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Deutsche BankFrüherer Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain ist tot

Der 59-Jährige leitete die Deutsche Bank zwischen 2012 und 2015. Jain litt bereits seit Jahren an Magenkrebs, wie seine Familie nun mitteilte.Yasmin Osman, Michael Maisch 14.08.2022 - 12:32 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Zuletzt führte Jain die Geschäfte einer US-Investmentbank.

Foto: imago stock&people

Frankfurt. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank, Anshu Jain, ist in der Nacht auf Samstag im Alter von 59 Jahren nach langer schwerer Krankheit gestorben, teilte die Deutsche Bank am Samstag mit. Der Banker litt seit Jahren an Magenkrebs, wie seine Familie bekannt gab. Zuletzt hatte Jain die auf Anleihehandel spezialisierte Investmentbank Cantor Fitzgerald geleitet.

Jains Name steht zusammen mit dem seines Vorgängers an der Vorstandsspitze, Josef Ackermann, für Glanz und Elend der Deutschen Bank. Unter der Führung von Jains Händlern, häufig „Anshus Army“ genannt, stiegen die Frankfurter in die Topliga der globalen Investmentbanken auf – um Jahre nach der Finanzkrise einen umso brutaleren Absturz zu erleben. Unter den Nachwirkungen der Ära Jain leidet die Deutsche Bank zum Teil bis heute.

Die Deutsche Bank verlor über die Schattenseiten von Jains Wirken am Samstag kein Wort. „Wer mit Anshu zusammengearbeitet hat, erlebte eine leidenschaftliche Führungskraft von intellektueller Brillanz. Viele von uns hat er mit seiner Energie und Loyalität zu unserer Bank zutiefst beeindruckt“, ließ der heutige Vorstandschef Christian Sewing mitteilen und kondolierte Jains Ehefrau, seinen Kindern und seiner Mutter.

„Eine brillante Person mit Tiefe, Leidenschaft und der Fähigkeit zu inspirieren, ist gestorben“, schrieb der ehemalige Investmentbanking-Chef des Instituts, Marcus Schenck, der heute für die Investmentboutique Lazard arbeitet, auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn.

„Die Welt könnte einen der besten Banker seiner Generation verloren haben“, schrieb Paul Achleitner, der langjährige, ehemalige Aufsichtsratschef des Instituts, ebenfalls auf LinkedIn. Der im indischen Jaipur geborene Manager war mitverantwortlich für die gewinnträchtigsten Jahre der Deutschen Bank.

„Anshu Jain hat maßgeblich dazu beigetragen, die Position der Deutschen Bank im globalen Geschäft mit Unternehmen und institutionellen Investoren auszubauen“, würdigte der seit Mai amtierende Aufsichtsratschef des Instituts, Alexander Wynaendts, Jains Rolle. Das sei heute nicht nur für die Deutsche Bank, sondern den Finanzstandort Europa insgesamt von strategischer Bedeutung.

Der Traum von einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent wurde wahr

Jain gehörte zur Truppe rund um Edson Mitchell, den Hilmar Kopper 1995 von Merrill Lynch zur Deutschen Bank gelockt hatte, um das Institut aus der deutschen Provinz fit fürs internationale Investmentbanking zu machen. Nach Mitchells plötzlichem Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahr 2000 übernahm Jain die Herrschaft über die Händler.

„Für uns war es ein Traum“, erinnert sich ein Trader, der damals mit dabei war. „Wir hatten die riesige Bilanz der Deutschen Bank zur Verfügung, und solange wir Geld verdienten, konnten wir mehr oder weniger machen, was wir wollten. Es war ungefähr so, als hätte man einen Haufen Kinder in einem Süßigkeitenladen eingeschlossen.“

„Anshus Army“ hatte Ackermanns Traum von einer Eigenkapitalrendite von 25 Prozent wahr gemacht – mit exorbitanten Gewinnen aus dem Kapitalmarktgeschäft. Selbst der Ex-Deutschlandchef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius, der nicht gerade als Bankenkritiker gilt, geißelte dieses Ziel einmal als vermessen und maßlos.

Dank der hohen Gewinne der Investmentbanker war Jain 2012, als es um die Nachfolge von Josef Ackermann ging, der starke Mann des Instituts. Ackermanns Versuch, Jain an der Spitze der Bank zu verhindern, scheiterte. Zusammen mit Jürgen Fitschen wurde Jain Vorstandschef des Instituts.

Die beiden damaligen Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Anshu Jain (r) und Jürgen Fitschen.

Foto: dpa

Doch schon bald nach seinem Amtsantritt häuften sich die Anzeichen dafür, dass viele der Geschäfte, mit denen die Investmentbanker des Instituts vermeintlich so viele Erträge erwirtschaftet hatten, gegen geltendes Recht verstießen. Auch die Kontrollsysteme der Bank, die Verfehlungen verhindern sollten, wiesen erhebliche Mängel auf.

Skandale, Imageschäden, Rekordverluste

Die vielen Skandale kosteten die Bank nicht nur ihren guten Ruf und die Aktionäre viel Geld. Allein zwischen 2012 und 2017 zahlte die Bank für Verfehlungen und Rechtsverstöße mehr als 15 Milliarden Euro. Vor allem der Libor-Skandal hatte den Ruf der Bank bei den Aufsichtsbehörden weltweit ruiniert. Händler des Instituts hatten sich mit Händlern anderer Banken zusammengeschlossen, um wichtige Referenzzinssätze wie den Libor oder den Euribor zu manipulieren.

Auf der strategischen Seite verpasste Jain den richtigen Moment, das Investmentbanking zu stutzen. Nach der Finanzkrise hatten neue Vorschriften, die künftige Exzesse in diesem Geschäftsfeld verhindern sollen, den Handel mit Anleihen und Derivaten deutlich unprofitabler gemacht.

Jain hielt an dem Geschäftsbereich trotzdem fest. Er hatte die Hoffnung, nach einer längeren Durststrecke zu den wenigen Investmentbanken zu gehören, die diese schwierige Phase überstehen.

Doch die Finanzmärkte entwickelten sich auch in Jains Schicksalsjahr 2015 nicht. Auf der Hauptversammlung im Mai 2015 revoltierten schließlich viele Aktionäre gegen die Führung der Bank. Jain und Fitschen wurden mit gerade einmal 61 Prozent der Stimmen entlastet. Kurze Zeit später legte sogar eines der Betriebsratsgremien der Bank dem eigenen Vorstandschef den Rücktritt nahe.

Am Ende schrieb die Deutsche Bank in dem Jahr einen Rekordverlust von 6,7 Milliarden Euro – und sie hatte einen neuen Vorstandschef: den Briten John Cryan. 2018 musste er wiederum Vorstandschef Christian Sewing weichen. Cryan hatte die Schwächen von Jains Strategie zwar glänzend analysiert, war aber daran gescheitert, sie zu korrigieren.

„Alles, was uns fehlt, ist ein bisschen Glück.“

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Jain selbst hatte wohl schon wenige Monate vor seinem Rücktritt geahnt, dass es für ihn eng werden könnte. Im Januar beim Weltwirtschaftsforum Davos wirkte der Manager bedrückter und weniger optimistisch als früher. Er sagte mit Blick auf die für die Bank ungünstige Entwicklung an den Finanzmärkten: „Alles, was uns fehlt, ist ein bisschen Glück.“

Seiner schweren Krankheit hat Jain länger getrotzt, als seine Ärzte das zunächst für möglich gehalten hatten. Seine erste Diagnose, die Ärzte ihm im Januar 2017 gaben, als sie die Krankheit entdeckten, überlebte der Manager um fünf Jahre. Grund dafür sei „eine Kombination aus gründlicher persönlicher Recherche, taktischem Geschick, unglaublichem Pflegepersonal und schierer Willenskraft“ gewesen, zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg aus einem Brief der Familie. „Bis zu seinem letzten Tag ist er bei seiner lebenslangen Entschlossenheit geblieben, keine Statistik zu sein.“

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