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Digitale Angreifer Corona bremst die Neobanken aus

Junge Banking-Anbieter mit Fokus auf Smartphones gelten als Lieblinge der Investoren. Dass ihr Geschäftsmodell tragfähig ist, müssen sie erst noch beweisen.
17.08.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Der britische Marktführer unter den Neobanken ist trotz üppiger Finanzierung auf Sparkurs. Quelle: obs
Kreditkarte von Revolut

Der britische Marktführer unter den Neobanken ist trotz üppiger Finanzierung auf Sparkurs.

(Foto: obs)

Frankfurt, London Sie heißen N26, Revolut oder Bunq und sind angetreten, um das Bankgeschäft aufzumischen: Neobanken. Mit schicken neuen Smartphone-Apps und innovativen Produkten wollten sie den traditionellen Geldhäusern vor allem junge Kunden abjagen. Doch die Coronakrise versetzt den Angreifern einen ordentlichen Dämpfer. Zwei große britische Anbieter, Monzo und Revolut, haben gerade ernüchternde Geschäftszahlen vorgelegt: Die Verluste gehen durch die Decke und Corona lässt die ohnehin geringen Erlöse schrumpfen. Experten erwarten nun eine Marktbereinigung. Durch den Druck der Coronakrise könnte sehr viel früher als erwartet klar sein, wer durchhält – auch dank geduldiger Investoren – und für wen es schwierig wird.

Nach den Direktbanken haben die Neobanken eine neue Generation von Geldinstituten begründet. In Europa waren die ersten ab etwa 2015 am Markt. Gestartet sind sie mit kostenlosen Girokonten und vergleichsweise schicken Apps für das Smartphone. Eine eigene Banklizenz haben manche von ihnen noch immer nicht und setzen stattdessen auf Dienstleisterbanken im Hintergrund. Zusätzliche Produkte kommen teils von Kooperationspartnern, doch an das Angebotsspektrum einer klassischen Bank reichen sie noch nicht heran.

Das spiegelt sich auch in ihren Erlösen wider, denn die stammen bei den jungen Anbietern überwiegend aus dem Zahlungsverkehr – ein Umstand, der in den vergangenen Monaten für Einbußen gesorgt hat. Zwar zahlen viele Verbraucher seit der Corona-Pandemie mehr mit Karte. Gerade mit größeren Anschaffungen hielten sich die Menschen aber zurück, weil die Unsicherheit über den Job vielerorts zu groß war. Auch durch die Reisebeschränkungen brach einiges an Geschäft weg. 

Nach Ansicht von Katrin Lumma, Partnerin bei der Unternehmensberatung Zeb, war die große Abhängigkeit der Neobanken vom Zahlungsverkehr schon vor der Coronakrise kritisch. „Sie waren vorher nicht profitabel und sind es auch jetzt nicht. Dass ihr Geschäftsmodell tragfähig ist und sie auch ohne Investorengelder am Markt bestehen können, müssen sie erst noch beweisen“, sagt die Beraterin.

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    Coronakrise gefährdet die Existenz

    Und das ist schwieriger denn je. Beim britischen Anbieter Monzo, der mehr als vier Millionen Kunden hat, stellt sich bereits die Existenzfrage. Wegen der Coronakrise bestehe das Risiko, dass die Einnahmen eine Zeit lang deutlich niedriger ausfielen, teilte die Neobank kürzlich mit. Auch die Finanzierung sei schwieriger geworden. „Dies zeigt, dass die Fähigkeit der Gruppe, das Geschäft weiterzuführen, mit materiellen Unsicherheiten behaftet ist“, heißt es im jüngsten Geschäftsbericht. In ihrem beiliegenden Testat warnten die Wirtschaftsprüfer von EY sogar, dass Monzo unter die geforderte Mindestkapitalquote fallen könnte, wenn die konjunkturelle Erholung neun oder zwölf Monate statt der erwarteten sechs Monate dauere.

    Ein Wachstum um jeden Preis kann sich die Neobank nicht mehr leisten. Sparen ist angesagt. Der neue Monzo-Chef TS Anil schloss das Büro in Las Vegas und entließ weltweit mehr als 100 der 1500 Mitarbeiter. Auch die Einführung mehrerer neuer Produkte wurde verschoben. Das spart kurzfristig Kosten, reduziert aber auch die potenziellen Einnahmen. Dennoch will Anil in diesem Jahr eine Million neue Kunden gewinnen und mehr Anreize schaffen, Monzo nicht nur als Zweit-, sondern auch als Gehaltskonto zu nutzen.

    Grafik

    Auch Konkurrent Revolut, der von mehr als zwölf Millionen Kunden spricht, leidet unter der Coronakrise. Der britische Marktführer hat rund 60 der insgesamt mehr als 2000 Mitarbeiter entlassen. Ein Großteil der Belegschaft hat zudem zugestimmt, einen Teil des Gehalts in Unternehmensanteilen zu erhalten. Da das Unternehmen einen besonderen Fokus auf Kunden legt, die viel reisen, ist es von den Corona-Beschränkungen auch besonders betroffen. Zwischenzeitlich seien die Transaktionen um 45 Prozent gefallen.

    Revolut wollte sich auf Handelsblatt-Anfrage nicht zur aktuellen Lage äußern. Für das vergangene Jahr vermeldete das Unternehmen kürzlich einen Vorsteuerverlust von 107 Millionen Pfund (119 Millionen Euro) bei Erlösen von 163 Millionen Pfund (181 Millionen Euro). Hauptgrund für die Verdreifachung des Verlusts war das rasante Mitarbeiterwachstum – von 633 auf 2261. Der Umsatz hatte sich immerhin fast verdoppelt. Trotz der Pandemie bekräftigte Revolut sein Ziel, dieses Jahr die Gewinnzone zu erreichen.

    Anders als Monzo muss sich Revolut vorerst keine Sorgen um seine Finanzierung machen. Die Firma hatte im Februar unmittelbar vor der Krise eine Finanzierungsrunde über 500 Millionen Dollar abgeschlossen und diese im Juli um 80 Millionen Dollar erweitert. Beide Male zu einer Bewertung in Höhe von 5,5 Milliarden Dollar, womit das Start-up zu Europas wertvollstem, nicht börsennotiertem Fintech wurde.

    Etliche N26-Mitarbeiter noch immer in Kurzarbeit

    Auch die deutsche Neobank N26 hat einen guten Kapitalpuffer. Im vergangenen Jahr erhielt sie von Investoren rund 470 Millionen Dollar und wurde mit 3,5 Milliarden Dollar bewertet. Zur gleichen Bewertung sammelte sie im Mai weitere 100 Millionen Dollar ein und gab an, die Finanzierung sei schon vor der Pandemie vereinbart worden. Dennoch schickte sie Anfang April knapp 150 Mitarbeiter aus Deutschland und Österreich in Kurzarbeit, in den USA wurden neun Mitarbeiter entlassen.

    Aus Investorenkreisen heißt es dazu, man habe alle Möglichkeiten ausnutzen wollen, um die Kosten zu senken. Schließlich sei im Frühjahr völlig offen gewesen, wie stark die Coronakrise die junge Bank treffen würde. Das neue Kapital sei zudem nicht für den Ausgleich einer Corona-Delle, sondern für die Weiterentwicklung des Unternehmens gedacht. Bisher ist die Krise für N26 aber offenbar glimpflich verlaufen. Nach Angaben eines Sprechers von N26 sind die Umsätze aus den Transaktionen der Kunden schon nach dem Ende der Ausgangsbeschränkungen wieder auf Vorkrisenniveau gestiegen.

    Anfang August habe N26 in Deutschland sogar ein Allzeithoch beim Transaktionsvolumen der Kunden verzeichnet. „Darüber hinaus entscheiden sich immer mehr Menschen für ein kostenpflichtiges N26-Premiumkonto“, erklärte der Sprecher. Zusätzlich sei die Kundenbasis „weiter stark“ ausgebaut worden. „Insgesamt können wir daher trotz Covid-19 eine signifikante Umsatzsteigerung im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen.“

    Neue Zahlen zu den Kunden nennt die Bank nicht, sondern bleibt bei der Angabe „weltweit mehr als fünf Millionen“. Auch bei der Anzahl der Mitarbeiter, die inzwischen aus der Kurzarbeit zur ursprünglichen Arbeitszeit zurückgekehrt sind, bleibt das Unternehmen vage. Die Anzahl liege im „mittleren zweistelligen Bereich“. Bis N26 den nächsten Jahresbericht vorlegt, dauert es noch etwa ein halbes Jahr. In diesem Frühjahr wurde gemäß den gesetzlichen Vorgaben erst der Abschluss für 2018 veröffentlicht. Demnach hatte der Konzern seinen Verlust auf rund 73 Millionen Euro mehr als verdoppelt und die Erlöse auf rund 38 Millionen Euro etwa vervierfacht. Wesentlicher Treiber waren dabei laut Konzernabschluss die Erbringungen von Zahlungsverkehrsdienstleistungen und das Kartengeschäft.

    Nach Ansicht von Max Flötotto, Senior Partner bei der Beratungsfirma McKinsey, sind die hohen Verluste der Neobanken nicht ungewöhnlich. „Sie setzen weiter stark auf schnelles Wachstum, da spielt die Profitabilität derzeit nur eine untergeordnete Rolle.“ Es geht darum, schnell die eigene Marke aufzubauen, Märkte zu besetzen und zugleich die Fixkosten gering zu halten.

    Ohne nachhaltige Einnahmen geht es aber auch nicht. Nach Einschätzung von Beraterin Lumma kommt es für den Erfolg der Neobanken darauf an, dass sie ihre Kunden von kostenpflichtigen Premiumkonten überzeugen. Die niederländische Neobank Bunq hat ihren Kunden die Entscheidung bereits abgenommen. Sie bietet seit 2017 für Neukunden kein Gratiskonto mehr an und verlangt seit Kurzem auch von früheren Nutzern der Gratisvariante knapp acht Euro pro Monat – ein Preis, den auch viele etablierte Banken und Sparkassen für ein Konto veranschlagen.

    Auch Bunq wirtschaftet noch nicht profitabel. Mit 14 Millionen Euro Verlust im vergangenen Jahr fiel das Minus aber nicht so hoch aus wie bei einigen Konkurrenten. Zudem kommt Bunq bislang ganz ohne externe Investoren aus, Firmengründer und IT-Unternehmer Ali Niknam hat allein 79,9 Millionen Euro in die Bank gesteckt.

    Kunden sollen für Konten bezahlen

    Vivid Money, vor drei Monaten in Deutschland gestartet, hat sein Preismodell bei US-Techkonzernen abgeschaut: Die Kunden erhalten automatisch eine kostenlose Prime-Mitgliedschaft für drei Monate. Anschließend werden sie gefragt, ob sie weiterhin Premium-Kunde bleiben möchten. Falls nicht, fallen einzelne Funktionen weg. 

    Berater Flötotto hält die Abschaffung der kostenlosen Konten für den falschen Weg, denn die seien zentral für das Wachstum. Wichtig sei, dass auch der Vertrieb von Drittprodukten wie Versicherungen gesteigert werde – dafür erhalten die Unternehmen Provisionen.

    Bei der Nachhaltigkeitsbank Tomorrow, deren Angebot ebenfalls auf Smartphonebanking zugeschnitten ist, nutzen nach Angaben des Unternehmens gerade mal zehn Prozent der Kunden eine kostenpflichtige Kontovariante – immerhin zu einem vergleichsweise üppigen Preis von 15 Euro. Noch agiert die Bank mit rund 37.000 Girokonto-Kunden völlig in der Nische. Ob Nischenanbieter sich angesichts der Herausforderungen behaupten können, halten Beobachter für fraglich. „Sie haben deutlich weniger Kapital als ihre breiter aufgestellten Konkurrenten und ein ohnehin geringeres Wachstumspotenzial“, sagt Lumma. „Das könnte zu einer gewissen Marktbereinigung führen.“

    Wie schwer es ist, sich auf dem deutschen Markt zu behaupten, zeigt das Beispiel Moneyou. Die niederländische Großbank ABN Amro stellt ihre Onlinemarke, die auch ein Girokonto umfasst, sowohl auf dem Heimatmarkt als auch in Deutschland ein. Die Bank begründet den Schritt mit den niedrigen Zinsen. Sie erschweren in der Tat attraktive Konditionen für Tages- und Festgeld.

    Damit die Kunden bereit sind, für das Konto zu bezahlen, müssen auch die Leistungen attraktiv sein. Besonders gefragt waren bei Kunden in den vergangenen Monaten Wertpapierdepots und Kredite. Klassische Onlinebanken sind da im Vorteil. Die drei großen in Deutschland – Comdirect, DKB und ING – verzeichneten im ersten Quartal 2020 bereits ein deutliches Plus bei den Kundenzahlen, besonders bei den Depots. Die Entwicklung hat sich im Sommer fortgesetzt.

    Björn Frank, Partner der Beratungsfirma Investors Marketing, rechnet damit, dass solche etablierten Onlinebanken weiter stark wachsen. Statt einer Neobank würden viele Kunden in dieser Phase eine etablierte Digitalbank vorziehen, „weil sie sich davon mehr Sicherheit versprechen“. Die steigende Nachfrage nach digitalen Produkten ist also kein Selbstläufer für die jungen Angreifer.

    Mehr: Warum Geschäftskonten ein Erfolgsmodell sein können

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