Wall Street: Investoren wenden sich von amerikanischen Großbanken ab
New York. Lange Zeit waren hohe Leitzinsen eine Gewinnmaschine für US-Großbanken. Die Aussicht, dass die Zinsen nun noch eine ganze Weile länger oben bleiben könnten, ist für die Finanzinstitute indes nicht nur positiv, wie die am Freitag veröffentlichten Quartalszahlen von JP Morgan Chase, Citigroup und Wells Fargo zeigen.
Besonders die Aktie von Branchenführer JP Morgan geriet in den Fokus der Anleger. Sie ging am Freitag mit einem Minus von 6,5 Prozent aus dem Handel. Für das erfolgsverwöhnte Institut war es der größte Tagesverlust seit Sommer 2020.
Dabei hat die Bank „wirklich solide Zahlen“ für das erste Quartal vorgelegt, wie Octavio Marenzi von der Kapitalmarktberatung Opimas betont.
Der Nettogewinn stieg um sechs Prozent auf 13,4 Milliarden Dollar, die Erträge legten um neun Prozent auf 41,9 Milliarden Dollar zu – beides übertraf die Erwartungen der Analysten. JP Morgan löste zudem einen kleinen Teil der Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite auf.
Doch Investoren interessierten sich vor allem für die Frage, wie die weitere Zinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) die Bankenzahlen beeinflussen wird. Lange Zeit haben große Institute von den hohen Leitzinsen profitiert, die bereits seit dem vergangenen Juli in der Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent liegen. So haben sie die Zinsen der Fed zwar bei Krediten an die Kunden weitergegeben, nicht aber bei Sparkonten. Eine ganze Weile haben die Sparer das hingenommen.
Viele waren bereit, ihr Geld ohne nennenswerte Zinsen liegen zu lassen
Gerade nach der Krise der Regionalbanken im vergangenen Jahr waren viele bereit, ihr Geld ohne nennenswerte Zinsen bei großen Instituten liegen zu lassen, die strenger reguliert werden und daher als sicherer gelten. Nun jedoch ändert sich das. Sparer haben in den vergangenen Monaten vermehrt Geld zu besseren Konditionen fest angelegt oder andere Wege gefunden, um von den höheren Zinsen zu profitieren. Kleinere Institute haben schon länger mit fallenden Zinseinnahmen zu kämpfen, nun zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung auch bei den Großbanken ab.
Zwar lag der Zinsüberschuss bei JP Morgan mit 23,2 Milliarden Dollar um elf Prozent höher als im Vorjahresquartal. Im Vergleich zum vierten Quartal des vergangenen Jahres indes ging der Zinsüberschuss zum ersten Mal seit 2021 zurück. Auch bei der Citigroup und bei Wells Fargo zeigte sich diese Entwicklung.
Sie kommt zu einer Zeit, in der die Fed ihre geldpolitische Strategie erneut anpassen könnte. Ursprünglich war Fed-Chef Jerome Powell davon ausgegangen, die Zinsen bereits im März zu senken. Dann wurde die Zinswende auf den Juni verschoben. Nach erneut starken Inflationsdaten vom Mittwoch gehen viele Investoren nun davon aus, dass die Fed erst im September mit den Zinsschritten nach unten beginnt. Einige Ökonomen halten es auch für realistisch, dass dieser Prozess auf das kommende Jahr verschoben werden könnte.
Für Banken zeigt sich dadurch ein gemischtes Bild: Die Zinseinnahmen würden weiter relativ hoch bleiben, wenn auch nicht mehr ganz so hoch wie bisher. Gleichzeitig steigt mit anhaltend hohen Zinsen auch das Risiko von Kreditausfällen.
JP Morgan hob die Prognose für den Zinsüberschuss in diesem Jahr nur leicht an, von 88 auf 89 Milliarden Dollar. Finanzchef Jeremy Barnum geht davon aus, dass die Kunden auch weiterhin ihre Ersparnisse auf festverzinsliche Konten verschieben werden, um höhere Sparzinsen zu bekommen. Dies sagte er am Freitag im Gespräch mit Analysten.
Ein Umfeld, in dem die Zinsen länger auf höherem Niveau bleiben, könnte auch den Markt für Fusionen und Übernahmen (M&A) bremsen. Er hatte im ersten Quartal nach langer Flaute wieder angezogen, als die Stimmung an den Märkten noch überraschend gut war und viele von Zinssenkungen ausgegangen waren. „Es war ein Quartal mit gutem Momentum, aber wir sind derzeit ein bisschen vorsichtig“, gab Barnum zu bedenken.
Auch auf dem krisengeschüttelten Markt für Büroimmobilien gebe es noch „kein Licht am Ende des Tunnels“, sagte der Finanzchef. Auch hier würden höhere Zinsen den Markt weiter belasten, weil es teuer bleibe, Kredite zu refinanzieren.
Jamie Dimon zuversichtlich
Auch die Kreditvergabe sprang wieder an. Zwar steigt die Ausfallrate bei Kreditkartenschulden leicht, dennoch blickte CEO Jamie Dimon zuversichtlich auf die Stärke der US-Verbraucher. Bei den unteren Einkommensschichten zeige sich Zurückhaltung, doch Gutverdiener gäben weiter Geld auch für Reisen und Unterhaltung aus.
Die Ausfallraten würden sich „im Vergleich zu den Zeiten vor der Pandemie wieder normalisieren“, gab Dimon zu bedenken. Während der Covid-Pandemie konnten viele Amerikaner Geld sparen, daher waren die Ausfallraten in den vergangenen Jahren überraschend gering.
Zugleich seien die Aussichten unsicher, sagte Dimon. Er verwies dabei auf die weltweiten Konflikte, den anhaltenden Inflationsdruck und die Unsicherheit, wie die Fed mit den Zinsen verfahre.
Citi übertrifft Erwartungen
Bei der Citigroup machte sich die große Restrukturierung bemerkbar, die die Bank gerade vollzieht. Der Nettogewinn fiel im ersten Quartal um 27 Prozent auf 3,4 Milliarden Dollar. Die Erträge gingen um zwei Prozent auf 21,1 Milliarden Dollar zurück. Analysten hatten indes mit noch deutlicheren Einbrüchen gerechnet. Die Aktie ging mit einem Minus von 1,7 Prozent aus dem Handel.
Die von Jane Fraser geführte Bank will in diesem Jahr 7000 Stellen abbauen und liegt damit im Zeitplan, wie das Institut mitteilte. Bis 2026 sollen insgesamt 20.000 Stellen wegfallen. Es ist der größte Umbau des Instituts seit 20 Jahren.
Ausgaben für Abfindungen und andere Kosten wegen dieses Umbaus drückten den Quartalsgewinn um 476 Millionen Dollar. Sie wolle so „eine saubere und einfachere Managementstruktur“ aufbauen, die auch besser zur Strategie der Bank passe, sagte Citi-Chefin Fraser.
Wells Fargo kämpft mit sinkenden Zinseinnahmen
Wells Fargo meldete einen Gewinnrückgang um acht Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahresquartal. Insgesamt nahm die Bank 20,9 Milliarden Dollar ein und lag damit fast auf Vorjahresniveau.
Auch Wells Fargo hat indes mit sinkenden Zinseinnahmen zu kämpfen. Mit 4,6 Milliarden Dollar lag der Wert um etwa 300 Millionen unter dem des Vorjahresquartals. Insgesamt stellt die Bank ihre Anteilseigner darauf ein, 2024 bis zu neun Prozent weniger durch Zinsen einzunehmen. Wells-Fargo-Titel verloren am Freitag 0,2 Prozent. Der KBW-Bankenindex verlor in einem schwachen Marktumfeld 1,5 Prozent und hat seit Anfang April bereits 6,5 Prozent eingebüßt.
„Es ist schwierig, derzeit einen Ausblick auf die Netto-Zinseinnahmen zu machen, wenn man sich die Volatilität ansieht und die Unsicherheit darüber, wie sich unsere Kunden verhalten“, sagte Finanzchef Michael Santomassimo. Schon jetzt zeige sich, dass Kundinnen und Kunden angesichts der hohen Zinsen weniger neue Kredite aufnehmen, zugleich aber mehr Geld bei der Bank anlegen.
Am Montag legt Goldman Sachs Quartalszahlen vor. Am Dienstag folgen dann Morgan Stanley und Bank of America. Auch Regionalbanken werden ab der kommenden Woche ihre Ergebnisse vermelden. Sie haben deutlich stärker mit der Krise bei Büroimmobilien zu kämpfen, da sie einen weitaus höheren Anteil dieser Kredite in ihren Büchern tragen als die Großbanken.
Gut ein Jahr nach der überraschenden Pleite der Silicon Valley Bank (SVB) interessiert es Anleger besonders, in welcher Verassung die kleineren Institute derzeit sind. Der KBW-Index der Regionalbanken hat seit Beginn des Jahres 13,5 Prozent verloren. Der breit gefasste S&P 500 liegt im gleichen Zeitraum dagegen acht Prozent im Plus.
Mit Agenturmaterial