückblicken, werden wir wahrscheinlich sagen, dass wir mit Anleihekäufen alles richtig gemacht haben.“

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Ähnlich klingt Masarwah von Envestor mit einem allerdings kurzfristigeren Argument. Er beruft sich auf die Meinung von Ökonomen und deren Prognose schwächelnder Konjunkturen nach dem restriktiven Kurs der Notenbanken. „Wenn dann die Aktien schwächeln, könnten Anleihen mit steigenden Kursen wieder als Puffer für fallende Aktienkurse wirken – Anleihefonds werden also viel attraktiver.“

Erstpublikation: 27.07.2023, 20:00 Uhr.

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